»Moritz Mendel«

»Moritz Mendel wurde am 23. Februar 1890 in Anhausen, nahe Neuwied, geboren.

Er wohnte mit seiner Ehefrau Hedwig , geb. Mayer, und den beiden Söhnen Günter und Josef in Engers, Alleestraße 41 (heute: Neuwied, Stadtteil Engers).

Vom 15. November 1938 bis zum 9. Dezember 1938 wurde er im Konzentrationslager Dachau inhaftiert.

Moritz Mendel wurde – ebenso wie seine Familie – 1942 mit unbekanntem Ziel deportiert und gilt seitdem als verschollen.

Günther Salz, Engers, schreibt über die Familie Moritz und Hedwig Mendel:

„Was war das für eine Familie, die als einzige jüdische in Engers übrigblieb, nachdem Familie Herz 1937 nach Amerika ausgewandert war? Moritz Mendel war 1890 in Anhausen geboren und ehelichte am 30.10.1924 die neun Jahre jüngere Hedwig Mayer, die aus Niederbieber stammte. Ein paar Monate zuvor hatte Moritz Mendel im Zuge einer Erbschaft das Haus in der Engerser Alleestraße, unweit „Römerbrücks-Eck“, sowie einige Äcker übernommen. Er betrieb einen Viehhandel und eine kleine Landwirtschaft. Am 18.8.1925 wurde der Sohn Josef und am 13.5.1930 der Sohn Günter geboren. Der ältere Bruder Josef ging nach der Volksschule wahrscheinlich auf eine weiterführende Schule nach Neuwied, wie lange ist jedoch unklar. Ab dem 2.5.1939 besuchte er wohl die Israelitische Lehranstalt in Köln. Er wurde 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er ausweislich des Auschwitz-Gedenkbuchs umgebracht wurde. Ob der jüngere Bruder Günter noch zur Schule gehen konnte, ist nicht sicher. Die beiden „Jüngelchen“, so eine ehemalige Nachbarin, seien unauffällig und adrett gewesen. Von Josef Mendel besitzen wir eine Foto von seiner Einschulung im Jahre 1931 (siehe Bilderleiste rechts), von Günter Mendel können wir uns noch immer „kein Bild“ machen.

Auch vom Ehepaar Mendel gibt es nur eine schemenhafte Aufnahme als Zuschauer eines Engerser Umzuges (siehe Bilderleiste rechts). Man sagt, dass es liebenswürdige und hilfbereite, aber zurückhaltende Leute gewesen sein sollen. Moritz Mendel, wie die bereits erwähnte Nachbarin erinnert, habe öfters in der Klapptüre seines Scheunentores gestanden, sich die Engerser Welt beguckt und seinen „ziemlichen“ Bauch raushängen lassen. Mendels kauften u.a. bei Krupps um die Ecke ein und waren befreundet mit der Bauernfamilie Heinrich Blum auf der Bendorfer Straße. Wie stark die Mendels ihr Leben nach jüdischen Vorschriften und Traditionen ausrichtete, ist kaum bekannt. Jedenfalls sollen sie so genannte „Schabbesweiber“ gehabt haben, die ihnen bei den notwendigen Arbeiten zum Sabbat, die ihnen verboten waren, aushalfen. Die damaligen Caritas-Schwestern haben ihre Hilfsbereitschaft bezeugt: Wenn andere für Kranke und Schwache nichts mehr gaben, so sei bei Mendels immer noch eine Kleinigkeit abgefallen. Möglicherweise war ihre Großzügigkeit aber von einem innigen Wunsch und einer drückenden Sorge begleitet: Sie sollen die Hoffnung gehabt haben, dass ihnen die Engerser – auch in der Nazi-Zeit –,,nichts tun“.

