Der Neoliberalismus entlässt seine Kinder(soldaten).

»Eigentlich war sich dieses Land nach 1945 in der historischen Erfahrung darin einig, wie gefährlich Technokratie und ein nicht ausgebildeter kritischer und selbstständiger Geist ist.
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Was wollen wir? Eine Schule, die Kinder, Eltern und Lehrer krank macht? Kinder, die lebenslang miteinander konkurrieren und deren Denken mehr und mehr formatiert ist, ohne einen Hauch von Phantasie, aber perfekte Test-Maschinen, damit wir auf „unsere“ Platzierung in der PISA-Liga stolz sein können? Eine schöne neue Welt mit vielen Arbeitsplätzen für perfekt arbeitende Technokraten?
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Die Umfrage [aus dem Jahr 2004] offenbarte einen Meinungswechsel der Eltern – hin zu mehr Leistung, strengerer Auswahl, höheren Anforderungen: 49 Prozent forderten Elite-Universitäten, 81 Prozent regelmäßige Tests für Lehrer.(4) Sechs Jahre später verlangten 60 Prozent der Eltern strengere Lehrer sowie mehr Disziplin und Leistung im Klassenzimmer.(5) Im letzten Jahr legten mehr als drei Viertel der Befragten Wert darauf, dass deutsche Schüler in internationalen Leistungsvergleichen wie PISA gut abschneiden. Die Umfrage zeigt den Autoren zufolge, „dass den meisten Deutschen eine klare Leistungsorientierung in den Schulen wichtig ist“.
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Es geht um eine möglichst zahlreiche Heranzüchtung beruflicher Allzweckwaffen, die in einer sich stetig verändernden Wirtschaft des 21. Jahrhunderts möglichst effizient eingesetzt werden sollen, um „eine Spitzenposition einnehmen zu können“. Von einer Erziehung zur Mündigkeit, die einst als Grundlage der Demokratie und als Ziel der Aufklärung betrachtet wurde, ist weit und breit keine Spur.
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bei der Jagd auf den Spitzenplatz im PISA-Ranking ging offenbar etwas verloren. In einem Vergleich von 21 Ländern bildeten chinesische Schüler beim Test ihrer Phantasie das internationale Schlusslicht. In Kreativität kamen sie nur auf den fünftletzten Platz. Selbst der damalige chinesische Premierminister Wen Jiabao gestand öffentlich ein, dass es chinesischen Studenten an praktischen Fähigkeiten und kreativem Geist fehle. Man habe es versäumt, unabhängiges Denken zu trainieren.
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Das alte pädagogische Postulat, dass man aus Fehlern lernt, hat ausgedient. Wenn aber ein Kind nicht die Möglichkeit hat, Fehler zu begehen, kann nichts Originelles entstehen. Der Kunstprofessor und Bildungsexperte Sir Ken Robinson fordert daher, dass Kreativität in der Erziehung ein ebenso wichtiger Stellenwert beigemessen wird wie der Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben.
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Gerade angesichts der regelmäßigen internationalen Vergleichstests, die die nationale Bildungspolitik in Atem halten, gewinnt die Fähigkeit des Schülers, die vom Test gewünschte Antwort zu geben, immer mehr an Bedeutung, wohingegen der Raum, der es den Schülern gestattet, Fragen zu stellen und Fehler zu machen, immer enger wird.
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„Alle Kinder sind geborene Künstler. Das Problem besteht darin, Künstler zu bleiben, während wir älter werden.“
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[Divergentes Denken] […] ist die Fähigkeit, eine Frage auf eine Vielzahl unterschiedlicher Arten zu interpretieren und darauf eine Vielzahl unterschiedlicher Antworten zu geben.
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„Es gibt keine objektive Bewertung, obwohl sich alle Lehrer große Mühe geben.“ Studien untermauern seine Aussage. So werden Schüler aus sozial benachteiligten Familien bei gleicher Leistung in der Schule schlechter benotet als Kinder aus sozial begünstigten Elternhäusern. Jungen werden tendenziell schlechter benotet als Mädchen, und die Körperfülle der Schüler hat offenbar ebenfalls Einfluss auf die Notengebung. Klaus Wenzel fordert daher statt Noten eine gehaltvolle Rückmeldung über den Entwicklungsprozess des Schülers.
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Ein Bericht von UNICEF über das deutsche Selektionsverfahren [dreigliedrige Schule] offenbart, dass eine gerechte Auswahl nach Leistungskriterien nicht funktioniert.
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dass fast zwei Drittel der Lehrer und Lehrerinnen in Deutschland aus beruflichen Gründen als gesundheitsgefährdet, erschöpft, ausgebrannt und krank gelten. Nach einer Befragung wollen gerade einmal 41 Prozent bis zur Pension arbeiten. Die beunruhigende Wahrheit der leistungsorientierten Schule scheint zu sein, dass alle Beteiligten, Schüler, Lehrer und Eltern, immer mehr unter Druck stehen und gestresst sind. Die Kinder und Jugendlichen werden mit Burnout und ständigem Konkurrenzkampf auf die Leistungsgesellschaft vorbereitet.
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Drei Milliarden Euro investieren Eltern jedes Jahr in Nachhilfe, 20 Prozent von ihnen mehr als 200 Euro pro Monat. In Deutschland braucht jeder fünfte Schüler Nachhilfeunterricht.
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Vor der Schule haben Jugendliche mehr Angst als davor, keine Freunde zu haben.
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Fast jeder dritte Schüler klagt […] über Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Gereiztheit oder Niedergeschlagenheit. 40 Prozent der Schülerinnen bekennen, mehrfach in der Woche unter psychosomatischen Beschwerden zu leiden.
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„18 Prozent der Kinder und 19 Prozent der Jugendlichen in Deutschland leiden unter deutlich hohem Stress. (…) Wichtig anzumerken ist, dass auch die übrigen 82 Prozent der Kinder unter Stress-Symptomatiken leiden, diese jedoch in einer weniger ausgeprägten Form.“
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Lernen mit Leistungsdruck
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° Kinder mit hohem Stress leiden unter Versagensängsten. Knapp die Hälfte der gestressten Kinder hat Angst, ihre Eltern zu enttäuschen, denn sie nehmen deren Erwartungen viel intensiver wahr.
° Kinder leiden unter klassischen Burn-Out-Symptomen: Einschlafschwierigkeiten, Kopf- und Bauchschmerzen sowie Müdigkeit. 65 Prozent der Kinder mit hohem Stress berichten über somatoforme Belastungen, die im Vergleich zu allen Kindern überdurchschnittlich stark sind.
° Fast 34 Prozent der Kinder mit hohem Stress haben ein hohes Aggressionspotenzial.
° Gut 60 Prozent der gestressten Kinder geben an, nur manchmal oder nie nach ihrer Meinung gefragt zu werden, und rund 85 Prozent der Kinder mit hohem Stress werden nicht in die eigene Freizeitplanung eingebunden.
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Wollen wir eine Schule, die Kinder krank macht?«

05.01.2015 | von ANDREAS VON WESTPHALEN

alles lesen => http://www.hintergrund.de/201601053810/feuilleton/zeitfragen1/lernen-mit-leistungsdruck.html

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