»Stella und der Huhu- Mann.«

»Schon einige Zeit beobachtete Stella die Frau, die geschäftig der Blumenpflege nachging und dabei lauthals redet und lachte und wieder redete.

Ob der sie hörte, mit dem sie da sprach? fragte Stella sich.

Und im gleichen Moment dachte sie darüber nach, warum dieser Jemand die Frau ausgerechnet nur an diesem Ort hören sollte… Ein Vogel gab einen Laut von sich, der wie ein leises Stöhnen klang nur einige Töne höher. Stella stand auf und ging zwischen den Gräbern entlang. Ihre Großmutter hatte immer gesagt: “Kind in deinem Leben lebst Du unzählige Leben.” Sie hatte lange nicht verstanden, was ihre Oma damit meinte.

Geliebte Ehefrau, stand da auch einem Grab, In ewiger Erinnerung an meinen Sohn, auf einem Anderen. Stella saß oft hier an diesem Ort der Ruhe. Es war der einzige Platz in der Stadt, an dem man keine lärmenden Menschen oder hupende Autofahrer hörte.

Nur den Wind, der durch die Wipfel der mächtigen Bäume strich, die hier überall standen und manchmal Menschen, die mit ihren Lieben dort unter der Erde redeten oder stille Tränen vergossen. Es war ein ehrlicher Ort – vermutlich einer der Einzigen, den es auf der Erde noch gab.

Wenn es ihr nicht gut ging, saß sie auf einer bestimmten Bank, zwischen den großen Gruften der reichen Leute und versuchte ihren Atem zu spüren. Sie kam dann auf den alten Friedhof, um zwischen den Toten zu sein und zu spüren – so kitschig es klang – dass sie noch am Leben war. Das Erwachsen sein, war härter, als sie es sich vorgestellt hatte. Als Kind ist es eines der größten Wünsche endlich groß und unabhängig zu sein, lange aufbleiben zu können, nicht mehr durch jemanden kontrolliert zu werden. Ist man dann aber Erwachsen erkennt man, dass man ganz schön einsam sein kann und, dass man mit vielen Dingen allein ist- sogar, wenn man nicht allein ist.

Denn mit Wünschen ist das oft so eine Sache. Wenn sie sich erfüllen, erkennt man manchmal, dass sie eigentlich nichts mit dem zu tun haben, was man sich irgendwann mal zurechtgelegt hatte. So ging es ihr oft, dass sie ganz unbedarft irgendwo entlang ging und ein Duft ihr in die Nase stieg, der ihr aus längst vergangener Zeit nur allzu vertraut war. Stella hatte, wie ihre Oma gesagt hatte, schon einige Leben hinter sich; war Geliebte, Tochter, Schwester, Lehrerin, Musikerin, Schriftstellerin, gute Freundin, Seelenverwandte wahrscheinlich noch einiges mehr. Viele Rollen spielte man sein ganzen Leben, einige nur in Perioden oder Abschnitten, einige waren Existenziell, oder hatten wenig mit Einem zu tun, andere dauerten an bis ans Lebensende und wiederum Andere waren Wunschträume und gingen nie in Erfüllung. Es gab Menschen, bei denen gab es diese vielen Leben nicht. Sie lebten zwei maximal drei Leben aus Angst oder vielleicht auch, weil sie es einfach wollten. Stella hatte diese Exemplare oft kennengelernt und sich meistens nicht mit ihnen verstanden. Denn so schwer es war viele Leben zu leben, so sehr langweilten sie Menschen, die vermeintlich gradlinig nicht die Höhen und Tiefen kannten, die ein Leben haben konnte.

