Warum niemandem geglaubt werden sollte, der eine Vergewaltigung anzeigt

»Wenn Überzeugungswelten aufeinanderprallen, wo eine Versachlichung wichtig wäre | … Was aber in Filmen oft auch dargestellt und nun im Zuge einer Diskussion sogar gefordert wird, ist, dass jemandem, der eine Vergewaltigung meldet oder anzeigt, automatisch geglaubt werden soll. Hierbei offenbart schon die Sprache das Problem: Es soll nicht um Wissen oder Erfahrung gehen, sondern um Überzeugungen, um (den) Glauben. … | … Es wäre […] an der Zeit, eine „Rape Culture“ zu begründen. Eine Kultur, die Vergewaltigung als verwerflich ansieht, egal an wem verübt und durch wen. Aber auch eine Kultur, die trotz allem den Rechtstaat hochhält und von Vorverurteilungen absieht – die eine Meldung wie „xy der Vergewaltigung bezichtigt“ eben als solche Meldung ansieht und nicht automatisch mit den eigenen Vorurteilungen gegenüber (meist männlichen) Personen verknüpft und so dann (weil eben „geglaubt wird“, dass an den Anschuldigungen etwas dran sein muss) der Beschuldigte ab dem Moment der Anschuldigung bereits, zum Schuldigen mutiert. Wenn nicht vor Gericht, so doch in der öffentlichen Wahrnehmung, „Unschuldig bis zum Gegenbeweis“ sollte auch bei Straftaten im sexuellen Bereich gelten, wenn nicht der Rechtstaat vor lauter falsch verstandener Empathie begraben werden soll. … | … eine falsche Anschuldigung [ist] schnell erhoben … – egal welche Straftat es betrifft. Letztendlich kann dies also jeden treffen und jeder dürfte sich wünschen, in einem solchen Moment von Menschen umgeben zu sein, die die „unschuldig bis zum Gegenbeweis“-Maxime noch achten. … | … Hinzu kommt, dass für den Beschuldigten das Leben nach einer Falschbeschuldigung oder einem Freispruch keineswegs einfach weitergeht – das Stigma des Vergewaltigers haftet weiter. … | … die Konsequenzen einer solchen falschen Anschuldigung [sind] weitaus schlimmer …: Familien und Bekannte distanzieren sich, gerade bei männlichen Verdächtigen halten sich Frauen fern, Arbeitgeber sprechen Kündigungen aus oder finden Alibigründe hierfür. … | … Auch ohne jemandem, der weinend und mit blutigen Lippen zu mir kommt, automatisch seine Version der vergangenen Geschehnisse zu glauben, ist es möglich, diese Person ernst zu nehmen und als Polizist den Sachverhalt so genau wie möglich aufzunehmen. Dies beinhaltet auch Fragen, die ggf. für den Anzeigeerstattenden bzw. Meldenden nicht angenehm sind. Diese sind jedoch notwendig, um den Fall so genau wie möglich klären zu können und somit auch Fehlurteile in jeder Richtung zu vermeiden. Die Bewertung, ob der Fall sich so zugetragen hat wie erzählt wird, muss jedoch später vor Gericht erfolgen und hat bei den Ermittlungen, die genau dies ja zutage fördern sollen, außen vor zu bleiben. Es gilt, den Anschuldigungen nachzugehen, ohne Partei zu ergreifen. … | … Wichtig ist hier, dass versucht wird, zwei Ebenen zu trennen – eine Ebene ist die emotionale, die das Leid der Opfer zum Inhalt hat. Hier wird die Hilflosigkeit und Wut, die empfunden wird, durch Rufe nach Rache, atavistischen Vergeltungsritualen und durch Hassbekundungen kanalisiert. | Die zweite Ebene wäre die Diskussionsebene, die die erste Ebene in der Debatte um Möglichkeiten zur Verhinderung der Taten, Hilfe für Opfer und den rechtstaatlichen Umgang mit Tätern ersetzt.«

16.12.2014 | von Twister (Bettina Hammer)

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5 Antworten zu Warum niemandem geglaubt werden sollte, der eine Vergewaltigung anzeigt

  1. Aufgrund entstandener Irritationen fasse ich einmal zusammen, was ich aus dem Artikel herauslese:
    1.) Es geht um jedwede Penetration, die mit Gewalt ausgeübt wird (Vergewaltigung im engeren Sinne).
    2.) Es geht darum, dass „Knastvergewaltigung“ gesellschaftlich banalisiert und für Werbespots missbraucht wird und als Gaglieferant für Comedys Verwendung findet.
    3.) Es geht darum, dass die Polizei dem rechtsstaatlichen Prinzip verpflichtet ist, einen Sachverhalt objektiv aufzuklären und alle be- und entlastenden Beweise für und gegen den Beschuldigten zu sammeln hat.
    4.) Es geht darum, dass die Polizei, auch wenn ein Opfer glaubhaft eine Straftat zur Anzeige bringt, alles zu ermittlen hat (siehe Punkt 3), auch die Beweise für das Vorliegen oder Nicht-Vorliegen oder Vor-Täuschen einer Straftat zu ermitteln hat.
    5.) Es geht darum, dass die Unschuldsvermutung ein essentieller Bestandteil des Rechtsstaats ist.
    6.) Es geht darum, ein Bewusstsein für die Gefahren und Konsequenzen einer Vor-Verurteilung zu schaffen.
    7.) Es geht darum, eine „Rape Culture“ zu begründen, die jede Vergewaltigung als verwerflich ansieht. Es darf keine Vergewaltigten erster und zweiter Klasse geben.

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  2. melcoupar schreibt:

    Beim Lesen musste ich an eine Geschichte von Ferdinand von Schirach denken … Der Artikel ist für mich etwas „verunglückt“ aufgrund seines Ausdruckes bzw. Wortwahl. Ich weiss nicht so genau wie ich es beschreiben kann … Danke fürs Teilen.

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    • Volksfest? | Ich stelle mir vor, dass der Autorin der Artikel etwas verunglückt ist, weil sie beim Schreiben immer im Hinterkopf hatte, dass sie ein „heißes Eisen“ anpackt. | Ich habe heute auch hier im Kommentar zusammengefasst, welche Intentionen ich aus dem Artikel herausgelesen habe. | Woanders hat mein Teilen dieses Artikels auch Irritationen ausgelöst.

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      • melcoupar schreibt:

        Genau, die Geschichte „Volksfest“. Ich finde den Inhalt des Artikels nicht so irritierend und es werden wichtige Dinge angesprochen, die oft vergessen werden. Sich mit diesem Thema schreibend zu beschäftigen ist halt immer auch eine Grenzbewegung …

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  3. Christiane schreibt:

    Ich mag den Artikel nicht, aber am Ende wird auf einen aus der ZEIT verlinkt, und den finde ich sehr lesenswert: http://www.zeit.de/2012/34/DOS-Gefaengnisse-Deutschland-Gewalt/komplettansicht

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