Gott hab sie selig.

<< | < | Puttgarden, Montag, der 29.12.2025, kurz nach 16:30 Uhr. | Fast 10 Kilometer geradewegs über Fehmarns Felder lagen heute Nachmittag hinter ihm.

Plötzlich lag sie vor ihm. Einfach so. Wie aus dem Nichts. Im trüben Licht der zu Ende gehenden Dämmerung. Blaue Stunde in eiskalter Luft. Eine Frau. Auf dem Rücken.

Ihre roten Haare schimmerten eigenartig in diesem Dämmerlicht. Lange rote Haare. Gewellt. Die Augen geschlossen. Die Gesichtszüge entspannt. Ganz friedlich lag sie da. Blass. Einen schwarzen Schal um den Hals. Einen Parka trug sie bis über den Hosenbund ihrer blauen Jeans; rote adidas-Schuhe. Sie rührte sich nicht.

Ihre Arme lagen parallel zum Körper, die Hände mit den Innenflächen auf dem feuchten Boden.

Ganz langsam trat er an sie heran und ging in die Hocke. Er sprach sie an. Einmal. Zweimal. Dreimal. Keine Reaktion.

Er streichelte mit der Außenfläche seiner rechten Hand über ihre linke Wange. Sie war ungeschminkt und eiskalt. Seltsam fest.

Er hob ihr Hand, um ihren Puls zu fühlen. Die Hand, der Arm waren sehr schwer. Den Puls konnte er nicht finden.

Er nahm sein Schweizermesser aus der Gürteltasche, klappte das Messer auf, um die silber glänzende Klinge an ihren Mund und Nase zu halten. Die Klinge würde beschlagen. Wenn sie atmete. Sie atmete nicht.

Offensichtlich war diese hübsche junge Frau tot. Äußerlich schien sie unverletzt – woran mag sie gestorben sein?

Er kniete sich hin und blieb ein paar Minuten regungslos. Dann schaute er sich um. Links hinter ihr lag eine bunte Reisetasche, rechts daneben ein kleiner schwarzer Rucksack. Er nahm ihn an sich und öffnete ihn: eine angebrochene Packung Kekse, Tempos, Labello, ein Samsung (Akku leer), Kaugummis, ein Schlüsselbund, ein Probierfläschchen eines Eau de Parfums und eine Geldbörse mit Kleingeld und ihrem niederländischen Personalausweis. Das waren ihre Habseligkeiten, hier auf den feuchten Feldern Fehmarns zum Zeitpunkt ihres Todes.

Sie hieß van den Berg, Maaike, geb. am 31.07.2000 in Leeuwarden. 25 Jahre jung. Er führte seinen linken Arm über den leblosen Körper und drückte seine Hand fest auf den sandigen Boden, um leicht nach vorn gebeugt mit seiner rechten Hand die Reisetasche an sich zu ziehen. Sie war schwer. Er hob sie über Maaike hinweg, stellte sie rechts von sich ab und öffnete den Reißverschluss. Was er dann sah, ließ ihn minutenlang starr in das Innere der Tasche blicken. Er begriff es nicht. Was dort in Handtüchern gewickelt lag, war keine weitere Habseligkeit – es war das Wunder eines neugeborenen Lebens. – Leben! – Es lebte … |

04.05.2016 | von Red Skies Over Paradise

Inspiration: http://neonwilderness.net/2016/05/04/das-fuenfte-wort-2016-txt/

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