Über Surreales, Ärger, Vorhaben, Liebe, Zeitreisen, Bono, Götter, gelingendes Leben, Prügeleien und Stolz.

Liebe Christin von STELLA-LEARNS-TO-LIVE,

herzlichen Dank für „deine“ Fragen, die ich gerne beantworte, da der Vorgang, Antworten zu finden (spontan oder wohlüberlegt), mich bei hochsommerlichen Temperaturen, das Schwitzen vergessen lässt. :-) Eigene Fragen werde ich anderen Blogger*n nicht stellen; insofern bin ich ein Spielverderber.

1.) Was war der surrealste Moment in deinem Leben?

Ich hatte mehrere traumhaft-unwirkliche Momente in meinem Leben. Der am Längsten zurückliegende ist auch der traumatischste. Man sprach damals, ich war an der Schwelle vom Kindergarten- zum Schulalter, von „Polypen entfernen“. Dies geschah stationär. Eltern durften einen damals nicht begleiten. Ich wurde von einer Schwester aus dem Krankenzimmer heraus durch die labyrinthischen Flure des Krankenhauses geführt. Dies dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Wir kamen in den Keller, vorbei an der Krankenhausküche, aus deren Tür eine Geruchsmischung von heißem Spülwasser und kochender Suppe in meine Nase drang und mir die Luft zum Atmen raubte. Wir gingen weiter durch dunkle, verwinkelte Gänge und kamen endlich in einen Raum, in dem in weiß gekleidet bereits mein HNO-Arzt und eine Schwester warteten. Ohne eine Erklärung kam plötzlich eine Hand von hinten und drückte mir mit Druck einen mit Chloroform getränkten Wattebausch auf Mund und Nase. Augenblicklich verlor ich mein Bewusstsein. – Während dieses Krankenhausaufenthaltes gab es noch einen zweiten surrealen Moment, als ich nachts im mit Gittern gesicherten Bettchen aufwachte, mich aufrichtete. Durch die offene Zimmertür drangen Licht und entfernte Stimmen. Ich hatte Angst. Ich rief, damit jemand kommt. Die Stimmen redeten unbeirrbar weiter. Ich rief und rief und rief …

2.) Worüber ärgerst du dich bei dir selbst am meisten?

Über meine Ungeduld wenn etwas zum Greifen nah ist.

3.) Was willst du dieses Jahr unbedingt noch realisieren?

Dass es mir gelingt, mehr als einen Tag, also auf Dauer, einverstanden zu sein, mit dem, was irgendwann sein kann und mit allem, was war:

4.) Glaubst du, dass Liebe immer mehr zu einem trivialen Wort verkommt? Wo findest du Liebe in deinem Leben? Oder ist das alles nur verlogene Propaganda?

Ausgehend von Manfred Lütz‘ These, dass wir geblufft werden, die Welt um uns herum permanent gefälscht wird und wir, wie Truman Burbank, in Kulissen leben und dabei das wahre Leben verpassen, ausgehend also von dieser These, die ich mir zu eigen gemacht habe, verkommt Liebe tatsächlich immer mehr zu einem trivialen Wort. In dieser bunten und schrillen, inszenierten Welt, wird uns Liebe, Liebesgefühle andauernd vorgegaukelt. Und wenn es in der Realität zu wahrer Liebe, zu wahren Liebesgefühlen kommt, sind viele Menschen nicht mehr in der Lage, dies angemessen zu kommunizieren oder Empfängern dieser Liebe fällt es schwer, diese anzunehmen oder auch eindeutig abzulehnen. Und in einer schnelllebigen Welt, in der stetig wachsend physische Begegnungen durch virtuelle ersetzt werden, kann das Pflänzchen „wahre Liebe“ kaum mehr gedeihen. Auch die Unterhaltungsindustrie in Form von Kino oder TV gaukelt uns die Einfachheit der Liebe oder das Alles-wird-gut vor und ich lache oft angesichts des Gespielten laut auf und rufe ‚Irgendetwas muss ich falsch machen!‘. In meinem Jetzt finde ich Liebe in mir und in den klitzekleinen Momenten, in denen sich Blicke Fremder treffen.

5.) Wärst du gerne in einer anderen Zeit geboren?

Nein. Gab es jemals eine Zeit, in der der Mensch, in der Dauer seines Lebens, keiner Gewalt oder deren Androhung ausgesetzt war oder er nicht ums Überleben kämpfen musste?

6.) Warum bist DU besser als Bono?

»[…] dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat […].« Darum ist niemand besser als ein Anderer.

7.) Warum ist Mike Patton Gott?

Wäre er ein übernatürliches Wesen oder eine höhere Macht, bräuchte ich diese Frage nicht beantworten.

Weil viele große Religionen und / oder Kirchen den Glauben an etwas Übernatürliches oder Höheres für Machtzwecke missbraucht haben, glauben viele nicht mehr an einen Gott und haben ihn durch Götzen ersetzt. Bluff. Die Fälschung der Welt.

8.) Gibt es eigentlich irgendwen, der sein Leben auf die Reihe bekommt? Wie?

Ich hoffe es. Da ich bei denen, die mir als Antwort auf diese Frage einfielen, mich nicht traue, Schein und Sein zu unterscheiden, halte ich es mit dem Spruch einer ehemaligen, lebenserfahrenen Nachbarin: „Unter jedem Dach, ein Ach!“ Am Ehesten gefiele mir als Antwort: Anjezë Gonxha Bojaxhiu. Daraus ergibt sich auch die Antwort der zweiten Frage: Indem du deinen Nächsten liebst, wie dich selbst.

Und macht uns nicht erst unsere Fehlbarkeit sympahtisch und liebenswert?

9.) Für was würdest du dich ernsthaft prügeln?

Nicht: für was; für kein Geld der Welt würde ich mich prügeln. Sondern: für wen. Für in Not Geratene, wenn es der Prügel bedarf, sie zu beschützen. Leichter gesagt, als getan. Der Beweis muss noch angetreten werden.

10.) In welchem Moment warst du stolz auf dich?

Ich war stolz auf mich in dem Moment, in dem ich in meinem Lebenszug die Notbremse zog.

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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11 Antworten zu Über Surreales, Ärger, Vorhaben, Liebe, Zeitreisen, Bono, Götter, gelingendes Leben, Prügeleien und Stolz.

  1. friedlvongrimm schreibt:

    Tolle Antworten, aber der Award für die deprimierendste Antwort auf Nummer 7 ist dir sicher. *lach*

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  2. Mir gefallen Deine Antworten sehr!!!!! Danke Dir fürs mitmachen!! LG Christin

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  3. kittygirl1988 schreibt:

    Punkt 5 bringt mich ins Grübeln.
    Ich glaub, da kommt es nicht drauf an, in welcher Zeit man ums Überleben kämpfen muss (ich hab in Deutschland nicht das Gefühl, das tun zu müssen), sondern in welchem Land man wohnt.
    :)

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