»Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.«

»… es gab in Deutschland laut Erhebungen immer ein Potenzial von 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung, das fremdenfeindlich und homophob ist, das eine eher geschlossene, autoritäre Gesellschaft als Vorbild hat. Dafür gab es im Parteienspektrum bisher kein Angebot. Mit der AfD hat sich das geändert.
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AfD-Wähler sind insbesondere Menschen, die skeptisch bis ablehnend gegenüber der liberal-demokratischen Entwicklung der letzten Jahre sind. Teilweise, weil sie verängstigt sind, teilweise, weil sie sich als Verlierer einer wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung begreifen. Viele von ihnen gehörten bislang zu den Nichtwählern.
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Durch sie [die AfD] und durch Pegida und Co. gibt es zudem eine Enttabuisierung und Enthemmung bestimmter Positionen und Meinungen. Viele haben sich bisher nicht getraut, rechts zu wählen. Jetzt aber ist das gesellschaftsfähig geworden. Fremdenfeindlichkeit, der Ruf nach nationaler Abschottung oder Kritik an der Homo-Ehe werden jetzt aus der Mitte der Gesellschaft artikuliert.
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Ein bestimmter Teil der Bevölkerung fühlt sich von dieser beschleunigten, globalisierten Gesellschaft nicht mitgenommen. Sie befürchten, dass ihre Lebensgewohnheiten in einer Art und Weise tangiert werden, wie sie es nicht möchten. Diese Menschen finden, dass die Gesellschaft ungerecht ist und sich in eine falsche Richtung entwickelt. Dieses Phänomen gibt es seit mehreren Jahren, es fand in Wahlergebnissen aber keinen Ausdruck, weil es kein Angebot dafür gab.
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Beispielsweise haben Arbeitslose die AfD überproportional häufig gewählt.
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In der Tat gibt es in Deutschland drei Millionen Arbeitslose; sieben Millionen Menschen arbeiten im Niedriglohnsektor. Zwischen 2000 und 2010 sind die Einkommen der unteren Lohngruppen real nicht gewachsen. Da werden Menschen abgehängt. Gäbe es aber nur einen Verteilungskonflikt, wäre er einfach zu lösen: man müsste nur Lohnerhöhungen, Steuerveränderungen und Infrastrukturmaßnahmen auf den Weg bringen. Da das soziale Problem aber mit einem kulturellem verbunden ist – und dafür bietet die Ausländerfrage viele Anknüpfungspunkte –, wird es schwierig.
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Siebzig Prozent der AfD-Wähler haben diese Partei nach eigenen Angaben aus Protest gewählt.
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Wie können aus Verlierern Gewinner werden? Wie kann eine größere Durchlässigkeit in dieser Gesellschaft hergestellt werden?
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Wenn man die AfD-Wähler und -Politiker nur beschimpft und als Rassisten und Faschisten identifiziert, wird man nicht ins Gespräch mit ihnen kommen. Man muss sich für die sozialen Probleme interessieren, die dahinterstehen. Für die Verteilungsengpässe und -konflikte und für die Ursachen bestimmter Ängste. Die Parteien müssen selbst aktiv auf Stimmungslagen eingehen und Bilder und Identifikationen anbieten, um diesen Menschen den Einstieg in eine offene demokratische Beteiligung zu erleichtern.
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Man wird sie nicht ignorieren können. Die AfD ist auf dem Platz und greift demokratische Errungenschaften der offenen Gesellschaft an. Da muss man gegenhalten.
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Vielleicht fehlt es auf Seiten der etablierten Kräfte auch an einem Schuss Leidenschaft, an Authentizität.
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Die etablierten Parteien müssen jetzt schlüssig darlegen, welche Vorstellungen einer offenen, sozial gerechten und emanzipativen Gesellschaft sie haben. …«

Barbara Tambour, Wolfgang Schroeder [1] | Publik-Forum | 25.03.2016 | »Viele Leute fühlen sich abgehängt« | https://www.publik-forum.de/Politik-Gesellschaft/viele-leute-fuehlen-sich-abgehaengt?idw=20169908#

[1]: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Schroeder

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2 Antworten zu »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.«

  1. nandalya schreibt:

    „Die etablierten Parteien müssen jetzt schlüssig darlegen, welche Vorstellungen einer offenen, sozial gerechten und emanzipativen Gesellschaft sie haben.“ Und genau das ist der Knackpunkt. Es kommt entweder nichts, oder hilfloses Gestammel. Nüchtern betrachtet macht die AfD Punkt um Punkt. Die Etablierten hoffen, dass diese „neuen Rechten“ sich selbst abschaffen. Aber die haben durchaus gute Leute in ihren Reihen. Und bekanntlich fingen die Grünen einst auch belächelt an.

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    • Die etablierten Parteien werden nicht schlüssig darlegen können, wie eine Gesellschaft offen, sozial, gerecht und emanzipativ gestaltet werden kann, weil die Parteifunktionäre, die dazu eine Vorstellung hatten, systematisch aus diesen Parteien geekelt wurden oder in ihnen ruhiggestellt wurden. Das etablieren der AfD ist lediglich ein weiterer Baustein zur Durchsetzung einer gleichgeschalteten Gesellschaft, die bereits schon heute nicht mehr fähig ist, sich dagegen aufzulehnen.

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