Volksfest

„Wir wussten, dass wir unsere Unschuld verloren hatten und dass das keine Rolle spielte. Wir schwiegen auch noch im Zug in unseren neuen Anzügen neben den kaum benutzten Aktentaschen, und während wir nach Hause fuhren, dachten wir an das Mädchen und die ordentlichen Männer und sahen uns nicht an. Als wir ausstiegen, wussten wir, dass die Dinge nie wieder einfach sein würden. … | … Die Männer wurden entlassen. Sie gingen durch einen Hinterausgang, sie gingen zurück zu ihren Frauen und Kindern und ihrem Leben. Sie bezahlten weiter ihre Steuern und ihre Kredite, sie schickten ihre Kinder in die Schule, und keiner redete mehr über die Sache. Nur die Kapelle wurde aufgelöst. Ein Prozess fand nie statt. … | … Am Nachmittag hob der Richter die Haftbefehle auf, er sagte, es sei kein Nachweis zu führen, die Beschuldigten hätten geschwiegen. … | … Es gab Bilder von der jungen Frau, von ihrem geschundenen Körper, ihrem geschwollenen Gesicht. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. … | … In einem Strafverfahren muss niemand seine Unschuld beweisen. Niemand muss reden, um sich zu verteidigen, nur der Ankläger muss Beweise vorlegen. Und das war auch unsere Strategie: Alle sollten einfach schweigen. Die erst vor kurzem zugelassene DNA-Analyse war ohne Ergebnis geblieben – die Spuren waren verunreinigt, sie hatten sich in ihrer Vagina, in ihrem After und auf ihrem Körper vermischt. Die junge Frau konnte die Täter nicht nennen, sie konnte die Männer nicht auseinanderhalten; unter Schminke und Perücke hatten alle gleich ausgesehen. … | … Unter der Bühne war es dunkel und feucht. Sie lag dort, nackt und im Schlamm, nass von Sperma, nass von Urin, nass von Blut. Sie konnte nicht sprechen, und sie rührte sich nicht. Zwei Rippen, der linke Arm und die Nase waren gebrochen, die Scherben der Gläser und Bierflaschen hatten ihr Rücken und Arme aufgeschnitten. Als die Männer fertig gewesen waren, hatten sie ein Brett angehoben und sie unter die Bühne geworfen. Sie hatten auf sie uriniert, als sie dort unten lag. Dann waren sie wieder nach vorne gegangen. Sie spielten eine Polka, als die Polizisten das Mädchen aus dem Matsch zogen. … | … Der erste August war selbst für diese Jahreszeit viel zu heiß.“

26.09.2009 | von Ferdinand von Schirach

alles lesen => http://www.spiegel.de/spiegel/kulturspiegel/d-67031054.html

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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Eine Antwort zu Volksfest

  1. arabella50 schreibt:

    Obwohl wegschauen keineswegs hilft, vermeide ich so etwas zu lesen.
    Damit, so finde ich, ist dem Opfer nicht geholfen.

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