Instrumentalisiert.

»Das wird man doch wohl noch zeichnen dürfen!
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Das Satireblatt Charlie Hebdo ist kein Vorbild für Meinungsfreiheit. Und die demonstrativ zur Schau gestellte Solidarität mit den toten Journalisten ist heuchlerisch
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Es ist müßig, festzustellen, dass keine Zeichnung und kein journalistischer Beitrag Mord rechtfertigt.
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eine notwendige Trennlinie zwischen der Solidarität mit den Opfern und ihren Familien auf der einen Seite sowie einer gebotenen kritischen Auseinandersetzung mit ihrer redaktionellen Arbeit andererseits zu ziehen
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Sie, die Minderheit, gegen uns, die Mehrheit. Dieser aus den USA bekannte Terror- und Antiterrordiskurs beruht im Kern auf einem Konzept der Abgrenzung, das in der Doktrin „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ auch im Inneren wirkt.
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„Wenn die Mörder tatsächlich fanatische Islamisten gewesen sind, wieso geht dann fast niemand der kommentierenden Politiker und Medienvertreter davon aus, dass die Muslime ebenso empört über die Tat sind, wie alle anderen auch?“
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Offenbar merke kaum einer der Journalisten, dass man Muslime „durch die Interpretationen und Forderungen, die jetzt ebenso vorschnell in den Raum geworfen werden“, aus der Gesellschaft ausgliedere
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Die Mehrheit der Journalisten und Redaktionsleiter, die heute ein Din-A-4-Papier mit dem Aufdruck „Je suis Charlie“ in die Kamera halten, hätten gestern noch eine Publikation von Karikaturen dieser Zeitschrift abgelehnt. Und dies, zweitens, zu Recht. Denn gerade die Islam-Karikaturen waren in mehr als einem Fall nichts weiter als rassistischer Schund.
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Wenn also der WDR mit Blick nach Paris über einen „Anschlag auf die Freiheit“ berichtet, vergisst man im katholischen Köln offenbar die eigene Zensur von Carolin Kebekus’ Musikvideo „Dunk dem Herrn“ Mitte 2013. Wenn die Berliner Zeitung sich heute in Betroffenheitslyrik überschlägt und journalistisches Erstsemesterwissen über Bord wirft, dann vergessen ihre Macher offenbar, dass die WDR-Zensur der Kölner Kabarettistin von dem Blatt dereinst so kommentiert wurde:
Der Skandal besteht nicht darin, dass der WDR dieses Video bearbeitet hat. Der Skandal besteht darin, dass der WDR Carolin Kebekus überhaupt eine Sendung gegeben hat.
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Gerade Deutschland hat eine lange Geschichte von Zensur und Zensurversuchen, wenn es um den satirischen Umgang mit – freilich christlicher – Religion geht. Die „Titanic“-Doppelseite mit einem Kruzifix unter der Überschrift „Ich war eine Dose“ (1987) ist eines der bekannteren Beispiele.
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Und noch 2007 stellte das Familienministerium einen Verbotsantrag gegen ein religionskritisches Kinderbuch. Angesichts solcher und zahlreicher weiterer Fälle ist wohl klar, dass die „gouaille“, die aggressive Spottlust von Charlie Hebdo, hierzulande keine Chance gehabt hätte.
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Es geht also offenbar nicht um die bedingungslose Verteidigung von Meinungsfreiheit – vor allem nicht aus dem christdemokratischen Lager -, sondern um den Ausdruck eines modernen Kulturkampfes
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Anders als das geschriebene Wort kann das (satirische) Bild von der Intention losgelöst umgedeutet und mit anderen politischen Inhalten gekoppelt werden – wie dies der Kulturjournalist Jeet Heer anhand politischer Spottzeichnungen der vergangenen Jahrzehnte nachweist.
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Die Alternative? Empathie für alle Opfer der zunehmend gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen westlichen Staaten und der islamischen Welt – sowohl auf geopolitischer als auch auf nationaler Ebene. Eine Solidaritätskampagne mit den Opfern der US-amerikanischen Terrorjustiz in Guantánamo wäre ja mal ein Anfang.
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Denn während das deutsch-türkische Folteropfer Murat Kurnaz hierzulande bis heute stigmatisiert wird, hat Uruguays Ex-Präsident José Mujica sechs Männer aus dem US-Lager Guantánamo auf Kuba aufgenommen. Einfach so. Als „Gebot der Menschlichkeit“, wie er sagte. Und während Abgeordnete der Linkspartei Anfang 2010 des Bundestags verwiesen wurden, weil sie die Namen der Opfer des Bundeswehr-Bombardements im nordafghanischen Kundus hochhielten, inszenieren sich derzeit Medienvertreter und Politiker mit der Parole „Je suis Charlie“. Wie wäre es mit „Je suis aussi un Musulman“? Oder: „Je suis un immigrant?“ Und das vielleicht in Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Hoyerwerda oder Solingen?
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Auch der kaltblütige Mord an zehn Redaktionsmitgliedern macht ihre Arbeit in diesem einen Aspekt nicht besser. Ein erheblicher Teil der antiislamischen Karikaturen waren rassistischer, sexistischer und menschenverachtender Schrott, der hierzulande zu Recht skandalisiert worden wäre.
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Die rassistische Bildsprache der Darstellungen diene, so Said, in letzter Konsequenz der Legitimation der eigenen Herrschaft über den nahen Osten. Und, noch einmal: Das gilt geopolitisch ebenso wie gegenüber den als Fremdkörper betrachteten Migranten.
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Gute Satire hinterfragt Probleme, spitzt sie zu und polarisiert. Schlechte Satire urteilt ab und spielt mit rassistischen Stereotypen. In diese Schiene ist Charlie Hebdo verfallen, wie nun auch die bedächtigeren Kollegen der Mordopfer anmerken.
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Diese Feststellung ändert nichts an der Trauer um die Opfer des Massakers in der Rue Nicolas Appert und an der Solidarität mit den Hinterbliebenen.«

10.01.2015 | von Harald Neuber

alles lesen => http://www.heise.de/tp/artikel/43/43818/1.html

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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2 Antworten zu Instrumentalisiert.

  1. nandalya schreibt:

    Instrumentalisiert worden ist die ganze Welt, die nun mit dem Finger auf die bösen Islamisten zeigt. Aber haben die den Mord auch begangen?

    Gefällt 1 Person

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