»Facebook, das Netzwerk mit dem Herz für Hass«

»Brüste und Penisse sind bekanntlich ein Problem für Facebook. Offener Hass und Aufrufe zum Mord verstoßen jedoch nicht gegen die „Gemeinschaftsstandards“, wie sich unzählige Male dokumentieren lässt. Ein Kommentar von DWDL.de-Chefredakteur Thomas Lückerath.

Als der Fremdenhass im sächsischen Freital in die Schlagzeilen geriet, wurden mir vermehrt fremdenfeindliche Postings in meine Facebook-Timeline gespült, weil Freunde und Bekannte von mir den in der Theorie ehrenhaften Dialog mit Menschen suchten, die auf einschlägigen Facebook-Seiten offen und ohne Scheu mit ihren Klarnamen tiefsitzenden Hass und sogar Gewaltaufrufe verbreiteten. Doch Diskussionen mit Menschen, die keine Fakten gelten lassen, sind schwierig.

Es wäre eine fahrlässige Untertreibung zu sagen, dass auf vielen kleinen, meist lokalen oder regionalen Facebook-Seiten, gegen Flüchtlinge protestiert wird. Die Titel der Seiten und ihre Postings verbreiten unmissverständlich den Virus, der sich Hass nennt. Viele dieser kleineren Facebook-Seiten, meist nur mit wenigen hundert oder einigen tausend „Likes“ bleiben aufgrund dieser vermeintlichen Belanglosigkeit lange unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung.

Gesprochen wird meist nur über die ebenfalls viel zu oft erschreckenden Kommentare auf den Facebook-Seiten großer Medienmarken. ARD Aktuell („Tagesschau“) oder Nachrichtenportale wie Spiegel Online kennen und thematisieren das Problem auch immer mal wieder. Mal nachrichtlich, mal als Kolumne (siehe Sascha Lobo in der vergangenen Woche). Gerade erst gestern gab es einen hervorragenden Kommentar von Anja Reschke in den „Tagesthemen“, der sich vorab schon in Windeseile im Netz verbreitete.

Doch während Hasskommentare auf den Facebook-Seiten großer Medien durch ebendiese mehr oder weniger kontrolliert werden, so kann sich der Virus auf extra dafür gegründeten Facebook-Seiten hemmungslos verbreiten. Zweifelsohne, teils offen auch so bekundet, hat der organisierte Hass in Freital andere fragwürdige Gemeinschaften ermutigt, sich ebenfalls über Facebook zu organisieren – einige davon als geschlossene Gruppen, deren Kommunikation von außen nicht einsehbar ist.

Viele jedoch als öffentliche Facebook-Seite. Was dort zu lesen ist, widerte und widert mich an. Trotzdem habe ich zunächst versucht, es Freunden und Bekannten gleich zu tun und auf den Irrsinn mancher Intelligenzallergiker manchmal emotional, manchmal sachlich zu reagieren. Doch ohne die Empörung der breiten Öffentlichkeit argumentiert man auf solchen kleinen Facebook-Seiten alleine mit hochmotiviertem, organisiertem Fremdenhass – eine aussichtslose Angelegenheit.

In der Theorie bietet Facebook nun die Möglichkeit, Beiträge, die gegen die ehrenwerten „Gemeinschaftsstandards“ verstoßen, zu melden. Will man einen Beitrag oder einen Kommentar melden, so klickt man sich durch ein scheinbar ausgeklügeltes System: Zunächst wird gefragt, ob der betreffende Beitrag einen selbst betrifft oder andere. Dann lässt sich die Natur des Beitrags einordnen, bevor Facebook meist drei Möglichkeiten vorschlägt: Den Beitrag ausblenden (eine relativ sinnfreie Option), den Verfasser kontaktieren oder eben Facebook diesen Beitrag melden.

Letzteres habe ich in den letzten Wochen mehrfach gemacht. Manchmal einige Minuten, manchmal einige Stunden oder auch einen Tag später bekommt man dann Rückmeldung der „Kundenbetreuung“. Das schockierende Ergebnis: Bis heute war jedes von mir gemeldete Posting, soweit ich das noch überblicken kann, mit den Gemeinschaftsstandards von Facebook vereinbar. Meinen Unmut über die Tatenlosigkeit des Social Networks habe ich vergangene Woche über meinen privaten Facebook-Account erstmals kundgetan. In kürzester Zeit erreichte das Posting mehrere tausend Menschen.