So tief versunken in ihre Gedanken, schreckte sie plötzlich auf, weil sie meinte ein Geräusch gehört zu haben, das für den alten Friedhof untypisch war. Aus den Augenwinkeln sah sie einen Schatten neben der großen Eiche stehen, aber so sehr sie sich auch bemühte, selbst, wenn sie die Augen zukniff – ihr gelang es einfach nicht, ausser dem Umriss, den Schatten genauer zu fixieren. Er flimmerte, wie Hitze auf heissem Asphalt und mit viel Phantasie sah er aus, als würde er ihr zuwinken. Stella schloss die Augen, weil sie plötzlich bohrende Kopfschmerzen bekam. Als sie sie wieder öffnete, war der Schatten verschwunden. Stella fröstelte und horchte in die Stille des alten Friedhofs, wo sie plötzlich meinte ein Flüstern zu hören. Etwas streifte ihren Nacken. Sie stand blitzschnell auf – sah aber nichts und ging zügigen Schrittes auf den nahliegenden Ausgang zu. Als sie zurückblickte, lag die Bank zwischen den Gruften still, wie immer auf dem alten Friedhof, doch an der Stelle, an der sie grade noch gesessen hatte, lag nun eine Rose. Stella stand ratlos an der Eisenforte und starrte fassungslos auf die Blume, die wie durch Zauberhand erschienen nun auf der Holzbank lag. Kurz überlegte sie zurückzugehen, entschied sich dann aber den Heimweg anzutreten, der festen Überzeugung das alles nur geträumt zu haben.

Stella fiel zuhause angekommen in einen unruhigen Schlaf und erwachte mitten in der Nacht, weil sie der Durst plagte. Im Dunkeln tastete sie sich im Nebenzimmer zum Kühlschrank. Als sie aus dem Fenster sah, erstickte sie fast an ihrem O-Saft. Wieder meinte sie diesen Schatten zu sehen, den sie auf dem Friedhof gesehen hatte. Er stand da unten unter den Bäumen und obwohl sie nicht wirklich sagen konnte, ob der Schatten überhaupt Augen hatte, meinte sie, er würde zu ihrem Fenster hochstarren. Stella war, wie der Wind in ihrem Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Mädel- dreh jetzt nicht durch, mahnte sie sich, Du hast heute einfach einen schlechten Tag. Sie schlief ein und war erleichtert, als sie die Augen aufschlug und es hell war.

Um sich zu beweisen, dass sie nicht verrückt war, ging sie duschen, zog sich an und rannte fast zurück auf den Friedhof. Die Rose auf Ihrer Bank war weg – alles war wie immer. Die Bäume, die Gräber, hier und da, das Schluchzen eines Trauernden. Stella mümmelt ihr Brot, als ihr wieder war, als würde ein Atemzug ihren Nacken streicheln. Blitzschnell drehte sie sich um und sah den Schatten, der etwas Abseits bei den Gräbern stand. Sie hatte keinen Furcht, war aber irritiert, weil sie nach, wie vor nicht erkennen konnte, was er eigentlich war. Wieder schien es, als würde er winken. Stella begann schallend zu lachen – der Schatten blieb und “starrte”.

Du bist der Huhu Mann”, rief sie ihm laut zu, nur um die Stille zu vertreiben und verschlang hastig die letzten Happen ihres Brotes. Sie hatte kurz weggesehen, glaubte sie, denn plötzlich war der Schatten direkt neben ihr. Sie spürte etwas Altes, etwas Neues, Energie und Lachen, Musik und Tränen und hörte eine Stimme sagen, die eigentlich keine war:”Wir sehen alle den gleichen Himmel, Stella, und doch sieht ihn jeder auf seine eigene Art. Worte und Gedanken sind eben nur das – am Ende Deines Lebens aber erinnern sich die Menschen alleinig daran, was Du getan hast.” Stella war erstarrt und der Schatten verschwunden. Direkt neben ihr lag nun wieder eine rote Rose.

Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne streiften ein kleines Grab neben den großen Gruften der reichen Leute, das direkt neben einer versteckten Bank lag. Stella McPearson, stand auf dem Grabstein. Geliebte Mutter, Tochter, beste Freundin und Liebe meines Lebens. Vor dem Grab kniete ein Mann mit einem Hut und einer Gitarre und betrachtete still die rote Rose, die auf dem Grabstein lag. Als er langsam schlurfend zum Ausgang ging, verweilte er für einen kurzen Moment um und blickte wehmütig zurück zum Grab; und dann kurz bevor er aus der großen eisernen Eingangstür trat, hob er für einen Moment die Hand, so dass man meinte, er würde winken.«

Christin Feldmann
http://www.wir-machen-druck.de/tpl/manns-partner/media/pdf/schreibwettbewerb-horroranthologie.pdf
https://stellalearnstolive.wordpress.com/2015/04/03/stella-und-der-huhu-mann-kurzgeschichte-an-karfreitag/

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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Eine Antwort zu »Stella und der Huhu- Mann.«

  1. Danke Dir !!!!!!!!! Freu ich mich drüber!!!!!

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