Von der Überwindung des eigenen Narzissmus.

»Egoistische Zweisamkeit: Ersatzreligion Liebe
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Der Mythos der romantischen Liebe trägt alle Zeichen einer Ersatzreligion
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jene Art von Liebe, ohne die kein Popsong und kein Film auskommt, diese eine große, wahnsinnig romantische Liebe, bei der zwei Menschen sich unsterblich ineinander verlieben, vor Lust und Freude fast den Verstand verlieren, wie im Rausch übereinander herfallen und ab dann einfach nur noch glücklich, glücklich, glücklich sind. Yeah!!!
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Der Weg zum Glück ist die leidenschaftliche Zweisamkeit, das einzige Ziel des Lebens ist es, Mr. oder Mrs. Right zu finden, und dann wird alles gut
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Denn der Mythos Liebe erfüllt ausnahmslos alle Kriterien einer Pseudoreligion: Diese höhere Macht verlangt Unterwerfung und verspricht im Gegenzug Erlösung und Heil. Sie duldet keine anderen Götter, verspricht den (siebten) Himmel und droht mit der Hölle des Alleinseins. Die höchsten Feiertage dieser Religion heißen Valentinstag, Hochzeitstag, Geburtstag. Wer sie nicht angemessen würdigt, wird mit Liebesentzug bestraft. Die Grundgebete: Ich liebe dich. Du bist mein ein und alles. Ich bin total verrückt nach dir. Die Sakramente: Zungenküsse, Sex. Das sakrale Erkennungszeichen: rotes Herz. Die Ikonen: Fotos von UNS. Der Altar, der Ort der Erlösung: das Bett. Die Hymnen: UNSERE Songs. Die Heilige Schrift: UNSERE Liebesbriefe. Und außerdem jedes herzerweichende Zitat, das dem Gott Liebe huldigt, vom kleinen Prinzen über Elton John bis zum Apostel Paulus.
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Will jemand ernsthaft bestreiten, dass die große, romantische Liebe das ultimative Heilsversprechen der Gegenwart ist?
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Jeder erfahrene Psychologe und Therapeut kann ein trauriges Lied davon singen, welche seelischen Verwüstungen der Götze Liebe hinterlässt.
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Wer sich von der Liebe den Himmel auf Erden verspricht, wird sich (und anderen) das Leben zur Hölle machen.
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Millionen von Menschen verschwenden ungeheure Mengen an Energie mit dem verzweifelten und vergeblichen Versuch, die Realität ihres Lebens mit dem unrealistischen Mythos Liebe in Einklang zu bringen.
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Da in der Regel niemand auf die Dauer die Erwartungen eines so abgöttisch Liebenden erfüllen kann, muss es zu Enttäuschungen kommen, und man sucht sich mit einem neuen Idol zu entschädigen, manchmal in einem nicht endenden Kreislauf.
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Die Scheidungsraten steigen, die serielle Monogamie ist zum Normalfall des Lebens geworden. Liebe hat ein Verfallsdatum.
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Es ist überhaupt nicht ungewöhnlich, dass schon Zehn- oder Zwölfjährige an der familiären Kaffeetafel quer über den Tisch gefragt werden: „Und, hast du schon eine Freundin?“
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das Kind wird zwei wichtige Botschaften aus dem ausgesprochen peinlichen Gespräch mitnehmen: 1. Ohne Freundin ist man eigentlich minderwertig und noch kein vollwertiger Mensch. 2. Die Zeit läuft.
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Partnersuche ist in unserer Kultur zur Ersatzreligion aufgestiegen
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Partnersuche ist zum hauptsächlichen Lebenssinn und Lebensglück hochstilisiert worden.
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Würde man für einen Tag auf jeden Love Song im Radio verzichten, auf jeden Werbespot und auf jeden Film, in dem sich schon wieder zwei Menschen überglücklich in die Arme fallen, blieben die Radios stumm und die Bildschirme dunkel.
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Der Körper ist in diesem Spiel das entscheidende Kapital, er muss in Form gebracht werden mit Diät, Fitness, Schminke, Frisur, Rasur und Waxing – vielleicht auch mit plastischer Chirurgie.
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Es wird abgeblendet, bevor die Geschichten mit den Problemkindern, den sterbenden Eltern, dem eigenen Verfall und Verlust, der Arbeitslosigkeit, den Falten und Oberschenkeldellen kommen. Und unser Leben besteht – besonders ab 40 – zum großen Teil aus diesen Themen. Da wird es plötzlich ziemlich egal, was für ein schickes Brautkleid man mal getragen hat
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Zu den Kollateralschäden der Ersatzreligion Liebe gehören aber auch die vielen Menschen, die allein sind. Ihr Leben wird als defizitär wahrgenommen. Man vermutet, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Dass jemand freiwillig einen anderen als den Weg in die Partnerschaft geht, ist schlechterdings unverständlich. Dass jemand einen geeigneten Partner nicht gefunden hat, gilt als sein ganz persönliches Versagen. So oder so, er hat von seiner Umwelt bestenfalls Mitleid zu erwarten.Wer darauf hinweist, dass Liebe eigentlich etwas ganz anderes ist als die schrille, immer leicht überdrehte Liebe unserer Populärkultur, wer von caritas et amor spricht oder gar von Nächstenliebe, steht als Moralapostel und Wichtigtuer da. Oder er wird mit der Gretchenfrage der Moderne konfrontiert: „Glauben Sie etwa nicht an die große Liebe?“ Es ist also doch eine Glaubensfrage.
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Die Liebe spielt sich als große Sinngeberin auf und gaukelt Erlösung durch Verpaarung vor. Sie ist zur Ersatzreligion geworden, sie gibt vor, alle Sinnfragen beantworten zu können. Sie tut so, als ob nur sie die nötige emotionale Grundversorgung liefern könnte. Sie ist die Ideologie, die hinter der Idee des Paares steht, und in unserer paarzentrierten Gesellschaft gibt es nur einen Status, der zählt: Teil eines Paares sein.
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Ist der Mythos Liebe nicht wenigstens dafür gut, den Menschen aus seinem Egoismus herauszuführen? Ist die Sehnsucht nach Partnerschaft nicht immer noch besser als die Selbstsucht? Die Antwort lautet: Diese Art der Liebe ist nur scheinbar eine Überwindung der eigenen Grenzen. In Wahrheit handelt es sich um eine Fortsetzung der Ich-Bezogenheit mit anderen Mitteln, denn die Triebkraft, die wirkt, ist ja, wenn man ehrlich ist, gar nicht der Wunsch zu lieben, sondern der, geliebt zu werden.
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Die wichtigste Voraussetzung, einen anderen Menschen lieben zu können […]: die Überwindung des eigenen Narzissmus.«

25.09.2014 | von Markus Günther

alles lesen => http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/egoistische-zweisamkeit-ersatzreligion-liebe-13152087.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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3 Antworten zu Von der Überwindung des eigenen Narzissmus.

  1. nandalya schreibt:

    Ich bin mir sicher, dass besagter Autor keine Ahnung von wahrer Liebe hat. Der mischt munter Trieb (Sex), mit der reinen Liebe zu anderen Menschen. In einigen Dingen hat er trotzdem recht. Aber das haben andere vor ihm besser erkannt.

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  2. Xeniana schreibt:

    Klasse! Danke!

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  3. Christiane schreibt:

    Toller Artikel. Vielen Dank fürs Ausgraben.
    Liebe Grüße
    Christiane

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