Freiheit muss man sich zutrauen, erkämpfen, leben.

Ȇber die Freiheit
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Freiheit und Kontrolle – wie passen diese beiden Gegenpole zueinander?
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Dass Freiheit und Kontrolle, gewiss unter ständiger Spannung, einmal Verbündete waren, dass sie eine dialektische Einheit als Grundlage der Demokratie bildeten – das scheint weitgehend in Vergessenheit zu geraten. Freiheit 2.0 und Kontrolle 2.0 wirken nebeneinander und liefern sich allenfalls noch rhetorische Gefechte. In Wirklichkeit gehen sie beide ihrer eigenen Wege. Die Demokratie ist Freiheit 2.0 und Kontrolle 2.0 ziemlich egal. Was beide interessiert, ist der Markt. Und für den sind beide nützlich.
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Jedes neue Medium, jedes neue Spielzeug, jedes neue Haushaltsgerät, jedes neue Kommunikationssystem verspricht neue Freiheit und liefert neue Formen der Kontrolle gleich mit.
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Freiheit und Kontrolle verhalten sich nicht mehr dialektisch zueinander, sondern entsprechend dem Bild vom Hasen und vom Igel.
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Der legitimierte Kontrollverlust im Alltagsleben, der legitimierte Drang zur Ausweitung der Selbstdarstellung, der legitimierte soziale Voyeurismus – das alles wird nicht nur durch einen Verlust an Freiheit bezahlt. Es läuft vielmehr auf einen Umbau des Menschenbildes hinaus.
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Die Vorstellung von Freiheit ist vor unseren Augen zerbrochen: In die subjektiven und vielleicht käuflichen Erfahrungen von kleinen und größeren Freiheitsräuschen – und in die politische Freiheit, an der eine wachsende Zahl von Menschen nicht einmal mehr genügend Interesse zeigt, um sich aufzuraffen, ein Kreuz auf einen Wahlzettel zu machen. Sie ist zerbrochen in individuelle und gemeinschaftliche, in negative und positive, in politische und wirtschaftliche, in geistige und materielle Freiheit. Die eine Form der Freiheit wird so lautstark gefeiert, dass der Verlust der anderen nicht mehr zur Kenntnis genommen wird.
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Solidarität wäre nichts anderes als die menschenfreundlichste, zivilisierteste und zärtlichste Form von Kontrolle. Im Augenblick entwickeln sich die Dinge offensichtlich in genau entgegengesetzter Richtung.
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Wer kontrolliert wen mit welchen Mitteln zu welchen Absichten? Die Kritik an Datenkraken und Überwachungswahn wäre dann freilich nicht mehr zu haben ohne eine Kritik des medialen Alltags.
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Widerstand gegen diese schleichende, verführerische und marktkonforme Abschaffung der positiven Freiheit ist nicht in Sicht.
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ein autonomes Subjekt in einer Gemeinschaft der Freien und Gleichen zu werden – Von dieser Freiheit scheinen wir weiter entfernt zu sein als je, bei allem Genuss der negativen Freiheiten als Marktteilnehmer und Konsumenten, bei all den verbrieften formalen Freiheitsrechten, auf deren Gebrauch so viele freiwillig verzichten und deren Abschaffung sich andere mit großem Erfolg auf die Fahnen geschrieben haben.
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Wer von seiner Freiheit im Internet Gebrauch macht, zieht also gleich zwei gewaltige Techniken der Kontrolle – und damit der Disziplinierung, der Manipulation, der Einschüchterung, der Enteignung, der Bedrohung – auf sich: die Kontrolle durch die Datenkraken von Staat und Ökonomie. Und die Kontrolle durch eine mehr oder weniger spontane kollektive Ordnung gegen Abweichungen, Nonkonformismus oder andere Arten des Unerwünscht-Seins.
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Doch aus der Utopie einer fluiden Verwaltung von Freiheit und Kontrolle durch die Schwarmintelligenz ist ein weiterer Albtraum geworden: ein durch Shitstorms, Cybermobbing und militante Komplexitätsreduzierung erzeugter Konformitätsdruck als Kehrseite der neuen technischen Freiheiten von Ausdruck und Kommunikation.
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Dem transparenten Bürger steht ein nicht minder transparenter Politiker gegenüber, der sich hüten wird, dieser Öffentlichkeit mehr als ein von Werbestrategen und Behaviorial-Insights-Teams kontrolliertes Außenbild zu zeigen.
