Die Liebe in den Zeiten des Internets – Wie sich internetinitiierte Bekanntschaften auf die Kommunikation der Liebe auswirken

… Sie [die Pragmatik] kennzeichnet langjährige Beziehungen, bewährt und eingeschliffen in Routinen und Gewohnheiten, Beziehungen, die sich an finanziellen Notwendigkeiten orientieren oder den Zwängen und Pflichten der Betreuung und Erziehung des Nachwuchses, Beziehungen „offener“ Art, die nach Maßgabe der Nebenexistenz von Geliebten Bestand haben, Beziehungen, die lediglich der Institution der Ehe ihren Bestand schulden, Beziehungen im Sinne von episodenartigen, eher sexuell motivierten Liebeständeleien, Beziehungen, die sich in der schlichten Abwesenheit von Alternativen bewähren, Beziehungen, die aufgrund der (etwa berufsbedingten) Abwesenheit der Partner „harmonieren“ und so erst im Rentenalter problematisch werden, etc. – Alternative bleibt natürlich ein Single-Dasein. … | … Es könnte sein, dass Liebe sich […] mit der vergleichsweise anspruchslosen (naturgemäß kurzepisodigen) Beobachtung der Neuheit von Personen begnügt, also dass vorrangig sexuell geprägte Verliebtheiten üblich werden (im Sinne etwa der etablierten Urlaubsflirts). … | … Zu vermuten ist immerhin […] dass Liebe zu pragmatischeren Formen findet, realistischere Erwartungen ausprägt, mehr Bescheidenheit im je individuellen Wahrgenommenwerden erlaubt, kurze Liebesepisoden nicht mehr enttäuschend wirken, sondern vielmehr erwartet werden. … | … Je verzweifelter der oder die „Richtige“ gesucht wird […], desto stärker gerät die Redundanz, die Austauschbarkeit von Personen in den Blick. Je mehr Bekanntschaften konsumiert werden, desto wahrscheinlich wird, dass nicht die je einzigartigen Individualität von Personen beobachtet wird, was Liebe zuträglich wäre, sondern der Vergleich von Personen die Wahrnehmung leitet – und somit die allenfalls Liebe generierende Individualität von Personen gerade negiert wird! … | … Die für die romantische Liebe zentrale Individualität von Personen wird im Bekanntschaftsmedium durch die Auswahl aus einem de-individualisierten Pool von Personen korrumpiert. Ein ideal romantischer, nicht korrumpierter Beginn der Liebe wäre ohne Wahl, wäre eine Zufalls- oder Schicksalsbegegnung. … | … Charakteristisch für Liebe ist die systematische Überschätzung der Unterschiedlichkeit von Personen; hingegen ist das Bekanntschaftsmedium so disponiert, dass die Individualität von Personen systematisch unterschätzt wird. … | … Allerdings ist, gerade angesichts der hohen, unwahrscheinlichen Anforderungen des symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums Liebe, fraglich, dass die Form des Beginns einer Bekanntschaft keine – vielleicht aber sogar negative, der Liebe schadende? – Auswirkungen haben sollte. … | … Durch internetbasierte Partnerschaftsagenturen und Dating-Apps lässt sich zwar nicht die Konstitution von Liebesbeziehungen organisieren […] aber das Kennenlernen im grundsätzlichen Sinne, die Entstehung von Interaktionssystemen schlechthin lässt sich organisatorisch wahrscheinlich machen. … | … Passionierte Liebe beweist sich also gerade nicht an „objektiven“ Merkmalen, etwa einem attraktiven Aussehen oder an besonders liebenswerten Charakterzügen, sondern an der als einzigartig wahrgenommenen Individualität einer Person, ihrer spezifischen Weltsicht, beweist sich demnach augenfällig gerade an der Möglichkeit ihrer eigenen Unmöglichkeit, daran, dass liebend jegliche Eigenschaft, jegliches Erleben des anderen als liebenswert wahrgenommen wird. … | … Gleichwohl kann angenommen werden, dass Kommunikation im Medium der Liebe angesichts moderner, internetbasierter Formen der Kommunikation unter Veränderungsdruck gerät. … | … In unserer modernen Gesellschaft, in der sich Personen nahezu einhellig als „individuell“ wahrnehmen, hat romantische Liebe, zumindest als orientierendes Musterbild von Liebessemantik, nichts an Bedeutung verloren.«

15.06.2014 | von Jörg Räwel

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3 Antworten zu Die Liebe in den Zeiten des Internets – Wie sich internetinitiierte Bekanntschaften auf die Kommunikation der Liebe auswirken

  1. nandalya schreibt:

    Ich liebe mustervorbildlich-klassisch. Sogar eine echte Elfe ;-) Von internetten Mädels halte ich nix.

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  2. lebensfilm schreibt:

    Eeieieieiei…dieser Text…rationaler Zugang zu immerwährend interessantem Thema.

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