Was übrig bleibt – Eine Jugend im Jesuiten-Internat St. Blasien

„Als ich auflegte, wurde mir klar, dass St. Blasien plötzlich einen anderen Klang bekommen hatte und die Erinnerungen nie wieder die gleichen sein würden. … | … Pater S., der gestanden hat, die Jungen in Jesuitenschulen missbraucht zu haben, war Sportlehrer. … | … Nichts davon würde ein moderner Pädagoge ertragen: nicht, wie wir nachts, weil wir laut gewesen waren, das Johannesevangelium abschreiben mussten, bis uns die Augen zufielen, und nicht die Ohrfeigen, die wir manchmal bekamen. … | … Markenkleidung wäre dort lächerlich gewesen, und den Jungen, der die erste teure Uhr trug, fanden wir alle peinlich. … | … Nabokov sagt, dass Kinder sich langweilen müssen, daraus entstehe alles. … | … Vor allem erinnere ich mich an die Freundschaften, die noch nichts Berechnendes hatten und in denen es noch nichts außer den anderen gab. … | … Ich erinnere mich … an die Zugfahrten nach den Ferien ins Kolleg, an das Dunkle des Schwarzwaldtals, das man nur ertrug, weil es die hellen Stimmen der anderen gab. … | … In der ersten Abteilung waren wir 30 Kinder in einem Saal, Bett an Bett, dazwischen kleine Nachttische aus hellem Holz. Zwischen zwei Schlafsälen lag der Waschsaal, 60 Waschbecken nebeneinander, kein warmes Wasser. Im Winter war es so kalt, dass manchmal aus dem Hahn kleine Eiskristalle kamen.“

08.02.2010 | von Ferdinand von Schirach

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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2 Antworten zu Was übrig bleibt – Eine Jugend im Jesuiten-Internat St. Blasien

  1. melcoupar schreibt:

    Du bist ja so etwas wie meine persönliche Zeitung geworden und ich mag die Vielfalt, die Du postest. Danke dafür. Den Schirach mag ich gern. Klar und direkt sein Schreibstil, ohne Schnörkel. Schönes Wochenende. Melanie

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