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Gleichzeitig werden die Regierenden selber einer immer penibleren persönlichen Kontrolle unterzogen, durch eine Form der Öffentlichkeit, die eher an Skandalen als an Programmen, eher an Geschmacksfragen als an Entscheidungen interessiert scheint.
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das Regieren [wird] kaum noch demokratisch und kritisch kontrolliert, immer weniger Menschen unterziehen sich der Mühe, überhaupt noch zur Wahl zu gehen, immer weniger Interesse gibt es an politischer Bildung und an kritischem politischen Journalismus.
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Noch nie hat der Staat so wenig von uns gewollt (außer natürlich unsere Steuern); und noch nie hat er so viel von uns gewusst.
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Freiheit ist nur noch im Tausch gegen Kontrolle zu haben. … Einen geschützten Intimbereich gibt es für diese neuen Formen nicht mehr.
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Die neuen Instrumente der Kontrolle kommen in Gestalt von Spielen, von Kaufmöglichkeiten, von sozialen Kontakten zu mehr oder weniger guten Zwecken, kurzum, sie kommen in Gestalt simulierter Freiheiten.
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Ein stetiges Anwachsen von Instrumenten, Institutionen und Techniken von Kontrolle und Macht, die auf die Einschränkung der Freiheit der Bürger gerichtet sind und die sich der Kontrolle der demokratischen Öffentlichkeit entziehen: Eigentlich eine Entwicklung, die alle denkbaren Alarmsirenen schrillen lassen müsste.
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Natürlich kann man mit denselben Techniken auch versuchen, eine Bevölkerung auf einen Krieg einzuschwören oder ihr die Abschaffung von Bürgerrechten für bestimmte Bevölkerungsteile schmackhaft zu machen. Die Bürger jedenfalls sind weder frei, sich gegen Strategien des nudging zu wehren noch in der Lage, die entsprechenden Einrichtungen demokratisch zu kontrollieren.
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in […] Form von sogenannten „Behavioural Insights Teams“, die Techniken des Neuromarketing und der behavioristischen Menschensteuerung auf die Politik anwenden. – Viele europäische Regierungen, seit einiger Zeit auch die deutsche, setzen solche Teams ein, um in der Bevölkerung ein erwünschtes Verhalten zu erzeugen. Das funktioniert natürlich nur, wenn man vorher über diese Bevölkerung genau Bescheid weiß. In der traditionellen Form des Regierens sollte aus der Kontrolle die Disziplinierung werden – Menschen, die sich kontrolliert wissen, verhalten sich anders. In den neuen soft-power-Formen führt eine möglichst umfassende, auf Daten und auf fotografischer Erfassung basierende Kontrolle zu einer Art der Manipulation, die man mit dem harmlos klingenden Begriff „nudging“ – also „anstoßen“ – belegt hat.
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Die positive Freiheit basiert darauf, dass Staat und Bürger eine intensive Beziehung miteinander haben. Die negative Freiheit dagegen darauf, dass sich der Staat möglichst aus dem Leben des einzelnen heraushält. Während man das eine wohl im klassischen Sinne liberal nennen könnte, hat sich für das zweite der Begriff libertär durchgesetzt.
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Die Empfindung, immer mehr Freiheiten zu genießen und zugleich immer mehr Kontrollen zu unterliegen, hängt sicher mit einem entscheidenden Wechsel des Freiheitsbegriffes zusammen, der sich bemerkbar macht in der Vorherrschaft der Ökonomie gegenüber der Politik und in der Vorherrschaft der politischen Ökonomie gegenüber der politischen Philosophie.
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Ist freiwillige Selbstkontrolle die Lösung oder nur ein Symptom für den Widerspruch von Freiheit und Kontrolle?
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Die Menschen dürfen in Demokratie und freier Marktwirtschaft lesen, sehen, anklicken, was sie wollen. Wenn auch in aller Regel verknüpft mit wirtschaftlichen Interessen, mit Reklame und Public Relations, mit Marketing und Warenästhetik.
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Eine Öffentlichkeit, die durch das Buch gebildet wird, ist eine andere Öffentlichkeit als die, die durch die Zeitung gebildet wird. Eine Öffentlichkeit, die hauptsächlich durch Rundfunk und Fernsehen gebildet wird, ist eine andere als die, die durch digitale Informationen und soziale Netzwerke gebildet wird.