Ich bin wahrlich nicht der Erste, der Hassbotschaften und Gewaltandrohungen bei Facebook meldet oder thematisiert. Aber weil sich nichts ändert, braucht dieses Thema jede Plattform die es kriegen kann. Das größte soziale Netzwerk der Welt agiert gänzlich verantwortungslos und toleriert trotz Kenntnis gewaltverherrlichende und/oder fremdenfeindliche Postings auf seinen Seiten. Ich erwarte ja nicht einmal, dass Facebook selbst proaktiv im Blick hat, was auf seinen Seiten so alles geschrieben wird – wir wären schnell bei einer Diskussion über Zensur.

Aber ich erwarte, dass man verantwortungsbewusst handelt, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird. Und das tut Facebook nicht. Dabei liegt die Verantwortung für Facebook im deutschsprachigen Markt in den Händen einer erfahrenen Medienmanagerin. Marianne Dölz, Country Director DACH (Deutschland, Österreich, Schweiz), müsste wissen um die Wirkung der zigtausendfach auf Facebook verbreiteten Hassbotschaften von denen die hier im Artikel eingebauten, von mir gemeldeten Beispiele sicher noch nicht einmal die schlimmsten sind.

Unter der Verantwortung von Frau Dölz toleriert Facebook im deutschsprachigen Markt wissentlich die Vergiftung des öffentlichen Raums mit Hassbotschaften und ermahnt stattdessen auch noch diejenigen, die auf offensichtliche Missstände hinweisen, die „Melden“-Funktion nicht zu missbrauchen. Das ist beispiellose Inkompetenz im Community-Management, die ein sehr schlechtes Licht wirft auf das größte soziale Netzwerk der Welt.

Liebe Frau Dölz, wenn Ihnen schon Anstand, Werte und Umgangston in Ihrem Social Network völlig egal sind, so denken Sie doch wenigstens mal ganz pragmatisch – beispielsweise an den Imageschaden, wenn Ihre Verantwortungslosigkeit zu öffentlicher Empörung führt. Wenn Facebook also schon das Menschliche fremd ist, vielleicht ist wenigstens das ja ein wichtiges, weil wirtschaftlich relevantes Kriterium, künftig mehr Verantwortung zu übernehmen und das Community Management neu zu organisieren.

Das wird Geld kosten, weil es mehr Arbeit macht als sich Facebook bislang eingestehen will. So wie YouTube und andere Videoportale sich einst in einer frühen Phase auf der naiven Annahme ausruhten, von User illegal hochgeladene Filme würden nicht in ihrer Verantwortung liegen, so muss auch Facebook gerade wegen seiner Marktdominanz aufwachen und Verantwortung übernehmen: Klassische Medien unterliegen moralischen (Presserat, Jugendschutz etc.) und rechtlichen Instanzen, die die Verantwortlichen bei Verstößen zur Rechenschaft ziehen.

Social Networks – und damit nicht nur Facebook – entziehen sich bislang noch zu oft dieser Verantwortung. Gleichzeitig nähern sie sich immer mehr klassischen Medienhäusern an (Stichwort: Instant Articles). Spätestens an diesem Punkt wird aus der persönlichen Motivation für diesen Kommentar auch ein Thema für den Medienjournalisten in mir. Wann immer in den vergangenen Jahren das Thema Medienregulierung aufkam, ging es nur um einzelne, wirtschaftliche Interessen der Marktteilnehmer.

Meist stritten Verlage, Fernsehsender und digitale Wettbewerber über Werberichtlinien, Marktkonzentration oder das legendäre Leistungsschutzrecht. Aus Nutzersicht waren all das zunächst einmal belanglose Aspekte, die vorrangig wirtschaftlichen Interessen geschuldet waren. Doch hier, in diesem Fall, könnte Medienregulierung auch endlich mal im Sinne der Nutzer von Bedeutung sein. So wie klassische Medien für ihre verbreiteten Inhalte verantwortlich sind, muss eine vergleichbare Verantwortung auch für soziale Netzwerke gelten.

Wer auch immer zuhause in Jogginghose am Kacheltisch sitzt und hasserfüllt seine Kommentare in die Tastatur hämmert – er oder sie füllt technisch gesehen erst einmal ein Eingabeformular auf einer Website aus. Das würde kaum jemand mitbekommen, wenn es nicht vom weltgrößten sozialen Netzwerk Facebook verbreitet, auffindbar gemacht und auch trotz Meldung toleriert werden würde. Das macht mich wütend und treibt mich weiter an, jeden unangebrachten Kommentar zu melden und jede Untätigkeit von Facebook zu dokumentieren.

URL zu diesem Artikel auf DWDL.de: http://dwdl.de/sl/60cb9e

Facebook, das Netzwerk mit dem Herz für Hass

von Thomas Lückerath am 06.08.2015 um 10:30 Uhr«

06.08.2015 | von Thomas Lückerath

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