Doch, sie fühlen! Doch, sie leiden! Doch, sie haben ein Seelenleben!

»Es ist noch nicht lange her, da galten Tiere als lebende Automaten; ähnlich wie man Kinder noch bis ins 18. Jahrhundert hinein als sprechende Automaten betrachtete. Auf den Münzeinwurf folgte die entsprechende Warenausgabe – auf Futter die Zutraulichkeit, auf Schläge die Furcht. Man sah die Tiere einem strikten Reiz-Reaktions-Schema unterworfen, das durch ererbte Instinkte vorgegeben war. Selbst Lern- und Kommunikationsverhalten hielt man nur in den engen Grenzen des genetischen Codes für möglich, und dieser Code galt als eine Art unveränderliche Software, mit der das Gerät beziehungsweise Tier schon im Auslieferungszustand beziehungsweise bei der Geburt ausgestattet sei.
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Insofern erübrigte sich für den naturwissenschaftlich aufgeklärten Menschen alle Einfühlung – alle Fragen nach Gefühlen, Empfindungen und Schmerzen der Tiere. Diese Fragen galten als Kitsch. Niemand, ein paar romantische Spinner ausgenommen, wäre auf die Idee gekommen, von einem Seelenleben der Tiere zu sprechen, wie es jetzt Peter Wohlleben in seinem gleichnamigen Bestseller ganz selbstverständlich tut.
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Von einem Seelenleben der Tiere zu sprechen […]«ist kein sprachlicher Anthropomorphismus mehr, sondern eine Hypothese mit Anspruch auf Plausibilität, und zwar schon deswegen, weil sich der Mensch mit dem Tier in einer gemeinsamen Evolutionskette befindet – auch er ist ein Tier. Das aber heißt, dass Verhaltensähnlichkeiten keineswegs Analogien sein müssen, es können auch Verhaltensverwandtschaften sein. Ein Tier, das trauert, muss nicht nur für das menschliche Auge zu trauern scheinen – es könnte tatsächlich trauern.
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Sogar die Einfühlung in die Einfühlung des Tieres wäre begründbar – also auch der früher gerne belächelte Satz „Mein Hund spürt, dass ich traurig bin“.
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Der Abstand verkleinert sich von selbst, wenn man ihn nicht als Abstand von Mensch zu Tier, sondern als Abstand von Tier zu Tier sieht, erst recht von Säugetier zu Säugetier. Er verkleinert sich noch einmal, wenn es sich im Falle der Haustiere um eine jahrtausendelange Züchtung zur Menschennähe handelt.
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Wohlleben liebt es, alle erstaunlichen Beobachtungen über die Fähigkeiten, die Intelligenz und Kommunikationsbegabung von Wildtieren stets mit ein und derselben Pointe zu versehen: dass sich diese Fähigkeiten auch bei Schweinen finden lassen. Kolkraben erkennen ihr Spiegelbild? Das tun Schweine auch. Rabenvögel lernen einen persönlichen Namen? Schweine auch.
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der wahrscheinliche Grund dafür, warum die Moderne so heftig daran interessiert war, Tieren ein Innenleben abzusprechen. Es war die Voraussetzung dafür, sie der industriellen Massenproduktion und deren Grausamkeiten auszuliefern
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Peter Wohllebens Buch enthält die indirekte, darum nicht weniger energische Aufforderung an den Menschen, aus seiner herrischen Überlegenheitsposition herauszutreten und sich wieder in die Schöpfung einzusortieren – als Mitgeschöpf unter Geschöpfen. Die Fähigkeit dazu hat der Mensch, es bedarf gar keines moralischen Appells, sie aufzurufen. Sie besteht in der instinktiven Empathie, die jeder spürt, der sich dem Pulsschlag unter einem Fell, dem Zutraulichkeitswiehern eines Pferdes oder auch nur dem Blickkontakt mit einem Schwein aussetzt, den immer wachen, aufmerksamen, forschenden, schön bewimperten Schweinsäuglein. […]«

Peter Wohlleben: Das Seelenleben der Tiere. Ludwig Verlag, München 2016; 240 S., 19,99 €

https://www.jpc.de/jpcng/books/detail/-/art/peter-wohlleben-das-seelenleben-der-tiere/hnum/8465898
https://www.amazon.de/Das-Seelenleben-Tiere-erstaunliche-verborgene/dp/3453280822/ref=sr_1_1

Jens Jessen | DIE ZEIT | 14.07.2016 | Person Schwein – „Das Seelenleben der Tiere“ – Peter Wohlleben hat ein Buch über „Das Seelenleben der Tiere“ geschrieben. Kein Kitsch, sondern das Ergebnis seriöser Forschung und langer Beobachtung. | http://www.zeit.de/2016/28/das-seelenleben-der-tiere-peter-wohlleben

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4 Antworten zu Doch, sie fühlen! Doch, sie leiden! Doch, sie haben ein Seelenleben!

  1. Olet lucernam! schreibt:

    Wenn bereits der einzelne Mensch dem Kapitalismus gleichgültig ist, warum sollte das einzelne Tier dann von Bedeutung sein? Das Leid der Tiere ist leider nur die Spitze des Eisberges.

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  2. Yes, so it is. Wir betreiben Misshandlung an Schutzbefohlenen. Danke dir!

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  3. der einsiedler schreibt:

    unsere massentierhaltung ist für mehr als die hälfte aller globalen co2 emissionen verantwortlich, somit ist unser fleischkonsum hauptverursacher des durch den menschen verursachten klimawandels. die industrielle tierhaltung schadet der erde mehr als jede andere industrie.

    sieht der verbraucher in fleisch nicht zerstörung und tod? reicht seine moral nicht über das private hinaus? erkennt er nicht die grossen zusammenhänge in der welt, um umweltzerstörung, klimawandel, massentierhaltung und auch gesundheit? fleischkonsumenten zerstören unsere zukunft!

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