»Thomas Hupka ist nicht zu fassen.«

»…. Das Datum ihres [Eva Hupka] Todes hat das Standesamt auf jenen Tag gelegt, an dem die Leiche im erheblich fortgeschrittenen Prozess der Verwesung gefunden wurde. Das ist so üblich, wenn der genaue Todestag unbekannt ist. Gestorben ist die gebürtige Münchnerin deutlich früher, das hat die Rechtsmedizin bei der Obduktion festgestellt. Wann genau, vermag niemand zu sagen. Wochenlang, vielleicht monatelang hat sie im Sommer des vergangenen Jahres tot in ihrer Wohnung in der Lessingstraße 26 gelegen, in der Beletage eines von drei Parteien bewohnten Gründerzeithauses. Bis die Nachbarn das Ordnungsamt benachrichtigten – wegen des Geruchs aus dem ersten Stock.
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Warum hat Thomas Hupka keinen Arzt gerufen, um wenigstens die Schmerzen der Sterbenden zu lindern?

Warum hat er so lange mit der Leiche in der Wohnung ausgehalten?

Ging es um die Fortzahlung der Altersversorgung? Die ist für die Witwe eines langjährigen Bundestagsabgeordneten nicht unbeträchtlich.

Und: Kann ein Mensch in unserer angeblich gläsernen Gesellschaft einfach untertauchen und spurlos verschwinden? Das ist kein Problem, solange nicht nach ihm gefahndet wird.

Wie oft wird jemand schon von einer Polizeistreife um seinen Personalausweis gebeten? Hupka kann auch unbemerkt ins Ausland gegangen sein. Im Schengen-Raum wird das nicht mehr kontrolliert.

Und wovon lebt Hupka […], wo er doch keinen Beruf erlernt hat? Gab es Vermögen? Viele Fragen bleiben – doch sie werden nie beantwortet werden. Die Bonner Strafverfolger sehen keinen Anlass für Ermittlungen.
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Äußere Gewaltanwendung? Eine alte Frau mit Lungenkrebs, die offenbar von jeder medizinischen Versorgung abgeschnitten wird – ist das kein Grund, nachzuhaken? Auch durch Unterlassen kann man einen hilflosen Menschen umbringen. Bedarf es da noch „äußerer Gewaltanwendung“?
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Im August 2012 erschien Thomas Hupka noch zum Sommerfest in Königswinter und nahm in heiterer Stimmung die guten Wünsche für Eva Hupka entgegen – wohl wissend, dass seine Mutter da schon in der gemeinsamen Wohnung verweste.
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Dann erzählt sie ihm, wie Eva Hupka ein ganzes Jahr lang von ihrem Sohn systematisch abgeschottet wurde. Am Ende sagt der Beamte: „Ich sehe jetzt aber immer noch keine Veranlassung, nach Thomas Hupka zu suchen.“
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Frau K. ist völlig überrascht, als zum lange vereinbarten Treffen des Stammtischs anlässlich Frau Hupkas 80. Geburtstag im August 2011 nicht das Geburtstagskind, sondern allein der Sohn Thomas erscheint. Er nimmt den großen Blumenstrauß entgegen und teilt – ohne Angabe von Gründen, aber auch ohne jede Gefühlsregung – mit, dass seine Mutter heute nicht komme.
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„Frau Hupka erzählte uns, dass der Thomas jetzt bei ihr wohne“, erinnert sich Frau K.
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Unter den kriminellen Aktivitäten des Sohnes hat der Vater [Herbert Hupka [1]] unendlich gelitten.
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Thomas Hupka schafft das Abitur – der letzte messbare Erfolg in seinem Leben.
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Alle wertvolleren Gegenstände, Ölgemälde etwa und das Auto, muss der erwerbslose Alleinerbe schon vor dem Tod der Mutter beiseitegeschafft oder zu Geld gemacht haben.
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Als die Leiche freigegeben wird, ist Thomas Hupka aus der Psychiatrie getürmt. Abgetaucht. Spurlos verschwunden. Also schießt das Ordnungsamt die Kosten der Bestattung vor und versucht den Aufenthaltsort des Sohnes für eine Rückerstattung zu ermitteln. Aber der heute 53-jährige Thomas Hupka, der in der Bonner Lessingstraße schon nicht gemeldet war, hat sich bei keinem Einwohnermeldeamt Deutschlands registrieren lassen. Außer dem städtischen Ordnungsamt interessiert sich auch keine weitere Behörde für seinen Verbleib. Nicht die Kriminalpolizei, nicht die Staatsanwaltschaft.
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Wenn der stetig wachsende Lungentumor schließlich aufbricht, kommt es zu Blutungen in der Lunge. Der Patient erstickt. So starb Eva Hupka. … Ebenso wie ihr Mann im Haus Lessingstraße 26, ebenso wie ihr Mann unter höchst mysteriösen Umständen. … Kein Mediziner stand ihr dabei zur Seite. Sie war ganz allein. Und der Sohn guckte nebenan Fußball.
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Thomas Hupka erklärt den Beamten lakonisch, sie sei „irgendwann während der EM“ gestorben. So genau wisse er das nicht mehr.
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Trotz seines Alters stirbt er [Herbert Hupka] eines nicht natürlichen Todes. Am 24. August 2006 stürzt er im Treppenhaus seines Wohnhauses in der Bonner Lessingstraße aus dem zweiten Stock über das massive Holzgeländer hinweg durch den Treppenschacht gut acht Meter in die Tiefe. Der hagere Körper schlägt auf den Steinboden im Erdgeschoss. Eine rechtsmedizinische Obduktion unterbleibt, Fremdverschulden schließen die Ermittlungsbehörden aus, obwohl kein Augenzeuge für den Sturz gefunden werden kann und niemand zu sagen weiß, wie der alte Mann über das 110 Zentimeter hohe Geländer kam oder was er im zweiten Stock des Hauses zu suchen hatte. Die Wohnung der Hupkas liegt im ersten Stockwerk. Nur der Sohn Thomas nutzt noch gelegentlich ein Mansardenzimmer unter dem Dach, also im dritten Stockwerk des Hauses. Wo der zu diesem Zeitpunkt war, wurde nicht ermittelt. Frau Hupka hingegen sitzt beim Friseur unter der Trockenhaube, als ihr Mann in die Tiefe stürzt.«

Wolfgang Kaes | DIE ZEIT & General-Anzeiger | 28.11.2013 & 23.06.2013 | Familientragödie, Nicht zu fassen & Die Geschichte einer Tragödie | http://www.zeit.de/2013/49/vertriebene-herbert-hupka-tod/komplettansicht & http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/Die-Geschichte-einer-Trag%C3%B6die-article1080891.html

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Hupka

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