Darüberreden befreit.

»… Ich frage nur, warum er seinen Kopf kahl rasiert, zum Beispiel. Ist das nicht ein Zeichen? Deutet nicht jede neue Frisur auf etwas?
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Robert Enke hat für sich entschieden, dass die Gesellschaft ihm nicht zugestanden hat, krank, angreifbar und schwach zu sein.
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und tiefe Trauer, ganz tiefe Trauer. Du weißt vorher nie, ob einer, der seine Tochter verloren hat, auch darüber reden mag, zumal mit einem Unbekannten. Robert Enke will, sehr offen, doch, doch, gern rede er heute über Lara. Sie ist zwei Jahre zuvor an einem Herzfehler gestorben. „Sie war ein tapferes Kind.“ Und doch hat ihn all das in eine tiefe Depression geführt, aus der es scheinbar keinen Ausweg gab. Bis auf den einen.
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Neupro, Azilect, Parkinsan, Madopar – eine ganze Batterie von Medikamenten hält mich scheinbar im Leben. Im Berufsleben. Dreimal täglich. Pillen werden zu heimlichen, zu unheimlichen Verbündeten im Bemühen, den Rest der Welt zu täuschen. Seit fünf Jahren schon. Es ist das gleiche Versteckspiel, das Robert Enke betrieben hat. Ein Leben mit viel Schatten. Immer begleitet von der Angst, trotzdem entdeckt zu werden. Krank, schwach, angreifbar. Erst überfiel mich das Guillain-Barré-Syndrom, jene Nervenkrankheit, die zuvor auch Fußballprofi Markus Babbel in den Rollstuhl zwang. Da saß ich dann auch. Nach einem halben Jahr sagt der Arzt: „Geheilt.“ Im gleichen Atemzug eröffnet er die neue Diagnose: Parkinson. Die Zitterkrankheit. „Unheilbar.“
*
Und durchaus artverwandt. Bei den Depressiven geraten die Botenstoffe des zentralen Nervensystems, sogenannte Neurotransmitter, aus der Balance. Bei Parkinson wird einer von ihnen, Dopamin, nicht weiter produziert. Mein Arzt rät zum Stillschweigen. Erst einmal. Damit fängt alles an.
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Fünf Jahre lang Täuschungsmanöver. Ausflüchte. Lügen. Einsame Wege. Die Angst nährt sich derweil wie von selbst. Die Angst um den Job, die Beliebtheit, den Erfolg, die Karriere. Als Fernsehmoderator wirst du untragbar sein, selbst wenn du bald 15 Jahre die eigene Sendung trägst. Es muss noch keiner sehen, das Wissen darum reicht doch, und ich bin weg vom Fenster. Es werden schon mögliche Nachfolger gecastet. Auch diese Branche toleriert keine Schwächen. Und schon bin ich aussortiert. Also weiter schweigen. Aus Furcht, es macht die Runde. Schweigen und schreiben. Als Schreiber genieße ich mehr Schutz.
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Der Mensch schließlich fühlt sich der Wahrheit verpflichtet. Und irgendwie auch Robert Enke. Es liegt das Bild vor mir von jenem 5. Mai. Zwei Männer, die ein Thema haben. Der eine im braunen T-Shirt, kahl geschoren. Der andere im orangen Pullover, komisch, aber typisch nach vorn gebeugt. Sie reden eine Stunde, und doch schweigen sie miteinander. Der eine ist danach den Weg gegangen, den er allein für richtig hielt. Der andere hat zwar auch bloß eine Perspektive, die wie ein Urteil klingt: „Unheilbar.“
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Doch es lohnt das Kämpfen, das Sichaufbäumen und erst recht die Offenheit, zu der ich mich nach diesem 10. November entschlossen habe. Das Verschweigen hält gefangen, das Darüberreden befreit. Diese Krankheit ist so viel mehr, so viel größer und gemeiner als das bisschen Zittern. Dagegen hilft der Betablocker, die halbe Tablette reicht. So unbegreiflich Robert Enkes Tun auch war, es hat mir einen anderen Weg gewiesen.«

Peter Stützer
| DIE WELT | 01.01.2010 | Enke und ich redeten beide am Thema vorbei – Der WELT-Autor und Fernsehmoderator Peter Stützer erinnert an ein Gespräch mit Robert Enke im Mai 2009. Der Nationaltorwart hatte Depressionen, über die er nicht reden konnte, und nahm sich im November das Leben. Peter Stützer leidet seit Jahren an Parkinson und schreibt nun erstmals über sein Leiden. | http://www.welt.de/sport/article5693124/Enke-und-ich-redeten-beide-am-Thema-vorbei.html

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4 Antworten zu Darüberreden befreit.

  1. Es ist tröstlich (ich bin mit diesem Wort gerade unzufrieden, mir fällt aber eine passenderes ein), es ist also tröstlich, dass der Tod eines Menschen oder eines Tieres (so habe ich es miterlebt) eines Anderen Rettung sein kann. | Ich hatte damals Peter Stützer bei VOX immer gerne zugehört und zugesehen, obwohl ich kein Fan des Motorsports oder der Autotechnik war, und er war kürzlich in einer Talkshow und berichtete von seiner Krankheit und seiner Begegnung mit Robert Enke. Dieser Talk hatt mich stark berührt und mich nach diesem Interview suchen lassen.

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