Follow the money

»Was in Paris passiert ist, ist schockierend. Es kann sich morgen in Brüssel, Berlin, London wiederholen. Beim nächsten Mal sollte niemand überrascht sein. Überrascht sein sollten wir eher, wenn tatsächlich etwas passieren würde, was diesen Terroristen wirklich das Handwerk legen würde.

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Ehrlich gesagt, schon am Freitag abend als die Live-Bilder um die Welt gingen, hatte ich schnell die Nase voll von den betroffenen Obamas, Camerons, Merkels, Steinmeiers und so weiter – aber auch von den betroffenen Je Suis Paris und so weiter Tweets in den sozialen Medien. Folgenlose Betroffenheit, vielleicht verständlich, bei Politikern immer auch kalkuliert. Aber wenn es dazu dient, davon abzulenken, dass man nichts wirklich dafür tut, dass sich so etwas nicht wiederholt, dann ist es sogar schädlich. Ich bin auch traurig, ja, aber vor allem wütend.

Der IS ist so sehr in Bedrängnis wie noch nie. Jahrelang eilten sie von Sieg zu Sieg, expandierten, wurden reich. Davon redet niemand mehr. Der gescheiterte Sturm auf Kobane war der Wendepunkt. Ganz alleine, unter den Augen der tatenlosen Türkei, unterstützt nur von einigen US-Kampfjets, haben die kurdischen Kämpfer und sehr viele Kämpferinnen den IS besiegt. Am Freitag haben kurdische Peshmergas Sindjar zurückerobert, die Stadt der Jesiden, und einen großen Abschnitt der Hauptverbindungsstraße von Mossul nach Syrien, also faktisch das IS-Gebiet in zwei Hälften geteilt. Eine schwere Niederlage für den IS.

700 zu allem entschlossene IS-Kämpfer konnten gegen die der PKK nahestehenden Kurden im Westen (ohne westliche Untersützung) und den Peshmergas der irakischen Kurden (mit US-Unterstützung) nicht lange standhalten. Am Freitag war auch sicher bestätigt, dass der britische  IS-Henker „Jihadi John“ bei einem US-Luftangriff der der IS-„Hauptstadt“ Rakka endlich getötet wurde.

Gut so. Endlich sind sie in ihrem Märtyrerhimmel und können 77 Jungfrauen am Tag vergewaltigen. Davon haben sie doch immer geträumt.

Wenn Russen, Franzosen und Amerikaner gemeinsam mit den Kurden vorhätten, den IS komplett auszuradieren, und dafür auch Bodentruppen einsetzen, es würde keine zwei Wochen dauern. So etwas wäre auch fairer gegenüber den Kurden, die unter unglaublichen Anstrengungen alleine die Hauptlast dieses Kampfes tragen. Vielleicht machen die Franzosen und Russen es jetzt, es wäre höchste Zeit.

Wenn die Europäer – und vor allem die besonders untätigen Deutschen – endlich die IS-Unterstützernetzwerke in Europa hinter Gitter bringen würde, wäre auch schon viel gewonnen. Man kann doch nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn der deutsche Verfassungsschutz berichtet, dass die Jihadisten-Netzwerke in Deutschland versuchen, syrische Flüchtlinge anzuwerben. Warum man diese Typen dabei nur beobachtet, statt sie festzunehmen, das wissen nur die Deutschen. Auch die Franzosen werden aus Schaden anscheinend nicht klug. Schon die Charlie-Hebdo-Killer waren polizeibekannte Jihadisten, liefen aber frei herum. Der eine bereits identifizierte Pariser Killer vom Freitag war auch „geheimdienstbekannt“. Über 3000 “Syrien-Heimkehrer” sind den französischen Behörden bekannt, leben in Frankreich. Wenn ihr diese Typen nicht verhaften wollt, braucht ihr euch nicht zu wundern.

Nein, was die europäischen Sicherheitsdienste und Innenpolitiker sich in Sachen Terrorbekämpfung leisten, ist peinlich. Deutschlands Regierung tut so, als wäre die Vorratsdaten-Speicherung die Lösung und dafür wird der Terror als gutes Alibi benutzt. Frankreich hat eine scharfe Vorratsdaten-Speicherung, und es nützt offenbar nichts. Ihr müsst nicht Daten über uns alle sammeln, ihr müsst die Typen, die ihr als Jihadisten kennt, verhaften. Dass ihr es nicht macht, zeigt, dass es euch um etwas anderes geht.

Aber militärische und polizeiliche Bekämpfung des IS-Terrors ist nur der eine Teil. Auch wenn der IS kein Gebiet mehr in Syrien und Irak kontrollieren würde, auch wenn die bekannten Jihadisten-Netzwerke in Europa im Gefängnis wären, diese Typen sind wie eine Hydra. Sie wachsen nach.

Aber nicht von alleine.

Jetzt kommen wir zu dem Teil, über den in der westlichen Öffentlichkeit niemand spricht.

Der IS ist kein Unkraut, das von alleine gewachsen ist. Es ist eine sorgfältig gezüchtete Saat. Wie schon al Qaida ist es eine Kreation radikaler sunnitischer Jihadisten vor allem aus Saudi-Arabien und  aus Qatar. Wahhabitische Fundamentalisten, die unendliche Geldressourcen haben und Teil der herrschenden Familienclans dieser Länder sind. Sie werden nicht unbedingt von den Staatsspitzen gedeckt, aber auch nicht von ihnen bekämpft. Man verhaftet doch nicht seine eigenen Familienmitglieder. Staatskassen und Privatkonten sind in diesen Ländern gar nicht wirklich zu trennen.

