»Wir sollen immer verzeihen, dem Reuigen um seinetwillen, dem Reuelosen um unseretwillen.«

»… Dürfen die sterbenden Eltern den Kindern die Versöhnung verweigern? Haben Kinder ein Recht auf Versöhnung mit ihren sterbenden Eltern? Oder sollte man als erwachsenes Kind den Tatsachen ins Auge blicken und eine offensichtlich gescheiterte Beziehung im Angesicht des Todes gar nicht erst zu kitten suchen? Hat man überhaupt eine Chance, so eine Beziehung auf dem Totenbett noch wiederherzustellen? Und was passiert, wenn das nicht gelingt?
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Doch mit der Verachtung der eigenen Eltern zu leben sei das Schwerste, was es gebe. Das sei eine „existentielle Verletzung“. Hinzu komme, dass der Moment des Sterbens viel bedeutungsgeladener sei als viele andere Momente. „Alles, was da passiert, hat eine Relevanz, die nach dem Tod bleibt. Damit müssen die Nachkommen, solange sie leben, umgehen.“
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„Vielleicht war es für diese Mutter die letzte Waffe der Verzweiflung, die Versöhnung zu verweigern“, mutmaßt sie, „und dazu hat sie das Recht!“ Andererseits könne unsere Menschlichkeit uns aber auch veranlassen, uns mit Menschen zu versöhnen, mit denen wir uns eigentlich nicht versöhnen wollten.
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„Einfach weil ich mich gefragt habe: Wenn ich jetzt erfahren würde, dass sie gestorben ist – wie wäre das für mich?“ S. beschloss, dass sie ihre Mutter vorher noch einmal sehen wollte.
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„Das war eine positive Erfahrung für mich, die ich von früher nicht kannte. Ich habe schrecklich geweint.“ Die Mutter indes habe in diesem Moment des Wiedersehens keine Regung gezeigt.
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Für Heike S. war dieser erste Besuch nach siebzehn Jahren eine Versöhnung.
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„Nein. Man muss sich mit den Eltern vor deren Tod nicht versöhnen. Da bin ich ganz klar. Es gibt kein Recht auf Vergebung.“
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Der Respekt vor der Unverfügbarkeit liebevoller Gefühle gehöre zu den unaufgebbaren Besonderheiten unseres freien westlichen Denkens.
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Aber wenn man es irgendwie über sich bringen könne, dann gehe man trotzdem zu den Eltern, wenn sie eine Versöhnung wünschten. „Man ist gnädig zu ihnen und nimmt mit einer Geste des Respekts Abschied.“ Dieser Respekt überbrücke dann den Gegensatz zwischen Unverfügbarkeit des Gefühls und Pflicht, und zwar sehr einfach: Man schulde den Eltern nicht, sie auf dem Sterbebett aufzusuchen und sich liebevoll mit ihnen zu versöhnen. Aber man schulde ihnen den Respekt, ihren Wunsch nicht von vornherein als einen „Scheinwunsch“ abzutun.
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„Man gibt seinen eigenen Standpunkt nicht auf, nur weil die sterbenden Eltern Versöhnung wünschen. Man darf nicht mit dem Gefühl aus der Situation gehen, dass man dem sterbenden Elternteil gegenüber ,verloren‘ hat. Man sollte das Gefühl haben, dass man stark war und verziehen hat. Und nicht, dass man kapituliert hat und sich hat erpressen lassen.“
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Bei Claudia W., deren Mutter auf dem Sterbebett höhnisch den Mund verzogen hat, ist dieser Moment des Abschieds definitiv schiefgelaufen.
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Katrin Hummel | Frankfurter Allgemeine | 19.02.2016 | Versöhnung am Sterbebett | http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/experten-rat-versoehnung-am-sterbebett-14068945.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Das Zitat in der Überschrift stammt von Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

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