Die Liebe des Nächsten muss geboten werden.

»Die Konsum-Eliten: Wie sich die Menschen gegenseitig verachten und sich dabei nicht vorstellen können, dass auch sie verachtet werden, wie sie sich besser vorkommen, klüger, den sogenannten anderen überlegen, stilvoller, weil sie ausgewählter und feiner konsumieren als der Pöbel, weil sie Musik hören, die kaum jemand kennt, weil sie Bücher lesen, die nur den Kritikern gefallen, weil sie im Bioladen einkaufen, sich bestimmte Kleidung, Autos und Möbel kaufen, weil sie in dem kleinen Cafe an der Ecke ihren Espresso trinken, weil ihre Geräte vom Apple sind oder eben genau nicht. Sie haben für ihren Konsum gute Gründe. Auf ihrem kleinen Planeten sind sie es, die alles richtig machen, die sich auskennen und die richtige Auswahl treffen. Die anderen – das sind die Idioten. Da muss man nicht nachfragen. das sieht man schon von weitem. Die gehören nicht zu uns, die kaufen die falschen Klamotten, das falsche Essen, sie haben zu viele oder zu wenig Kinder, sprechen zu laut oder verdächtig wenig, in einer anderen Sprache wohlmöglich und machen sowieso einiges falsch. Muss man nur kurz stillhalten und zuhören, als wäre man in Gedanken ganz wo anders, schon überführen sie sich selbst, indem sie ganz ohne Zwang ihre Blödheit und ihre Fehler ausbreiten, so dass man bloß dankbar sein kann, dass man selbst nicht so ist.  

Ich lernte viele dieser besseren Menschen kennen und bin selbst einer von ihnen. Wir sind stolz auf unseren ausgewählten Konsum, auf unsere Plattensammlung, auf unser Wissen in ganz bestimmten Bereichen, auf unsere aufgeklärte Meinung zu diesem und jenem. Und immer, wenn wir auf unsere Überlegenheit zu sprechen kommen, fängt es ein bisschen an zu stinken. Denn das, worauf wir so stolz sind, ist ja bloß gekauft. Wir haben die Dinge nicht erfunden oder geschaffen, wir haben uns einfach nur einen Geschmack zurecht geschnitzt, ein ganz bestimmtes Konsumverhalten, mit dem wir uns von anderen abgrenzen. Und wie leicht vergessen wir beim Lesen von Produktrezensionen, beim stundenlangen Suchen nach dem besten Produkt, wie alt dieses Bedürfnis nach Abgrenzung ist, wie menschlich die Neigung, andere zu verachten, um sich selbst aufzuwerten.

Wenn ich etwas am Christentum sympathisch finde, ist es das Gebot der Nächstenliebe. Denn die Liebe des Nächsten muss geboten werden. Sie widerstrebt der menschlichen Natur, die zur Verachtung des anderen neigt. Das Gebot erinnert uns daran, dass wir uns jeden Tag gegen unsere Bequemlichkeit und Selbstgefälligkeit wehren müssen, dass wir den anderen nicht verachten und verurteilen sollen, sondern ihm helfen, wenn er in Not ist, ihm vergeben, wenn er schlecht gehandelt hat und dass wir uns nicht über ihn stellen dürfen.«

05.01.2015 | von wasunsausmacht

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2 Antworten zu Die Liebe des Nächsten muss geboten werden.

  1. Ruhrköpfe schreibt:

    Liebe deinen Nächsten. Pause. Wie dich selbst. Ich befürchte jedoch, viel zu wenige Menschen lieben sich selbst. Wie sollen sie dann andere Menschen lieben?

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  2. reprox schreibt:

    Gut gesagt.

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