Diese Hoffnung wurde furchtbar enttäuscht, als sie von Engerser und Neuwieder SA- und Nazi-Leuten am hellichten Vormittag des 10. November 1938 überfallen wurden. Die Täter stürmten Haus und Stallung und zerschlugen mithilfe des vorgefundenen bäuerlichen Geräts die Wohnungseinrichtung der Mendels und bedrohten sie. Sie warfen Haushaltsgegenstände, Kleider, Spielsachen und anderes auf die Straße. Bettlaken und Textilien hatten sich in der Oberleitung der elektrischen Straßenbahn verfangen und ein Vogelbauer mit lebendem Inhalt hing in den Zweigen eines Alleebaumes. Der Ortspropagandaleiter Lehmler schwenkte eine Handvoll Münzgeld in einem Beutel und soll zum Fenster hinausgerufen haben: ,,Hier habe ich das Judasgeld!“ Mehrere Schulklassen konnten sich anschließend die Ergebnisse der Judenaktion ansehen. … Manche Erwachsene seien aufgeregt, ja bestürzt gewesen. Einige Frauen hätten geweint; im Prinzip habe aber niemand etwas unternommen. Das Ganze wurde vom SS-Mann und Ortspolizist Philipp Schnorbach von der Kreuzung aus beobachtet. Auf die Frage der Frau Stankeit, was dieser Vorgang solle, habe er geantwortet: ,,Das ist Volkeswille“.

In ihrer Not flüchten die Mendels zu ihrem Freund und Nachbarn Heinrich Blum in die Bendorfer Straße. … Anschließend habe man Tor und Tür verbarrikadiert. Heinrich Blum soll auch das Schuldbuch, auf das es die Nazis oft abgesehen hatten, eine Zeitlang für Mendels aufbewahrt haben. Andere hätten den Überfallenen zu essen gebracht, weil ihr Ofen unbrauchbar gemacht worden war. … [Man hatte schon vorher] die Mendels in den wirtschaftlichen Ruin getrieben. Im Dezember 1937 wurde ein erstes Grundstück veräußert. Im März 1938 verkaufte Moritz Mendel seinem Freund Heinrich Blum ein weiteres Ackergrundstück. Am 28. August 1939 schließlich wurde sein Hausbesitz an den Buchdrucker Siebenmorgen übertragen. … Kurze Zeit nach dem Verkauf des Hauses verlässt die Familie Mendel am 7. Dezember 1939 die Gemeinde Engers und zieht nach Niederbieber, an den Geburtsort der Hedwig Mendel um. Der ältere Sohn Josef soll bereits im Mai1939 nach Köln verzogen gewesen sein. Danach verliert sich die Spur der Familie Mendel. Ihr weiteres Schicksal kann bis jetzt nicht genau belegt werden. Laut einer Bescheinigung der Amtsverwaltung Heddesdorf aus dem Jahre 1949 sei das Ehepaar Mendel mit ihrem Sohn Günter „am 30.3.1942 mit dem Vermerk ‚ausgewandert unbekannt‘ zur polizeilichen Abmeldung gelangt. Letzter Wohnort war Niederbieber, Altwiederstr. 3.“«

»[…] Schuld die auch wir hätten begehen können […]«

Quelle => http://stolpersteine-neuwied.de/index.php/8-personenbeitraege/169-mendel-moritz-2 {abgerufen am 2016-02-06-09-01-51}

Vergessen ist der Ausgangspunkt von Wiederholung.

Unless the world learns the lesson these cruel fates teach, night will fall.

„Night will fall“ [https://youtu.be/wnIBHNNvN8M], Director: André Singer, UK, 2014, 75 Min., FSK: nicht bewertet

Stein169[1]

Über Red Skies Over Paradise

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2 Antworten zu »Moritz Mendel«

  1. Xeniana schreibt:

    Furchtbar……Nie wieder!

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    • »Es kommt vor, daß ich meine, daß etwas klirrt,
      daß sich irgend etwas in mich verirrt.
      Ein Geräusch, nicht einmal laut,
      manchmal klirrt es vertraut,
      selten so, daß man es direkt durchschaut.
      Man wird wach, reibt die Augen und sieht
      in einem Bild zwischen Brueghel und Bosch
      keinen Menschen, der um Sirenen etwas gibt,
      weil Entwarnung nur halb soviel kostet.
      Es riecht nach Kristallnacht.«

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