Fetisch Marktwert.

»… In ihrer Geschichte kommen keine imperialen Kriege und keine neokoloniale Ausbeutung vor und schon gar nicht die »kannibalische Weltordnung« (Jean Ziegler) oder gar der »Western Terrorism« (Noam Chomsky). Sicher wird in hundert Jahren ein neuer Christopher Clark über die »Schlafwandler« […] fabulieren, nämlich die westlichen Eliten von 2015, die in ein unabwendbares Unglück hineingestolpert seien.
… | …
Während 1989 weltweit 16 große Sperranlagen für Schutz vor Elend oder den Elenden sorgen sollten, sind es heute 65: Tausende Kilometer Mauern und Stacheldraht.
… | …
Die Genfer Flüchtlingskonvention ist nur noch Papier. Die europäische Grenzschutzagentur Frontex kann im Kampf gegen irreguläre Einwanderer auf modernstes Kriegsgerät zurückgreifen. Die Bundeswehr bekämpft vor der Küste Nordafrikas mit Kriegsschiffen die Schlauchboote, mit denen die Hoffnungslosen nach Europa zu fliehen versuchen. Bei dem Versuch sind schon Zehntausende im Mittelmeer ertrunken, allein im ersten Halbjahr 2015 waren es über 2100 Menschen.
… | …
Mauern und Zäune, Kriegsgerät und menschenunwürdige Auffanglager werden Menschen, die sonst nicht überleben können, nicht davon abhalten, sich unter Lebensgefahr auf den Weg nach Europa zu machen.
… | …
Eine Politik, die wirksam und aufrichtig die Lage verändern wollte, müsste erst mal die Fluchtursachen zur Kenntnis nehmen. Und um diese zu beseitigen, wäre eine radikale Abkehr von der Politik der rücksichtslosen Durchsetzung der Kapitalinteressen fällig. Denn seit der Aufteilung der halben Welt in zur Ausbeutung freigegebene Kolonien haben sich zwar die Methoden und die Begründungen verändert, nicht aber das Ziel: Wir, die westliche Wertegemeinschaft, die sich auf das militärische Potential der NATO stützt, wollen Absatzmärkte für unsere Wirtschaft, sichere und billige Ressourcen und strategische Vorteile zum Ausbau von Macht und Kontrolle.
… | …
Als sich etwa Kenia gegen die ungleichen, räuberischen Verträge wehrte, bekam das Land die Daumenschrauben angelegt: Die EU erhob auf die wichtigsten Exportartikel wie Kaffee, Tee und Schnittblumen einen Zoll, was Kenia rasch zur Unterschrift und Unterwerfung zwang. Dennoch besiegelt der Staat Kenia damit den eigenen wirtschaftlichen Untergang
… | …
Während die EU ihre landwirtschaftliche Überproduktion in Afrika absetzt (etwa 40 Prozent des europäischen Hühnerfleisches landet dort), verlieren die Kleinbauern ihre Lebensgrundlage. Während hoch industrialisierte Fischfangflotten das Meer vor Afrika leerfischen, hungern die Menschen in den küstennahen Regionen, denn die Fischer bringen nichts mehr heim. Nicht wenige begeben sich auf den gefahrvollen Fluchtweg nach Europa.
… | …
Über »Strukturanpassungsprogramme« haben IWF, Weltbank und WTO zahlreichen Staaten immer wieder neoliberale »Reformen« aufgezwungen. Ziel war in allen Fällen die Globalisierung des Neoliberalismus für die uneingeschränkte Mobilität des Kapitals. Bedingung für dringend benötigte Kredite war jeweils die Öffnung der Märkte, die Errichtung von Freihandelszonen für Waren und Dienstleistungen – in den meisten Fällen mit der Folge wachsender Armut und Ungleichheit, mit dem Abbau ohnehin schwacher sozialer und ökologischer Standards; Arbeitnehmer- und Menschenrechte, die Menschen waren kein Thema. Lokale Märkte wurden damit zugunsten der Profite der Großkonzerne zerstört
… | …
Auch untereinander müssen die verarmten Länder durch Lohndumping und sinkende Steuern noch um günstige Angebotsbedingungen für das Kapital konkurrieren. Der Schuldendienst wird zu einem nicht mehr lösbaren Problem. Deshalb sehen sich dortige Unternehmen gezwungen, vorrangig für den Export zu produzieren; der Preisverfall auf den internationalen Märkten für natürliche Ressourcen und landwirtschaftliche Produkte stellt dann rasch eine existenzielle Bedrohung dar.
… | …
Der Historiker Wolfgang Wippermann weist darauf hin (Freitag, 13.8.15), dass auch schon in der Weimarer Republik solche Abschiebelager für jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa gebaut wurden – damals wie heute mit Zustimmung der Sozialdemokraten. »Diese wurden offiziell ›Konzentrationslager‹ genannt und auf deutschem Staatsgebiet betrieben (in deutschen Kolonien auf afrikanischem Boden hatte es schon vor dem Ersten Weltkrieg ›Konzentrationslager‹ gegeben).«
… | …
Dagegen haben die Neofaschisten in Deutschland und Europa die flüchtlingsfeindlichen Sprüche der Politiker gern aufgegriffen und in die Tat umgesetzt. Im ersten Halbjahr 2015 wurden über 200 Gewalttaten gegen Flüchtlingsheime verübt, im letzten Jahr gab es nach Daten des Bundesinnenministeriums 1029 Fälle von »rechtsextremistisch motivierter Gewalt«.
… | …
Dieses System bemisst die Wertigkeit des Menschen nach Nützlichkeit und Effizienz, heißt gut ausgebildete junge Leute aus dem ausgebluteten Griechenland oder Spanien als Humankapital willkommen, während die Menschen ohne Marktwert mit Kriegsschiffen bekämpft und dem Tod überlassen werden. »Diese Wirtschaft tötet.« Aber die Täter kommen nicht vor den Internationalen Gerichtshof, sondern in führende Funktionen von Wirtschaft und Politik.«

Georg Rammer | Ossietzky | Juni 2015 | Fluchtgrund kannibalische Weltordnung | http://www.sopos.org/aufsaetze/55fac0194165d/1.phtml

Sollte sich der Urheber des hier verlinkten und zitierten Artikels durch das Posten dieser Verlinkung oder dem ganz oder teilweisen Zitieren aus dem verlinkten Artikel in seinem Urheberrecht verletzt fühlen, bitte ich um einen kurzen Kommentar und einen Beleg der Urheberschaft. Das Beanstandete wird dann unverzüglich entfernt. | Eventuelle Werbung in optischer Nähe zu diesem Artikel stammt nicht von mir, sondern vom Social-Media-Hoster. Ich sehe diese Werbung nicht und bin nicht am Verdienst oder Gewinn beteiligt.

Advertisements

4 Gedanken zu “Fetisch Marktwert.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.