Der Nomade

Veröffentlicht am April 23 2014 von Viola Pustekuchen

Eine Aztekin hätte sie in ihrem früheren Leben sein müssen, hatte er zu ihr gesagt als sie sich kennen lernten, mit ihren hohen Wangenknochen und ihrem stolzen Auftreten, ganz sicher eine Aztekin. Oder eine Ägypterin, da konnte er sich nicht so recht festlegen. Auf jeden Fall etwas Edles, etwas Wertvolles, das sollten seine Worte ihr ausdrücken. Darüber hatte sie nur geschmunzelt und ihn erheitert von der Seite angeguckt. Das war typisch er. Das wusste sie mittlerweile. Im Laufe der Zeit hatte er noch viele solcher Aussagen von sich gegeben. Jeder seiner Sätze sprach von seiner tiefen Bewunderung, von seiner Zuneigung zu ihr. Liebe wagte er es niemals zu nennen. Wahrscheinlich ahnte er, dass sie mit dem Wort nichts anzufangen wusste. Und letztendlich bestand das Leben in seiner Philosophie aus einem Kreislauf voller Liebe. Da war es nicht notwendig, seine Gefühle besonders zu betonen. Die Liebe war allgegenwärtig.

Eine seiner ersten Fragen, die er an sie richtete, erkundigte sich nach ihrem Sternzeichen. Dann nach ihrem Geburtsdatum und der Geburtsstunde. Und daraus schloss er Einiges. Erinnern konnte sie sich nur noch an eins: Er war verwundert, dass sie als Element das Feuer hatte und nicht die Erde. Weil sie immer so fest verwurzelt schien, so ruhig, so geduldig hätte er schwören können, dass die Erde ihr Element sei. Sie verwunderte das nicht. Feuer, das war das wie sich ihr Inneres anfühlte, kam ihr selbst am nächsten. Lodernd, unruhig, immer den Drang sich fortzubewegen, auszubreiten. Niemals zurückschauen, niemals auf Verluste blicken. Weitermachen, immer weiter und vor allem eins: niemals Jemanden zu nah an sich heranlassen. Das war das was ihr Innerstes ihr selbst verkündete. Nach außen wusste sie dies gut zu verbergen. Kalt wirkte sie auf viele Andere, wie manche ihr im späteren Verlauf einer Freundschaft berichteten. Arrogant, zu selbstsicher, unnahbar waren ebenfalls beliebte Beschreibungen. Wie schnell Menschen sich doch täuschen ließen. Von ein bisschen Schauspielerei.

Er nicht. Oder zumindest auf eine ganz andere Art als sie es jemals beabsichtigte. Egal was sie tat, er sah immer das Gute darin. Auf ihn wirkte sie nicht kalt, sondern stolz. Nicht arrogant, sondern selbstsicher. Nicht unnahbar, sondern ruhig und geduldig. Sie hielt ihn auf Abstand wie sie jeden Mann auf Abstand hielt. Traf sich ab und an mit ihm. Hörte ihm zu und erzählte. Allerdings nie zu viel von sich selbst. Zumindest nichts wichtiges, nichts Bewegendes. Sie weiß bis heute nicht, ob er das bemerkte. Er forderte nie. Nahm immer das was er bekam. Und das war bei weitem nicht viel. Von außen betrachtet war es sogar sehr wenig. Sie behandelte ihn wie sie jeden Mann behandelte. Er war nicht ganz auf ihrer Wellenlänge, hatte Vorstellungen vom Leben, die nur bedingt mit ihren übereinstimmten. Er träumte, von einer besseren Welt, von einer Welt ohne Konsum, ohne Geld ohne Neid und voller Liebe. Und das ganze meist umgeben von einem süßlichen Geruch, der das Gehirn benebelte. Sie hielt nichts von solchen Drogen. Aber es machte ihr auch nichts aus, dass er welche nahm. Meistens lachte sie nur über seine Aussagen. So richtig ernst nehmen konnte sie ihn nie.

