Es ist nie zu spät.

»[…] So viele Schicksalsschläge, da hätte Susann Till auch einfach aufgeben können. Stattdessen gründete sie mit eine Firma – und fand ihre eigentliche Bestimmung
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Darüber hinaus aber handelt Tills Geschichte von einem bemerkenswerten Talent zum Neuanfang. Und von diesem Quäntchen Kompromisslosigkeit, ohne das echte Qualität unmöglich ist. Letzteres ist wichtig.
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Während sie also zwischen Büro und Küche hin und her eilt, karamellisierende Zwiebelwürfel umrührt, mit Spargelwasser löscht oder Töpfe wuchtet, streift ihre Erzählung im verwirrend aufgeräumten Ton immer wieder den einen oder anderen Schicksalshammer. Und so schälen sich langsam die Eckpfeiler dessen heraus, was Till lapidar „meine nicht so glückliche Zeit“ nennt.
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Susann Till hatte mehrere Rücken-Operationen, musste zeitweise ein Metallkorsett tragen, dann starb ihr Mann, sie selbst erlitt einen Schlaganfall, lag zehn Tage im Koma, Ärzte rieten zu einer dauerhaften Betreuungseinrichtung, da hatte sie die Sepsis noch gar nicht, die fast zur Amputation einer Hand geführt hätte und erneut Monate der Reha nach sich zog.
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Die rhetorische Frage ist nun, wie andere Menschen in dieser Lage gehandelt hätten. Susann Till würde sie nie stellen. Sie kann nur erzählen, was sie – damals – gemacht hat: Sie entließ sich selbst aus der Klinik und gründete ein Unternehmen.
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„Ich habe jetzt oft 18-Stunden-Tage und dabei so viel Energie wie noch nie zuvor.“
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Spaß haben und möglichst wenig dem Zufall überlassen, ist Tills Motto. Ihr Sohn hat ihr eine Webseite gebaut, ihre Schwiegertochter, eine Grafikerin, professionelle Etiketten entworfen. Ohne die, sagt Till, „wären es ja bloß Gläser“. Als alles fertig war, hat sie diese Gläser in eine Tasche gestopft, ist die Lebensmittel-Märkte abgefahren und hat den Chefeinkäufer verlangt: „Hier, probieren Sie mal.“ So wurde der örtliche Edeka ebenso aufmerksam auf Till wie die Berliner Feinkostkette „Butter Lindner“. Oder Fernseh- und Sternekoch Christian Rach, der eines Tages anrief: „Wie schaffen Sie es nur, dass der Spargel in Ihrem Chutney seinen Biss behält?“ „Tja“, sagte Susann Till da und lachte, „dafür muss man natürlich kochen lernen.“
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„Bei der Qualität sollte man nie Kompromisse machen“
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Reich wird die Chutney-Köchin so sicher nicht. Aber es reicht für das Honorar von zwei Mitarbeiterinnen und „von Carsten“, einem früheren Marketingfachmann, den sie auf Facebook kennengelernt hat und der sie berät.
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Nach Berlin, wo Susann Till für einen Innovationspreis nominiert war, bei dem Klaus Wowereit die Laudatio hielt. Zum Niedersachsenpreis nach Hannover. Auf Messen und in Sterneküchen. Oder in ein vietnamesisches Luxusresort, das Till gerade darum gebeten hat, ein Chutney zu entwickeln.
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Wenn asiatische Spitzenköche schon mal am Elbdeich nach Rezepten fragen, findet Susann Till, dann sollte man sie nicht warten lassen. Soeben ist sie abgeflogen. […]«

Marten Rolff | Süddeutsche Zeitung | 07.05.2016 | Susann Till – Das Chutney ihres Lebens – Marmelade war ihr nie komplex genug: Susann Till (73) hat sich mit Chutneys selbständig gemacht. | http://www.sueddeutsche.de/leben/susann-till-das-chutney-ihres-lebens-1.2978095

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