»Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.«

»ein Europa, dessen Solidargemeinschaften am Ende sind, ist nicht mehr retten.
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[wir] interpretieren […] Freiheit vermehrt als Freiheit vom Anderen, Unliebsamen, und beschränken unsere Selbstverwirklichung auf das Zelebrieren unserer kleingeistigen Ressentiments. Kein Wunder, dass nur noch Ängsteschürer, Kriegshetzer und Kulturzyniker […] als Verweser unserer geistigen Konkursmasse wahrgenommen werden.
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Was sich mehr und mehr in physischer Gewalt entlädt, hat seinen Ursprung in einer strukturellen Gewalt, der sich kaum jemand entziehen kann. Um mit Lessing zu sprechen: Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.
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Und so dürfen wir davon ausgehen, dass auch weiterhin zu wenig für die Verlierer unserer Gesellschaft unternommen werden wird. Die Symptombekämpfung, die erst einsetzt, wenn die Milch längst verschüttet ist, wird vielleicht noch den einen oder anderen Helden und Märtyrer generieren, aber die Durchschnittsfeiglinge wie du und ich werden weiterhin in einer zunehmend unsicheren und unfreien Welt leben, die Schritt für Schritt ihre Ideale über Bord wirft. Als austauschbares Menschenmaterial in einer Arbeitswelt, die uns immer härter an die Kandare nimmt, als Langzeitarbeitslose in unendlichen Umschulungsschleifen und Behördengängen gefangen, gehen wir drohender Altersarmut und sozialer Verwahrlosung entgegen.
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Die Faschisten, die unter austauschbaren Deckmänteln, sei es der Islamismus, seien es wirre rassistische Ideologien, Angst und Schrecken verbreiten, kommen aus unserer Mitte.
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Statt unsere Befestigungen auszubauen und immer erst mit Empörung und Engagement zu reagieren, wenn es zu spät ist, müssten wir unser Geld, unsere Energie, unsere Begeisterungsfähigkeit in Friedensarbeit investieren.
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Wenn soziale und kulturelle Einrichtungen, Orte der Begegnung, des Austauschs, der Kreativität, kaputtgespart werden, wenn sich Armen- ebenso wie Reichen-Ghettos bilden, wenn die soziale Herkunft die Zukunft eines Menschen zuverlässiger beeinflusst als Talent, dann sind wir selbst zu den Totengräbern unserer Grundwerte geworden.
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Wir lassen es zu, dass zahllose Menschen enttäuscht, gedemütigt und ausgegrenzt werden, erwarten aber zugleich, dass sie sich mit den Freuden minderwertiger Ernährung und abstumpfender Fernsehprogramme über ihre soziale Sackgasse hinwegtrösten und stillhalten.
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Es ist ihnen [den Schülern] kaum begreiflich zu machen, dass der Geist des Faschismus keineswegs bloß durch ein paar Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts spukte. Er ist heute lebendig wie eh, er ist die Erbsünde, die in uns allen latent angelegt ist. Zu glauben, dass man gegen Totalitarismus gefeit sei, ist bereits der erste Schritt dorthin.
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Dass wir auf die ideologische Verblendung und Radikalisierung von Menschen bis heute keine Antwort gefunden haben, ist die eigentliche Tragödie des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
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Heute bewegt sich der Konsens bei vielen wieder dahin, dass man durchaus draufhauen darf, wenn man mit einer Meinung, einer Verhaltensweise, einem Auftreten nicht zurechtkommt. Natürlich ist der Satz zutreffend, dass Gewalt das Instrument der Unbeholfenen ist. Wer sich mit Worten nicht wehren kann, muss eben zu anderen Mitteln greifen.
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Vor die Wahl gestellt, mich zu meinen Überzeugungen zu bekennen und eventuell dafür zu sterben, oder die Klappe zu halten und mit dem Leben davonzukommen, entscheide ich mich fürs Überleben. Ich bin keine Märtyrerin. Im Zweifelsfall lass ich mich lieber mundtot als ganz tot machen. Ein Leben auf den Knien erscheint mir immer noch attraktiver als ein Sterben im Stehen.«

10.01.2015 | von Selma Mahlknecht

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Über Red Skies Over Paradise

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Eine Antwort zu »Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.«

  1. nandalya schreibt:

    Wie war das beim Zauberlehrling? Die Geister, die ich rief …

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