Aber sie ließ sich seine Worte gefallen. Abends trafen sie sich zu langen Spaziergängen. verbrachten Nächte am See. durchwanderten im Geiste die verschiedensten Erdflecken. Es war meistens ihre Initiative. Er hatte es die ersten paar Male versucht und immer nur Abfuhren erhalten. Und erst als er sich nicht mehr gemeldet hatte, war in ihr ein leises Interesse geweckt worden. Ihre Freiheit war ihr wichtig. Das sagte sie zumindest nach außen. Behauptete sie. Und wahrscheinlich hatte sie im Laufe ihres Lebens irgendwann angefangen es selbst zu glauben. Psychologen hätten es bestimmt mit Bindungsangst betitelt und lägen damit nicht falsch. Aber das kam ihren eigenen Empfinden nicht nah. Sie war eine Einzelgängerin, fühlte sich mit zu viel Nähe nicht wohl. Und war glücklich mit sich selbst. Und so richtig allein war sie nie. Da war immer Jemand. Aber meistens merkte dieser Jemand nicht, dass er über das Jemandsein niemals hinauswachsen würde. Meistens bemerkten sie nur das Fehlen tieferen Interesses ihrerseits und fingen häufig an mehr zu verlangen. Sie an sich binden zu wollen. Und dann war es Zeit sich zu verabschieden, wie sie es nannte. Nicht so er. Er hatte sie nie binden wollen, war immer von der gemeinsamen tiefen Verbindung überzeugt gewesen. Selbst als sie fortging, als die Ferne sie rief, hatte er fest weiter an sie geglaubt. Es konnten Jahre vergehen, ohne dass Beide voneinander hörten. Jeder lebte sein Leben.

Und doch kam niemals der Zeitpunkt wo sie sich voneinander verabschiedeten. Es hatte auch niemals einen Zeitpunkt gegeben, in dem sie sich als Paar bezeichnet hatten. Er hatte sie einfach ziehen lassen als sie fortging. Und sie ging ohne zurückzublicken. Wie sie es immer tat. Sie ging ihres Weges. Allein. Eines Tages stand er dann vor ihrer Tür. Er hatte sich einen guten Zeitpunkt ausgesucht. Sie hatte gerade keinen Lebenspartner und war in einer Phase, in der sie sich einsam fühlte. Er blieb einige Wochen und nun war es an ihm zu gehen. Seine Gartenlaube rief ihn zurück an die Arbeit. Wenn er den nächsten Winter überstehen wollte, musste er jetzt vorsorgen. Er lebte jenseits des Konsums, nur von den Produkten, die er selbst erzeugt hatte, mit seinen eigenen Händen verdient und erarbeitet. Sie beschmunzelte auch diese Lebensweise. Sie war ihrer eigenen so fremd. Es war der bürgerliche Weg, den sie ging, der maßgeschneiderte, ohne unvorhergesehene Hindernisse.

Er ging. Und von da an wurde es zur Regel, dass sie sich sahen. In unregelmäßigen Abständen. Immer wieder. Sie hatten andere Lebenspartner. Diese gingen. Und dann sahen sie sich wieder. Bei einigen sahen sie sich auch währenddessen. Nicht weil sie ohne einander nicht auskamen, sondern einfach weil es sich so ergab. Und manche Lebenspartner es nicht lohnten von diesem Glück fern zu bleiben. Wenn sie jemals geheiratet hätte, dann hätte sie davon ablassen müssen. Aber eine Heirat kam für sie niemals in Frage. Und es wäre fraglich gewesen ob sie tatsächlich von ihm abgelassen hätte. Zu sehr verschmolz er in ihrem Kopf im Laufe ihres Lebens mit ihrem Freiheitsgefühl. Bis zuletzt hatte er an ihr tiefes inneres Bündnis geglaubt, hatte sie für etwas Besonderes gehalten. Sie hatte innerlich immer nur gelacht. Hatte sich gefragt was er an ihr besonders fand, wo sie doch nichts gemeinsam hatten. Und hatte gedacht, dass die Verbindung so tief nicht sei und sie jederzeit von ihm ablassen könnte. Ihn jederzeit nie wieder sehen könnte.

Das hatte sie gedacht und nicht geahnt, dass sie eines Tages vor seinen Überresten stehen würde. Die sie in seiner Gartenlaube auf seinem Bett gefunden hatte. Sie hatte nicht gedacht, dass es jemals so weit kommen würde. Dass sie ihn jemals zu Grabe würde tragen müssen. Dass sie jemals irgendwen zu Grabe würde tragen müssen. Sie hatte nicht gedacht, dass sie sich dazu nicht in der Lage fühlen würde. Dass es ihr unmöglich erscheinen würde sich von seinen Überresten zu trennen und ihn gehen zu lassen. Seit Stunden kniete sie vor seinem Bett. Unfähig sich zu bewegen. Unfähig das Nötige zu tun. Sie hatte immer gedacht, dass sie einfach irgendwann gehen würde. Hatte sich für die Nomadin gehalten, die frei war zu tun und lassen, was ihr beliebte. Er hatte sie eines Besseren belehrt. Er war gegangen wann es ihm beliebte, er war der Nomade. Er hatte immer Recht gehabt.‘

[Viola Pustekuchen]

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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