Dat is doch normal

»Wenn’s plötzlich am helllichten Tage passiert,
Dass ein Fremder einem Fremden die Fresse poliert
Wenn ein Mensch seine ganze Familie erschlägt,
Und sie dann in seinem Hobbykeller zersägt.

Wenn einer ganz bös auf die Schnauze fällt,
Und ein andrer das filmt und ins Internet stellt.
Wenn Tags darauf Hunderttausende die Szene anklicken
Und Kopien an all ihre Freunde verschicken.

Wenn der Mann nebenan Frau und Kinder verprügelt,
Und die Nachbarin seelenruhig Handtücher bügelt.
Wenn der Hauswart im Flur Lavendel versprüht,
Weil ein Hauch von Verwesung durch Treppenhaus zieht.

Wenn’s keiner mehr hört,
wenn’s keiner mehr sieht,
Weil‘s keinen mehr stört,
Was auch immer geschieht,
Weil der eine dem andern nur noch egal,
Dann ist das alles in allem völlig normal.

Wenn die Reichsten den Ärmsten Kredite geben –
Zum Sterben zu viel und zu wenig zum Leben.
Wenn sie dann, kurz bevor diese Ärmsten verrecken
Ganz schnell noch die Pfändungsbescheide vollstrecken.

Wenn die Schleuser und Schlepper die Hoffnung verkaufen,
Und die Käufer in schwimmenden Särgen ersaufen.
Wenn die Mörder ihr Gewissen in den Brieftaschen tragen
In Hochsicherheitstrakten mit Selbstschussanlagen

Wenn die Räuber und Diebe dann endlich verschwinden,
Weil sie nirgends mehr etwas Verwertbares finden.
Wenn dann keiner die Taten der Täter beklagt,
Und schon gar keiner mehr nach den Opfern fragt.

Weil sie keiner mehr hört
Weil sie keiner mehr sieht
Weil‘s keinen mehr stört
Was auch immer geschieht
Weil der eine dem andern einfach nur noch egal
Dann ist das alles in allem völlig normal

Normal ist, wenn beim Verfassungsschutz wieder einmal keiner wusste, was er wusste, als er eigentlich wissen musste, was alle wissen konnten, aber keiner wissen wollte und dementsprechend auch keiner gewusst haben will.

Normal ist, dass die NPD in Deutschland verboten werden soll, Bild-Zeitung, RTL2 und der militärische Abschirmdienst aber weiterhin erlaubt bleiben.

Normal ist, wenn 70 Prozent der Bevölkerung fordern, man müsse einen Vergewaltiger zur Strafe mal so richtig vergewaltigen.

Normal ist, dass junge Mütter die Abfalleimer auf den Bahnhofsklos als Baby-Klappe nutzen.

Normal ist, wenn Rentner sich am Monatsende mit ihrem kleinen Liebling das Hundefutter teilen.

Normal ist, dass es in diesem Land 500.000 Väter gibt, die sagen: Unterhalt? Nein, ich würde von meinen Kindern nichts nehmen.

Normal ist, dass ein neoliberaler Rotzlöffel wie Philip Rössler, der noch keine Sozialwohnung von innen gesehen hat, vom mitfühlenden Liberalismus schwadroniert.

Normal ist, dass sich eine frauenpolitisch komplett unterbelichtete Trutsche wie Christina Schröder mit den Erkenntnissen der Frauenbewegung den Hintern abwischt und nichts besseres zu tun hat, als eine Extraprämie für die bravste Mutti am heimischen Herd auszuloben.

Normal ist, dass es in Deutschland 7,3 Millionen Niedriglöhner gibt, also Menschen mit einem Stundenlohn von 7 Euro 18 und deutlich weniger.

Dass zwischen 2000 und 2010 die Nettolöhne um 1,7 Prozent gefallen sind, die Unternehmens- und Vermögenseinkommen im gleichen Zeitraum aber um 38 Prozent zugenommen haben.

Dass hier bei uns im Land der sozialen Gerechtigkeit und des immerwährenden inneren Friedens die reichsten 10% der Bevölkerung 61 Prozent des Volksvermögens besitzen.

Dass 7 Millionen Menschen von Hartz IV leben, davon 2 Millionen Kinder und Jugendliche.

Dass es in Deutschland keinen flächendeckenden Mindestlohn gibt

Dass es in den Städten keinen halbwegs bezahlbaren Wohnraum mehr gibt.

Dass ein Staat, der sich Sozialstaat nennt, seine wichtigsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Kranken- und Altenpfleger, die Kindergärtner, Sozialarbeiterinnen und Streetworker so erbärmlich bezahlt, dass diese Leute nicht einmal ordentlich in Urlaub fahren können.

Normal ist, wenn der Chefvolkswirt der deutschen Bank sagt: „Ich frage mich immer, warum man junge Menschen, die Familie haben, mit sechs Wochen Urlaub beglückt, wenn sie nicht einmal das Geld haben für eine Woche.
Normal ist, wenn der letzte wirklich große Deutsche, Loddar Mathäus, sagt: „Wir dürfen den Sand jetzt nicht in den Kopf stecken.“

Denn normal ist das so üblich
Normal läuft das nach Plan
Normal ist das betrüblich
Normal kräht da kein Hahn
Normal geht das hier rein
Und da gleich wieder raus
Normal muss das wohl sein
Normal sieht das so aus

Normal ist das doch letztlich
Normal nicht ungesetzlich
Normal ist der zwar schlecht
Doch normal ist der im Recht
Normal ist das gerissen
Normal sind das so Tricks
Normal wirst du beschissen
Doch normal machst du da nix

Normal hört man da weg
Normal ist das bequem
Denn normal ist dieser Dreck
Normal nicht dein Problem

Normal gibt es am Ende für keinen was zu lachen
Und deshalb sollten wir uns langsam aber sicher mal den einen oder anderen ernsthaften Gedanken um die Zukunft machen.«

11.11.2012 | von Wilfried Schmickler

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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5 Antworten zu Dat is doch normal

  1. Maja schreibt:

    Hat dies auf Querbeet rebloggt und kommentierte:
    leider stimmts

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  2. Christiane schreibt:

    „Wenn dies die beste aller Welten ist, wie müssen dann erst die anderen sein?“ (Voltaire)
    Wenn ich das lese, will ich es nicht wissen.

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  3. S. Meerbothe schreibt:

    Hat dies auf Tüpflischiesser rebloggt und kommentierte:
    Leute, es ist wirklich wahr. Es ist Zeit. Und bitte gerne weiter verbreiten.

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  4. S. Meerbothe schreibt:

    Wow! Richtig und wahr. Pfeffer dahinter. Verbreiten.

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  5. melcoupar schreibt:

    DANKE. Ich weiß schon, warum ich „normal“ nicht mag.

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