»Jeder Erklärungsversuch, der anstelle von Verstehen Emotionen schürt, und womöglich noch negative wie Wut oder Hass, sollte abgelehnt werden.«

»[…] EU und USA haben mit Beginn der Protestdemonstrationen in Syrien sofort reagiert und den Rücktritt von Präsident Assad gefordert. Bis heute wird ein Kompromiss mit der Forderung nach Machtverzicht von Assad verbunden. Die vom damaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy anfangs 2012 initiierte Gruppe der „Freunde Syriens“ arbeitete auf den Sturz Assads hin. Mitglieder dieser Gruppe waren bzw. sind u.a. die USA, GB, Deutschland, Frankreich, die Türkei, Saudi-Arabien, Jordanien, Katar oder die Vereinigten Arabischen Emirate.
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Und zugleich bildeten sich im Land paramilitärische Verbände wie die Freie Syrische Armee, die Al-Qaida-nahe Al-Nusra-Brigade oder der IS. Diese Gruppen wurden und werden von verschiedenen Staaten der „Freunde Syriens“ militärisch und/oder finanziell unterstützt.
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Die ZEIT gehörte zu vehementen Befürwortern einer militärischen Intervention in Syrien zum Sturz von Präsident Assad. Das war wenig überraschend, da das Wochenblatt ja seit dem Ende des Kalten Krieges in zahlreichen großen Konflikten eine pro-interventionistische Linie vertreten hat. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Josef Joffe als Herausgeber enge Kontakte zu transatlantischen Think-Tanks pflegt, wie Uwe Krüger in seinem Buch „Meinungsmacht“ nachgewiesen hat. Und die Antwort solcher Think-Tanks auf internationale Krisen ist ja meist, wie es Claus von Wagner in der „Anstalt“ trefflich formuliert hat, „mehr Rüstung, mehr NATO“.
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Das Nachrichtengeschäft ist unterwandert von PR-Aktivitäten. Im Nachrichtengeschäft geht es um Interessen, nicht um Wahrheit oder Wahrhaftigkeit. Und Journalisten sind dabei selbst oft Opfer von Täuschungen und Manipulationen.
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Wenn deutsche Tornados über Syrien eingesetzt werden, weil in Frankreich terroristische Anschläge von einer nach offiziellen Angaben internationalen Täterschaft durchgeführt wurden, dann kann ich mit einer solch schwammigen Begründung von angeblicher Beistandspflicht prinzipiell weltweit Krieg führen. Und zugleich hat der Kampf des US-Militärs seit 9/11 verdeutlicht, dass Terrorismus durch Krieg nicht nur nicht bekämpft, sondern sogar noch gestärkt wird. Heute haben wir hundertfach mehr Terroristen weltweit als vor 15 Jahren.
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Andererseits hat sich Deutschland seit der sogenannten Wiedervereinigung in einem Tempo zu einer Krieg führenden Macht entwickelt, das atemberaubend ist.
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Entscheidend waren die 1990er Jahre und die Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Da hat die Bundeswehr ihre Chance gesehen, wieder international tätig zu werden.
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Kosovo-Krieg […] Dort gelang einer Linksregierung aus SPD und Grüne, was CDU und FDP wohl kaum jemals geschafft hätten: Deutschland in einen Krieg zu führen, der ohne UN-Mandat stattfand und damit völkerrechtlich als Angriffskrieg definiert war.
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Seit 1999 führt Deutschland weltweit Kriege. Der Out-of-area-Einsatz der Bundeswehr wird nicht mehr prinzipiell in Frage gestellt.
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In der Kosovo-Berichterstattung haben die deutschen Leitmedien über Monate hinweg den Kriegs-Diskurs unterstützt.
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Diskutiert wurde gar nicht mehr, ob deutsche Soldaten im Ausland töten sollten oder ob es dafür überhaupt einen echten Kriegsgrund gab. Diskutiert wurde nur noch, ob dies nur mit oder auch ohne UN-Mandat geschehen könne.
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Wichtige Journalisten – Herausgeber, Ressortleiter etc. – sitzen in NATO-nahen transatlantischen Thinktanks wie der Atlantikbrücke, The German Marshall-Fund of the United States oder dem Aspen Institute. Hier gibt es offensichtlich Interessenüberschneidungen.
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Kriege werden seit mehreren Jahrzehnten wie Produkte vermarktet. Auch hier sollen Kunden erreicht werden. Wir sollen nur statt Produkte eine Meinung kaufen bzw. übernehmen. Die PR-Industrie (z.B. Hill & Knowlton, Ruder Finn) vermarktet einen Krieg oder Konflikt im Auftrag ihres Kunden. Das Ziel ist es, die Zustimmung der Bürger zu bestimmten Ereignissen (Auslandseinsätze etc.) zu erreichen.
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Wer will, dass ich etwas so oder anders glaube? Wer hat einen Nutzen davon? Und: Kann das so oder so überhaupt sein?
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Kritik im Sinne der Aufklärung ist immer der Vernunft verpflichtet. Und der Toleranz. Das sollten wir nicht vergessen. Jeder Erklärungsversuch, der anstelle von Verstehen Emotionen schürt, und womöglich noch negative wie Wut oder Hass, sollte abgelehnt werden.«

Markus Klöckner, Kurt Gritsch | Telepolis | 10.01.2016 | „Im Nachrichtengeschäft geht es um Interessen, nicht um Wahrheit“ | http://www.heise.de/tp/artikel/47/47062/1.html

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Eine Antwort zu »Jeder Erklärungsversuch, der anstelle von Verstehen Emotionen schürt, und womöglich noch negative wie Wut oder Hass, sollte abgelehnt werden.«

  1. Dao Humanyu schreibt:

    Sehr gut zitiert.
    So ist es, und so war es schon immer;
    und es ist bis heutzutage perfektioniert worden.

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