Konsum: Der Aufstand der Satten

„Das Nachdenken über „unser täglich Brot“ hat die Esstische und die Kinder der Mittelschicht erreicht. Aber die Politik verzagt vor der Aufgabe einer wirklichen Ernährungs- und Agrarwende. Dabei ist der „Aufstand der Satten“ ähnlich explosiv wie die Anti-Atomkraft-Bewegung … | … Und dieses Gemeinwohl geböte, die Sozialbindung des Eigentums auf die politische Agenda zu rücken. Nicht nur die des Eigentums an Industrieanlagen, sondern ebenso des Eigentums an Grundbesitz. Auch sein „Gebrauch soll […] dem Wohl der Allgemeinheit dienen“, wie es der Artikel 14,2 unserer Verfassung vorschreibt. Und damit ist eben nicht vereinbar, dass die Erde, von der wir leben, unfruchtbar wird, dass Ackerboden der Mobilität geopfert wird, Getreide für die Gasproduktion wächst, der Profit der Hähnchenbarone mit der sozialen und ökologischen Verwüstung Lateinamerikas erkauft wird. … | … auch wenn wir nicht bei jedem Bissen daran denken können – das wäre ja nicht gut für Appetit und Genuss – mit unserem Essen greifen wir ins natürliche Geschehen ein und mit unserem Essen gestalten wir die Welt, in der wir und die Menschen weit weg von uns leben und leben werden. … | … Küchen, in denen sie [Kinder] merken, dass Kartoffeln nicht aus dem Glas kommen, die Lammstulle nicht vom Döner-Tier, dass Pastinaken keine Sekte sind; dass man Brause aus Zitronen machen kann und dass eine Pizza zu belegen ein individueller kreativer Akt sein kann. Mit einer solchen Kulturrevolution des Genusses würde man nicht einmal Arbeitsplätze vernichten, sondern Hunderttausende schaffen. … | … In der Unterschicht werden mehr Fleisch, mehr Wurst, mehr Fett, mehr Süßigkeiten gegessen und drei bis vier mal mehr Softdrinks, mehr Fertigpizzen verzehrt, und so weiter und so weiter. Das Resultat nennen die Ernährungswissenschaftler „verdeckten Hunger“ – also zu wenig Vitamine und Nährstoffe – und Übergewicht. … | … Eine nachhaltige Veränderung unseres Lebensmittelkonsums würde die gesamte Wirtschaft in den Zusammenbruch treiben. … | … Nur durch diese enorme Verbilligung des Essens wurden erst die Mittel frei für den Massenkonsum von Automobilen, Elektronik, Haushaltsgeräten, größeren Wohnungen und Reisen. Erst kam das Fressen und dann eben nicht die Moral, sondern die Entfesselung des Konsums. … | … Allein um die Lebensmittelampel zu verhindern, die auf den Verpackungen vor schädlichen Produkten warnen sollte, hat die Lebensmittellobby eine Milliarde Euro in Brüssel eingesetzt. … | … Der Hunger und die mangelhafte Ernährung von 2,8 Milliarden Menschen und die Überernährung, die Fettleibigkeit und viele der Krankheiten von 1,4 Milliarden Menschen haben eine gemeinsame Ursache – in der Entkoppelung, Zertrennung, Entfremdung, Ökonomisierung und Globalisierung von Lebensmittelproduktion und Verbrauch. … | … Bilder lösen heftige Gefühle aus, die Empathie mit der Kreatur ist offenbar immer noch in unseren Seelen verankert. Aber je mehr man sich mit der Materie beschäftigt, desto mehr verbinden sich die unguten Gefühle mit dem Wissen über die Gründe für diese Gefühle; und diese Mischung geht über Mitleid mit der Kreatur und den Ekel über blasse Hähnchenteile und wasserhaltige Schnitzel hinaus.“

01.05.2014 | von Mathias Greffrath

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Über Red Skies Over Paradise

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