Schuld und Sühne – Nach dem Ende der Verantwortung

„Schuld: Das kann all das meinen, für das man schuldig im Sinne einer Urheberschaft ist. Schuld kann aber auch das bedeuten, was man einem anderen schuldet, was man, im übertragenen und wörtlichen Sinn zurückzahlen muss. … | … Sühne steht nicht nur in einer formalen Beziehung zu einer Tat – indem etwa nach einem angemessenen Strafrahmen gesucht wird -, sondern in einer inhaltlichen: Wie kann, nach dem etwas getan, und diese Tat als falsch und verwerflich erkannt wurde, noch reagiert werden? Wie kann auf die Frage: Warum hast du das getan? noch geantwortet werden? … | … Was gilt eigentlich der Wille des Einzelnen in solch einer Welt verschobener Verantwortlichkeiten? … | … Wir gehen in der Regel davon aus, dass Verantwortlichkeit nur dort gegeben ist, wo jemand souverän, bewusst und gezielt eine Handlung setzt, über deren Konsequenzen er sich zumindest im Prinzip im klaren ist. Es kann erwartet werden, dass er die Folgen seines Handelns hätte abschätzen können. … | … Nur dort, wo etwas in unserer Macht steht, hat die Rede von Freiheit und Verantwortung einen Sinn, nur dort, wo andere Menschen unserer Macht unterworfen sind, erwächst aus dieser Macht auch Verantwortung für diese Menschen. Das mag hart klingen: aber wir können in einem sozialen Sinn nicht von Verantwortung sprechen, ohne nicht auch die Machtfrage zu stellen. … | … Die Macht, die etwa dem internationalen Finanzkapital durch die Entwicklung des letzten Jahrzehnts objektiv zugewachsen war, entsprach in keiner Weise dem Maß der sozialen Verantwortung, das daraus hätte erwachsen müssen. Die Krisen der letzten Jahre zeigen, dass gerade die hoch bezahlten sogenannten Verantwortungsträger ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, aber auch nicht zur Verantwortung von jenen gezogen werden können, die dann die Folgen zu tragen haben. … | …  Wer keine Macht hat, kann niemanden zur Verantwortung ziehen. Wer keine Macht hat, kann weder Verantwortung übernehmen noch diese an andere delegieren. … | … Wer die Macht scheut, soll also von Verantwortung nicht sprechen. Wer will, dass wir für das, was wir tun, auch verantwortlich gemacht werden können, muss die Macht haben, uns zu zwingen, Rede und Antwort zu stehen. Und umgekehrt gilt: Wenn wir wollen, dass jemand für das, was er tut, verantwortlich ist, müssen wir ihn zwingen können, uns Rede und Antwort zu stehen. Dort, wo wir den Anspruch haben, freie Wesen zu sein, sollten wir die Verantwortung für unser Tun nicht bei anderen suchen. Dort, wo es gilt, für andere Verantwortung zu übernehmen, sollte dies weder aus reiner Machtgier durch die einen noch aus reiner Bequemlichkeit durch die anderen geschehen; vor allem aber sollte man darauf achten, dass man sich beim Übernehmen von Verantwortung nicht übernimmt. Dort aber, wo mit großer Geste freiwillig Verantwortung für andere übernommen wird, sollten wir mehr als vorsichtig sein. Die Bevormundung des Menschen durch Instanzen, die suggerieren, nur sein Bestes zu wollen, indem sie ihm die Fähigkeit absprechen, selbst Entscheidungen zu treffen und für deren Folgen einzustehen, infantilisieren den Menschen nicht nur; sie beschneiden nicht nur seine Freiheit; sie nehmen ihm auch die Würde. Wer von Kindesbeinen an lernt, dass nie er selbst, sondern immer Andere für das eigene Verhalten verantwortlich gemacht werden können, bleibt nicht nur an diese Kindesbeine gefesselt. Er ist dann auch darauf angewiesen, dass für ihn die Verantwortung übernommen wird. … | … Verantwortung setzt Freiheit voraus. Und Freiheit impliziert immer auch ein Risiko. Auch das Risiko zur Selbstschädigung. Zur Selbstverantwortung gehört auch die Möglichkeit zu einem Handeln, das andere mitunter verantwortungslos finden können. Nur sollte man dann auch die Kraft und den Mut haben, dafür einzustehen – mit allen Konsequenzen. Genau um diese Form der Verantwortung ging es dort, wo früher einmal von Schuld und Sühne die Rede war.“

21.09.2014 | von Konrad Paul Liessmann

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2 Antworten zu Schuld und Sühne – Nach dem Ende der Verantwortung

  1. melcoupar schreibt:

    Sehr spannender Artikel. Danke fürs Teilen. Ich wünsche Dir schöne Feiertage mit Ruhe, in denen Du Kraft tanken kannst. Alles Liebe. Melanie

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