Die (scheinbare) Einzigartikeit macht es wertvoll und erinnerungswürdig.

»Dank der Computer verfügen wir heute über ein immenses gesellschaftliches Gedächtnis; es genügt, die Modalitäten des Zugangs zu den Datenbanken zu kennen, und wir können zu jedem beliebigen Thema alles erfahren, was es darüber zu wissen gibt, zu einer einzigen Fragestellung eine Bibliographie von zehntausend Titeln. Aber es gibt kein größeres Schweigen als den absoluten Lärm, und das Übermaß an Informationen kann zu absoluter Ignoranz führen. Angesichts des immensen Gedächtnisspeichers, den der Computer uns bieten kann, kommen wir uns vor wie Funes el memorioso: überflutet von Millionen Einzelheiten, können wir jedes Auswahlkriterium verlieren. Zu wissen, dass es über Julius Cäsar zehntausend Bücher gibt, ist dasselbe, wie nichts über ihn zu wissen; wäre mir ein Buch empfohlen worden, hätte ich es mir besorgen können; vor der Aufgabe, diese zehntausend zu erkunden, kapituliere ich.

Manche behaupten, heutzutage werde weniger gelesen, die Jüngeren läsen überhaupt nicht mehr und wir seien, wie ein amerikanischer Kritiker einmal gesagt hat, ins Zeitalter des Decline of Literacy eingetreten. Ich weiß nicht, sicher wird heutzutage viel Zeit vor dem Fernseher verbracht, und es gibt Risikofreaks, die nichts anderes tun als Fernsehen gucken, so wie es Risikofreaks gibt, denen es Spaß macht, sich tödliche Substanzen in die Venen zu spritzen; wahr ist aber auch, dass noch nie soviel gedruckt worden ist wie in unserer Epoche und dass noch nie zuvor so viele Großbuchhandlungen florierten, die wie Diskotheken anmuten, voll von Jugendlichen, die vielleicht nicht viel kaufen, aber stundenlang blättern, betrachten, sich informieren.
Das Problem ist eher, auch für die Bücher, der Überfluß, die Schwierigkeit einer Wahl, die Gefahr, nicht mehr unterscheiden zu können. Das ist kein Wunder, die Verbreitung des pflanzlichen Gedächtnisses hat alle Defekte der Demokratie, einer Herrschaftsform, in der man, damit alle reden können, auch die Dummköpfe reden lassen muss und sogar die Schurken. Die Frage ist, wie man sich dazu erzieht, eine Wahl zu treffen, gewiß, auch weil man, wenn man es nicht lernt, Gefahr läuft, vor den Büchern so hilflos zu stehen wie Funes vor seinen unendlichen Wahrnehmungen: Wo alles erinnernswert erscheint, ist nichts mehr wertvoll, und man möchte am liebsten alles vergessen.«

Umberto Eco aus „Die Kunst des Bücherliebens“

Fundstelle: https://leibhaftige.tumblr.com/post/139656142544/in-memoriam

Über Red Skies Over Paradise

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