Zeitlos. Wieder aktuell.

»[…] „Sie war eine begeisterte Reiterin, sie war eine Draufgängerin. Sie hat sich über alles lustig gemacht, was als heilig gegolten hat in ihren Kreisen: über den Adel und seine Oberflächlichkeit, über die Kirche, über Betschwestern aller Art. Also, sie war durchaus eine, die anecken wollte und das auch auf sich genommen hat.“
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„[…] eines stand immer klar und felsenfest in mir: Die Überzeugung, dass ich nicht über die Erde schreiten werde, ohne ihr eine wenigstens leise Spur meiner Schritte eingeprägt zu haben.“
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„Sie war ja wirklich eine Kultautorin. Sie war die berühmteste Autorin ihrer Zeit und hat diesen Ruhm verwaltet von einem konservativen Selbstverständnis aus.“
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Daniela Strigl will Marie von Ebner-Eschenbach in ihrer Biographie von diesem konservativen Odeur befreien. Denn konservativ war Ebner-Eschenbach nur in fortgeschrittenerem Alter, und das in einem liberalen Sinne.
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„[…] sie ist eine Autorin, die in vielen Aspekten sehr zeitgemäß und zeitlos ist: in ihrer Gesellschaftskritik, in ihrem Engagement für Frauenrechte und in ihrem Humor und ihrer Ironie.“
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„Im Jahr 1848 hat Ebner-Eschenbach geheiratet, ihren um fünfzehn Jahre älteren Cousin, und als die Revolution ausbrach, haben beide mit den liberalen Anliegen sympathisiert. Gleichzeitig war ihnen der Ausbruch der Gewalt aber auch unheimlich. Sie war da zwiegespalten.“
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„Ebner-Eschenbach war sehr ihrer Zeit voraus, was das Frauenbild betroffen hat: Die Erziehung junger Mädchen – da hat sie sich darüber mokiert, dass sich die Erziehung der bürgerlichen jungen Mädchen an den Adeligen ein Beispiel genommen hat, dass die Mädchen oberflächlich auf Konversation und schöne Künste hin instruiert wurden, aber keine tiefere Bildung bekamen.“
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Als Liberale mit wachem Blick für spießbürgerliche Borniertheiten hat sie sich besonders gegen den Antisemitismus gewendet, der seit den 1880er-Jahren immer unverhohlener das öffentliche Leben in Deutschland und Österreich, aber auch in Frankreich bestimmt hat.
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„Sie war eine kämpferische Anti-Antisemitin, kann man sagen. Und das war für eine Aristokratin wahrhaftig nicht selbstverständlich. Da gab’s schon einen gemäßigten Antisemitismus unter katholischen Adeligen. Auf Initiative von Bertha von Suttner ist sie Mitglied geworden, zusammen mit ihrem Mann, beim „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“. Und der war eine Reaktion auf den politischen Stil des Karl Lueger in Wien. Das war der christlich-soziale Bürgermeister, der gerade mit einem antisemitisch grundierten Wahlkampf populär wurde. Sie hat gemerkt, dass das die gesamte Stimmung in der Stadt vergiftet.“
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„Ebner-Eschenbach wurde schon zu Lebzeiten vielfach übersetzt, und sie war auch, so wie Peter Rosegger, im Gespräch für den Nobelpreis, den sie dann nicht bekommen hat. Selma Lagerlöf hat ihn bekommen, und sie hat sich bemüht, sie trotzdem zu bewundern.“
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Mit ihrer Biographie setzt Daniela Strigl Maßstäbe in der neueren Ebner-Eschenbach-Rezeption. Die 51-Jährige zeichnet das Leben der Dichterin empathisch, aber mit kritischer Distanz nach, wie es sich gehört. Vor allem aber streicht Strigl die frappierende Frische und Modernität heraus, die das Werk der widersetzlichen Baronin – bei aller Zeitbedingtheit – bis heute kennzeichnet.
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„Das Werk der Marie von Ebner-Eschenbach hält der strengsten Prüfung stand. Es zeichnet kein geschöntes, sondern ein realistisches Bild der Gesellschaft. Wer sich darauf einlässt, betritt keine muffige Stube in altdeutscher Eiche, sondern einen Raum von klassischer Modernität: Ebner-Eschenbachs Werk enthält ‚die erstaunlichsten Identifikationen mit dem Dunklen und Abgründigen‘, wie Gertrud Fussenegger einmal festgestellt hat, es ist ’nicht nur von leidenschaftlichen Gefühlstönen, es ist auch mit beißenden Ironien durchsetzt‘. Und es vermag über den Abgrund der verstrichenen Zeit hinweg Leserinnen und Leser zu bewegen.“«

Daniela Strigl: „Berühmt sein ist nichts – Marie von Ebner-Eschenbach – Eine Biographie“, Residenz-Verlag, Salzburg, 440 Seiten, 26,90 Euro (eBook 18,99 Euro). [1] [2]

Marie von Ebner-Eschenbach: „Leseausgabe im Schuber“, 4 Bände, hrsg. von Ulrike Tanzer, Daniela Strigl und Evelyne Polt-Heinzl, Residenz-Verlag, Salzburg, 1400 Seiten, 75 Euro. [3]

Günter Kaindlstorfer, Daniela Strigl | Deutschlandfunk | 08.03.2016 | Biografie – Die Wiederentdeckung der Marie von Ebner-Eschenbach | http://www.deutschlandfunk.de/biografie-die-wiederentdeckung-der-marie-von-ebner.700.de.html?dram:article_id=347769

[1] Buch | https://www.jpc.de/jpcng/books/detail/-/art/daniela-strigl-beruehmt-sein-ist-nichts/hnum/1405942
[2] eBook | https://www.jpc.de/jpcng/ebooks/detail/-/art/daniela-strigl-beruehmt-sein-ist-nichts/hnum/1942045
[3] Buch | https://www.jpc.de/jpcng/books/detail/-/art/marie-von-ebner-eschenbach-leseausgabe-im-leinenschuber/hnum/7592349

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