»Du bist so widerlich«

»Männer und Frauen rasieren, epilieren, wachsen, zupfen und „sugarn“, was das Zeug hält. Wer nicht mitmacht, wird diskriminiert. Von einer Gesellschaft, die kein gutes Haar an sich lässt.
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Heute entfernt sich jedes Mädchen regelmäßig die Körperhaare, ohne Ausnahme – zu dem Ergebnis kam jetzt eine Untersuchung an der Universität Magdeburg, in der Schüler und Studierende aus Ostdeutschland befragt wurden. Auch junge Männer setzen zunehmend auf glatte Körper. Ein Großteil der Jungen rasiert, waxt oder epiliert, nämlich 83 Prozent.
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Als vor kurzem die junge Künstlerin Petra Collins auf Instagram in der Rubrik #bikini ein Foto von ihrem Schritt postete – transparentes Höschen, Schamhaare -, erlebte die 21 Jahre alte Frau eine dieser Wellen der Empörung, die in sozialen Netzwerken derzeit ungefähr so schwer en vogue sind wie das Sugarn im Salon. „You are so disgusting“ – so widerlich –, lautete einer der zahlreichen Schmähkommentare.
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Instagram hat das Foto inzwischen gelöscht.
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Der Aufschrei gilt der Behaarung, nicht der Freizügigkeit.
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Haare, die nicht auf dem Kopf wachsen, sind uns nicht nur suspekt, sondern offenbar nicht zuzumuten. Wir leben in einer Gesellschaft, die gewissermaßen kein Haar an sich lässt.
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„Wer sich nicht rasiert“, heißt es in der qualitativen Jugendstudie, gelte schnell als „eklig“ und „ungepflegt“.
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Das rasierte Bein oder die glatte Achsel signalisieren unserem Umfeld: Ich habe mich (und meinen Trieb) unter Kontrolle. Ich pflege mich. Ich arbeite an mir und meinem Körper. Eine Siebzehnjährige sagte den Forschern: „Es ist so’n basic.“ Haare entfernen, Zähne putzen – alles dasselbe?
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Dann ist die Enthaarungspraxis ein Versuch, die Veränderungen des Körpers in der Pubertät wieder rückgängig zu machen.
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dass sich junge Frauen auf diese Weise an die herrschende Schönheitsnorm anpassen wollen, die sie glauben macht, nur glatt, haar- und geruchslos sei auch wirklich weiblich.
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Laut Studien orientieren wir uns heute außerdem an den idealen Sexkörpern, die in Pornofilmen produziert werden. Und die sind seit den neunziger Jahren vor allem: von der Achsel über die Brust bis zur Scham rasiert.
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„Ich finde es bequemer, untenrum alles wegzumachen“, meint Jahlina. „Dann muss man sich nicht auch noch um eine Frisur Gedanken machen.“
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wetterte beispielsweise schon vor einigen Jahren gegen die glattrasierten Intimzonen, die erwachsene Frauen in einer durchpornographisierten Gesellschaft präsentierten. In einer Zeit, da Frauen „untenrum wie Brötchen aussehen sollen“, ist tatsächlich nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Frauen sich gerne als Mädchen inszenieren und es mancher Mann im Bett lieber mit einer harmlosen Lolita denn mit einer Erwachsenen zu tun haben möchte.
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Heute heißt es auf der Internetseite von „Men’s Health“ zur Intimrasur: „Komplett weg ist Geschmacksache – Stutzen ist Pflicht.“ Und der 18 Jahre alte „Kevin“ hat im Interview mit den Hamburger Wissenschaftlern ein starkes Argument parat: „Dann kommt dein Stück besser zur Geltung.“
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besonders für junge Männer sei es schwer, eine individuelle Balance zwischen zu vielen und zu wenigen Haaren zu finden: Was gilt als „ungepflegt“ oder „eklig“ – was schon wieder als „unmännlich“?«

06.09.2014 | von Eva Berendsen

alles lesen => http://www.faz.net/aktuell/stil/leib-seele/achselhaare-widerlich-und-ein-relikt-der-vergangenheit-13138903.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Nachtrag 2017_01_08_00_07 | siehe auch | Beim Surfen gestolpert

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