Nach 9-11 war es kurzzeitig Thema. Alle Attentäter waren Saudis. Gedeckt und finanziert von den herrschenden Familien. Die wirklichen Hintermänner wurden weder identifiziert noch gefasst. Der Clown Osama bin-Laden wurde als Hauptschuldiger hingestellt, obwohl er längst nicht mehr wichtig war.

Die Saudis waren tabu. Sie sind es immer noch. Unverzichtbare Verbündete gegen den Iran, unverzichtbare Öllieferanten und vor allem Stabilitätsgarantie für den Ölmarkt.

Langsam, langsam bröckelt es. Das saudische Öl braucht Amerika nicht mehr. Nach Ahmadinedschad ist der Iran auf Verständigungskurs mit dem Westen, sehr zum massiven Ärger der Saudis. Der Westen erkennt sogar, dass das angebliche Terror-Regime in Teheran schon lange keine Attentate mehr gegen den Westen organisiert hat. Es gibt keine schiitischen Islamisten, die den Westen angreifen. Nur Sunniten, alle unterstützt und finanziert aus Qatar, Saudi…und Erdogans Türkei. Frustrierte Sunniten aus aller Welt, nicht nur aus Irak und Syrien, werben sie an. So fanatisiert diese auch sein mögen, völlig ohne finanzielle Anreize ziehen nur die wenigsten in den Jihad.

Jetzt wird es noch spannender. Nicht nur die vermeintlichen Verbündeten in Riad und Doha betreiben ein verlogenes Doppelspiel, auch Erdogan. Ihn fallenzulassen, traut sich der Westen erst recht noch nicht.

Aber er müsste es.

Die Türkei hat seit Erdogans Machtübernahme immer engere wirtschaftliche Beziehungen zu den Golfmonarchien aufgebaut. Qatar-Geld wird überall in der Türkei investiert. Ohne Qatar wäre wahrscheinlich die AKP nie zu dem geworden, was sie ist. Ohne die Türkei wiederum wäre der IS nie zu dem geworden, was er ist – vor allem wäre er an Geldmangel eingegangen. Alle Ölgeschäfte wickelt der IS über die Türkei ab, in der Türkei verdienen eine ganze Reihe Leute sehr gut an diesen Geschäften. Dafür liefert der IS sogar Selbstmordattentäter, die Erdogans innenpolitische Gegner mitten in Ankara in die Luft jagen. Das ist alles kein Geheimnis, dennoch hofiert der Westen  Erdogan mehr denn je.

Follow the money. Hinter dem IS stecken einflussreiche Kreise bis in die höchsten Etagen des Staates in der Türkei, Qatar, Saudi-Arabien. Sunnitische Kreuzzügler gegen die Schia, gegen den Westen, gegen den Säkularismus, gegen die Toleranz. Gegen uns, gegen dich, gegen mich. Reich geworden durch die Ölsucht des Westens. Durch deine Ölsucht, durch meine Ölsucht. Wenn die NSA wollte, sie könnte die Namen der meisten veröffentlichen.

Sie als Verbündete  fallenzulassen, harte Wirtschaftssanktionen, die Geldflüsse umfassend trockenlegen, mit einer paar guten Hackerangriffen in den Banken Dubais die Konten der Gangster zu leeren, die Qatar-Investments im Westen einfrieren wie einst die iranischen, das wäre jetzt nötig. Das traut sich der Westen nicht. Es wäre ein kompletter Wechsel des Koordinatensystems. Putin und der Iran wären die Verbündeten des Westens, die Golfmonarchien und Erdogan Regime die den Terror unterstützen. Die Golfmonarchien würden unter Sanktionen wie einem Ölembargo sehr rasch zusammenbrechen, sie sind reine Rentiersökonomien.

Auch das wird passieren höchstens im Schneckentempo.

Bis dahin werden noch weitere Massaker passieren. In Syrien, in Irak jeden Tag. Einen Tag vor Paris sprengten IS-Selbstmordattentäter  in Beirut 43 Leute in den Tod und 230 ins Krankenhaus. Aber das waren nur Araber und Schiiten. Das ist dem Westen egal, der Politik wie der Gesellschaft. Die Türkei wird immer diktatorischer. 128 Tote und 500 Verletzte in Ankara vor wenigen Wochen. Aber nur Kurden und Türken. Das ist dem Westen auch egal. Yemen wird in die Steinzeit gebombt von Saudis und Qatar.131 Tote bei der Bombardierung einer Hochzeitsfeier durch die Saudi-Luftwaffe (US-Flugzeuge) in Yemen im September. Aber: nur Yemenis.  Das ist dem Westen auch egal. Ab und zu wird nun auch ein europäisches Flugzeug explodieren und Selbstmordattentäter in Europa um sich schießen. Das ist dem Westen nicht egal. Vielleicht wird der IS-Terror und seine Hintermänner in Riad, Doha, Ankara nun doch ernsthaft und nicht nur verbal angegriffen. Vielleicht. Ich wage es kaum zu hoffen.

It’s so horrible«

15.12.2015 | von sunflower22a

 

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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3 Antworten zu Follow the money

  1. nandalya schreibt:

    Der IS, die Taliban töten täglich (wieder) viele Menschen. Aber das ist ja weit weg von Europa …

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  2. Christiane schreibt:

    Ich kann nicht beurteilen, ob die geschilderten Zusammenhänge wahr sind. Aber „follow the money“ ist sicher ein guter Tipp. „Cui bono?“ nennt man das in der klassischen Detektivliteratur, wem nützt es?
    Danke für den Stoff zum Nachdenken.

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  3. reprox schreibt:

    Sehr aufrüttelnder Text. Danke für den Hinweis auf einen weiteren interessanten Blog!

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