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Demokratie ist nicht nur kontrollierte Freiheit, Demokratie ist vor allem Freiheit durch Kontrolle. Das Volk kontrolliert die Regierung, die es kontrolliert. Die Opposition kontrolliert die Regierung, die Politik kontrolliert die Wirtschaft, die Wirtschaft kontrolliert die Arbeit und so weiter.
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Das einzig wirksame Mittel, Freiheit nachhaltig zu realisieren, vom Rausch der Befreiung zu einem stabilen gesellschaftlichen System zu gelangen, ist – Kontrolle.
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Trotzdem ist Freiheit nur das, was ihre Subjekte praktizieren. Freiheit hat man nicht, man kann sie nur leben. Freiheit ist nicht allein ein durch Geburt und Schicksal gewährtes Privileg. Freiheit muss man sich auch verdienen. Sie ist stets ein Wagnis, das die einen eingehen und die anderen nicht. Umgekehrt wäre Unfreiheit nie allein die Schuld der anderen, sondern immer auch Ausdruck eigenen Versagens. Der Mensch hat, jedenfalls in diesem Modell, so viel Freiheit, wie er sich selber zutraut und wie er sich erkämpft.
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Wer die Diskurse beherrscht, beherrscht auch die Menschen. Macht bedeutet nicht nur, die Freiheit anderer Menschen einschränken zu können, sondern auch zu bestimmen, was das eigentlich ist: Freiheit. Und welche Art von Freiheit gut ist und welche schlecht.
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So wie man die totale Kontrolle nur über Systeme, Gemeinschaften und Menschen erlangen kann, die nicht mehr lebendig sind, totale Kontrolle also den geistigen, seelischen und sogar körperlichen Tod des Kontrollierten bedeuten würde, so würde totale Freiheit eine rücksichtslose gegenseitige Vernichtung bedeuten.
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Denn Kontrolle tendiert offensichtlich dazu, sich in Raum und Zeit, in Quantität und Qualität, in Umfang und Technik zu verbreiten.
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Kontrolle ist eine besondere Einschränkung der Freiheit – nicht unbedingt durch Gewalt, nicht unbedingt durch Terror als vielmehr durch die Allgegenwärtigkeit offener und geheimer Beobachtungen.
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[Es] löst […] mehr als Unbehagen aus, wenn man weiß oder wenigstens ahnt, wie Internetklicks, Telefongespräche, Einkäufe und Ferienreisen von anonymen staatlichen oder ökonomischen Instanzen überwacht und registriert werden. Wenn auf Schritt und Tritt Überwachungskameras auf uns gerichtet sind. Wenn Drohnen und Satelliten uns im Blick haben. Wenn irgendwer immer weiß, wohin wir gehen, fahren, fliegen. Die Kontrolltechnik, so scheint es, ist außer Kontrolle geraten!
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Von Kontrolle wird derzeit gern und oft gesprochen. Allerdings machen sich die wenigsten darüber Gedanken, was das eigentlich ist. Ein erwachsener Mensch ist einer, der sich selbst unter Kontrolle hat, aber auch einer, der sich gegen allzu viel Kontrolle von außen zur Wehr setzt. Demokratie funktioniert, wenn alle Personen und Instanzen, die Macht verlangen und ausüben, von anderen Personen und Instanzen dabei kontrolliert werden. Menschen funktionieren, wenn sie sich selbst unter Kontrolle haben. Technik ist so gut, wie wir sie kontrollieren können. Wie dringend notwendig Kontrolle ist, erkennt man stets, wenn irgendjemand oder irgendetwas außer Kontrolle gerät. Das geschieht ziemlich oft und auf stets unvorhersehbare Weise.
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Von Freiheit wird derzeit gern und oft gesprochen. Allerdings machen sich die wenigsten darüber Gedanken, was das eigentlich ist. Hier bei uns hat man Freiheit, man soll sie schätzen und dankbar sein. Anderswo haben die Menschen weniger oder so gut wie keine Freiheit. Keine freien Wahlen, keine freie Presse, keine freie Auswahl, nicht in Geschmacks- und schon gar nicht in Glaubensdingen. Was Freiheit ist – das sieht, spürt und versteht man am ehesten, wenn sie irgendwo weggenommen, unterdrückt oder ungerecht verteilt wird.«

05.10.2014 | von Markus Metz und Georg Seeßlen

alles lesen => http://www.deutschlandfunk.de/ueber-die-freiheit-die-dialektische-beziehung-von-freiheit.1184.de.html?dram:article_id=294982

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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