Der schöne Schein der Weltherrschaft

»Weltausstellung in New York – Der schöne Schein des Kalten Krieges
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Interstellare Reisen, Kernfusion für jedermann und denkende Maschinen: Die Weltausstellung in New York versprach vor 50 Jahren eine heitere Revolution des Alltags. Tatsächlich präsentierte sie Militärtechnologien – unter anderem die ersten Vorläufer des Internets.
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Die patriotische Botschaft dieser sagenhaften Ausstellungsobjekte war unmissverständlich. Die Vereinigten Staaten waren die Hightech-Zukunft der Menschheit.
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Doch leider hatte man mich, wie fast alle Ausstellungsbesucher, über die wahre Bestimmung der gigantischen Raketen in die Irre geführt. Statt als erste Version eines Raumschiffs waren sie zu einem sehr viel diabolischeren Zweck konstruiert worden: dem Massenmord an Millionen von Zivilisten. Diese computergesteuerten Raketen waren imstande, eine Atombombe an ihr Ziel zu bringen, die eine ganze russische Stadt und ihre unglückseligen Bewohner auslöschen konnte.
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Also verschleierte man die militärischen Ursprünge der Interkontinentalraketen, Atomreaktoren und Großrechner und verpasste ihnen ein neues Image als Vorläufer von Weltraumtourismus, kostenloser Energie und denkenden Maschinen.
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Vor allem aber ist aus dem Zusammenspiel von elektronischer Datenverarbeitung, Telekommunikationstechnik und audiovisuellen Medien die Kulttechnologie unserer Zeit entstanden: das Internet.
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Nicht anders aber als die Mercury- und Gemini-Raketen im Space Park sind leider auch Computernetzwerke eine Technologie des Kalten Krieges, die für unheilvolle Zwecke erfunden wurde. In Amerika wie in Russland war es das Geld des Militärs, das die bahnbrechende wissenschaftliche Forschung zu digitaler Hard- und Software finanzierte. In den zwei Jahrzehnten vor der New Yorker Weltausstellung hatte IBM einen Rüstungsauftrag nach dem anderen ergattert. Das Unternehmen stieg zum führenden Akteur in diesem innovativsten Sektor der Wirtschaft auf. Jedes einzelne Exemplar von IBMs erster kommerzieller Großrechnerserie – mit dem passenden Namen „701 Defense Calculator“ – ging entweder an das US-Militär oder an Waffenhersteller.
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In seinem ersten Entwicklungsstadium war das Internet ein Kommando- und Kontrollsystem für die nukleare Kriegsführung.
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Die Stabsoffiziere setzten System/360-Großrechner von IBM ein, um Bombenangriffe und search and destroy- Einsätze gegen vietnamesische Partisanen zu planen.
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In seiner zweiten Auflage war das Netz eine hierarchische Überwachungstechnik, mit der das amerikanische Imperium die ruhelosen einheimischen Bewohner seiner Grenzregionen unter Kontrolle bekommen konnte.
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Während sie die fantastischen Exponate der Weltausstellung besichtigten, wussten die Besucher in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht, dass deren kommerzielle Sponsoren bereits riesige Profite daraus bezogen, dem US-Militär die Todes- und Zerstörungsmaschinerie für seinen Angriff auf Vietnam zur Verfügung zu stellen.
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Als die Regierung Bush beschloss, in Afghanistan und wenig später im Irak einzumarschieren, hielten die amerikanischen Generäle ihre Soldaten auf dem elektronischen Gefechtsfeld für unbesiegbar.
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Durch das Abfangen von Telefongesprächen, E-Mails und Postings in Sozialen Netzwerken kann die NSA bereits jetzt die Bodenkoordinaten für viele der tödlichen Schläge bereitstellen, die das US-Militär gegen mutmaßliche islamische Terroristen ausführt. Und da jeder ein Feind des Empires sein könnte, ist jeder ein potenzieller Überwachungskandidat. Das logische Ziel wäre es, die gesamte Menschheit unter Dauerbeobachtung zu stellen: Fliegen amerikanische Drohnen erst pausenlos in den Himmeln der Welt Patrouille, wird jeder offene Widerstand gegen die imperiale Vorherrschaft zum Selbstmord – eine Neuauflage der McNamara-Linie im globalen Maßstab.
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Und tatsächlich kooperieren die heutigen Dotcom-Unternehmen mit dem Geheimdienst und profitieren von dieser Zusammenarbeit wie einst die Sponsoren der New Yorker Weltausstellung von der amerikanischen Invasion in Vietnam. Microsoft hat freiwillig Hintertüren in Software installiert, um der NSA zu ermöglichen, die Käufer des Produkts auszuspionieren. Firmen mit etwas größeren Skrupeln, Google beispielsweise, haben den Datenverkehr auf ihren Servern lieber verstohlen vom Geheimdienst kopieren lassen.
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Edward Snowdens Enthüllungen erinnern uns daran, dass das Netz nicht erfunden wurde, um neue Märkte zu eröffnen oder die Kreativität zu fördern. Wie bei den Raketen, die den siebenjährigen Richard im Space Park so beeindruckten, handelt es sich zuallererst um ein Waffensystem aus dem Kalten Krieg. Das bombastische Vorhaben einer allgegenwärtigen globalen Überwachung durch die NSA pervertiert den wahren Zweck des Netzes also durchaus nicht, sondern erfüllt vielmehr dessen ursprüngliche Mission: die amerikanische Hegemonie gegen eine chaotische Welt zu verteidigen.
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Wenn wir die Kontrolle über unsere Daten zurückgewinnen, können die Computer des Imperiums seinen rebellischen Untertanen als Werkzeuge der kollektiven Emanzipation dienen. Denn in seiner Struktur birgt das Netz nach wie vor das utopische Potenzial einer wahrhaft demokratischen Politik, die von unten nach oben organisiert wird – und nicht umgekehrt.«

30.12.2014 | von Richard Barbrook

Neugierde geweckt? Alles lesen => http://www.zeit.de/2015/01/weltausstellung-new-york-internet/komplettansicht

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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3 Antworten zu Der schöne Schein der Weltherrschaft

  1. nandalya schreibt:

    „Wer hat’s (das Internet) erfunden?“, um einen Werbeslogan zu benutzen. Vor allem warum. Das ARPAnet und MILnet hatten andere Gründe, als Mails zu schreiben. Das habe ich mal so gelernt, der CCC es überzeugend kommuniziert.

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    • »Entscheidend für die Erfindung des Internets war der bahnbrechende Aufsatz über sogenannte paketvermittelte Datennetze, den der Informatiker Paul Baran 1960 veröffentlichte [http://www.rand.org/about/history/baran.html], als er bei der Rand Corporation, einem Thinktank der amerikanischen Luftwaffe, arbeitete. Eine sorgfältig platzierte russische Atombombe konnte Amerikas imperiale Macht ausschalten, indem sie den zentralen Knotenpunkt ihrer militärischen Hierarchie zerstörte. In seinem Bericht begriff Baran IBMs SAGE-System als Prototyp einer digitalen Antwort auf diese tödliche Gefahr. Er entwarf eine Software, die den Befehlsfluss um jede beschädigte Verbindung in einer digitalisierten Kommunikationsumgebung herumleiten konnte und somit sicherstellte, dass die US-Streitkräfte auch dann noch gegen die Russen kämpfen konnten, wenn das Hauptquartier ihres Generalstabs außer Gefecht gesetzt worden war. Kurz: In seinem ersten Entwicklungsstadium war das Internet ein Kommando- und Kontrollsystem für die nukleare Kriegsführung.«

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