Hier: Empathie. Dort: Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit. | oder | Nach dem nächsten Krieg werden wir alle wieder gleich sein. Nur manche werden – wie immer – gleicher sein.

»Politik und Gesellschaft begegnen den Gestrauchelten oft voller Abscheu. Jeden Tag frisst sich die Armut ein Stück weiter und tiefer in die Armen und Ärmsten, bis von ihrem Menschsein nur noch ein Stück Elend übrig ist […].
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Und an diesem Stück Elend ergötzen sich dann Teile der Gesellschaft. Sie schütteln und rütteln die Armen und setzen sie einer symbolischen Gewalt aus, die in ihrer Brutalität der Gewalt des Straßenschlägers, der seinem wehrlosen Opfer noch an den Kopf tritt, kaum nachsteht. Seit vielen Jahren findet eine geradezu schizophrene Politik Anwendung, die, bei Lichte betrachtet, Armut zu bekämpfen versucht, indem sie Armut noch weiter verstärkt.
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Was muss in einem Mensch vorgehen, der nach einem Unfall einem Helfer als erstes von seiner Arbeitslosigkeit erzählt und sich Sorgen um die Kosten einer Krankenhausfahrt macht?
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Hier geschätzte 70.000 Euro rollend auf Rädern, 500 Meter zurück das Drama der Armut.
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Offensichtlich aber ist: In Deutschland gibt es Armut.
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Sichtbar wird Armut etwa beim Discounter an den Kassen, wenn wieder einmal ein Mensch von seinem spärlichen Einkauf ein Produkt zurückgehen lassen muss, weil nicht genügend Geld im Portemonnaie ist. Sie findet sich in den Gedanken der Achtjährigen, die mit ihrer Mutter vom Spielplatz am Nachmittag auf dem Weg nach Hause ist und weiß, dass wieder einmal der Strom abgestellt wurde und sie deshalb ihre beste Freundin nicht mit in die Wohnung zum Spielen bringen darf. Sie kommt auch in Familien zum Vorschein, deren einziges Vermögen aus zwei Dutzend Pfandflaschen besteht, die in der Küchenecke auf dem Boden stehen und zum Wochenende abgegeben werden müssen, weil sonst das Geld für den Lebensmitteleinkauf nicht ausreichen würde.
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Die Politik […] hat im Zuge dessen, was von ihr als „Reformen“ bezeichnet wurde, die Armen noch tiefer nach unten gedrückt, als sie es bereits waren.
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Die Medien […] haben wie von Sinnen mitgemacht, als es darum gegangen ist, die Mär vom zu teuren Sozialstaat zu verbreiten.
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Die Intellektuellen, die kulturelle Elite […] hat sich gerne vor den Karren von so genannten „Reforminitiativen“ spannen lassen und das Liedchen von der Eigenverantwortung der Bürger mitgeträllert.
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Das Besitzbürgertum […], [zumindest Teile dieser Klasse] [verschließt] mit reichlich Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit […] […] die Augen vor dem Not und Elend der Armen im Land.
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Ihre Wirklichkeitsvorstellungen im Hinblick auf die Armen sind von klassistischen Ressentiments nur so überfrachtet. Die Armen sind selbst schuld an ihrem Schicksal. Hätten sich halt mehr anstrengen müssen. Faul sind die, die ihre Hände nach oben strecken. Wie die schon aussehen. Dreckig. Ungepflegt. Sollen sich gefälligst mal waschen und rasieren, dann finden sie auch Arbeit. Den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen. Wenn man nur schon zuhört, wie die sprechen. Zu blöde, um einen Satz geradeaus zu formulieren. Vom Inhalt des Gesagten mal ganz zu schweigen.
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Das Besitzbürgertum, die höheren Klassen und Schichten, vermögen es oft nicht einmal auch nur ansatzweise zu erfühlen, welche Lebenskämpfe die Armen zu bestreiten haben und welche Schicksale die Ausgegrenzten mit sich rumschleppen. Sie verstehen (oder wollen nicht verstehen), warum manche Arme so sind, wie sie sind.
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Mit etwas Empathie ließe sich rasch erkennen, dass bestimmte Verhaltens- und Denkweisen […] […] das Ergebnis einer oftmals grauenvollen Sozialisation [sind], in der die Schläge des Lebens 365 Tage im Jahr auf sie eingewirkt haben – über Jahrzehnte.
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Doch weite Teile der Gesellschaft verweigern sich dem genauen Hinschauen, um zu begreifen, welche verheerenden Folgen Armut hat.
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Den desolaten Lebensverhältnissen der unteren Schichten […] wird die eigene Leistungsfähigkeit entgegengehalten. Jene, die von sich glauben, dass sie doch der Motor der Gesellschaft seien, über ein nettes Eigenheim und zwei relativ neue Autos verfügen, einem mehr oder weniger gut dotierten Beruf nachgehen, auch bereits in ihrer Funktion als legitime Erben aufgetreten sind und nicht selten eine beachtliche Summe allein auf ihrem Girokonto geparkt haben, verfügen über das, was sie verfügen, natürlich nur aufgrund ihres eigenen Arbeitseinsatzes und ihrer Fähigkeiten – glauben sie.«

Marcus Klöckner | Telepolis | 24.04.2016 | Die Armen in Deutschland – dem Tod so nah; Über den Umgang mit den Besitzlosen in unserer Gesellschaft. | Zitiert aus Teil 1 einer fünfteiligen Reihe: http://www.heise.de/tp/druck/mb/artikel/48/48022/1.html

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