„Entweder wir halten zusammen oder wir werden drauf gehen.“

»Neoliberalismus sorgt für Einsamkeit. Und das zerreißt unsere Gesellschaft.

Was könnte ein System mehr anklagen als eine Epidemie psychischer Erkrankungen? Von Ängsten, Stress, Depressionen, sozialen Phobien, Essstörungen, Selbstverletzungen und Einsamkeit sind weltweit immer mehr Menschen betroffen. Die neuesten, katastrophalen Zahlen zur psychischen Konstitution von Kindern zeigen, dass es sich dabei um eine globale Krise handelt.

Es gibt eine Vielzahl von zweitrangigen Ursachen für diese Leiden, aber ich erkenne überall den gleichen Hauptgrund: Menschen, die ultrasozialen Säugetiere, deren Gehirne auf die Interaktion mit Anderen ausgelegt ist, lösen sich immer mehr voneinander. Neben ökonomischen und technologischen Veränderungen spielen ideologische Veränderungen  dabei eine Hauptrolle. Obwohl unser Wohlbefinden untrennbar mit dem Leben anderer Menschen verbunden ist, wird uns überall eingetrichtert, dass wir uns nur durch das Durchsetzen eigener Interessen und extremen Individualismus voll entfalten können.

In Großbritannien erklären uns Menschen, die ihr ganzes Leben in sozialen Gruppen verbracht haben – in der Schule, an der Uni, in der Bar, im Parlament – , wie man auf  auf sich allein gestellt zurecht kommt. Von Jahr zu Jahr wird das Konkurrenzdenken im Bildungssystem immer brutaler. Auf dem Arbeitsmarkt herrscht zwischen ziemlich vielen verzweifelten Menschen ein Kampf um Leben und Tod um immer weniger Jobs. Die modernen Aufseher der Armen schreiben ihr Eigenverschulden der wirtschaftlichen Situation zu. Unzählige TV-Wettbewerbe schüren unerfüllbare Hoffnungen auf Gelegenheitsjobs.

Das Konsumverhalten füllt die soziale Leere. Jedoch wird dadurch nicht die Isolation beendet, sondern der Wettbewerb in der Gesellschaft wird immer stärker. Zu guter Letzt, wenn wir alles  Erdenkliche konsumiert haben, machen wir mit der Jagd auf uns selbst weiter. Die sozialen Medien verbinden uns miteinander und sie treiben uns auseinander. Sie ermöglichen uns das genaue Berechnen unseres sozialen Status und wir erfahren, dass andere Leute mehr Freunde und Follower haben als man selbst.

Rhiannon Lucy Cosslett hat eindringlich dokumentiert, wie Mädchen und junge Frauen ganz selbstverständlich ihre veröffentlichten Fotos bearbeiten, damit sie ebenmäßig und schlank aussehen. Es gibt sogar Smartphones, die die vorinstallierte Bildbearbeitungsfunktion beim Fotografieren automatisch anwenden, ohne dass man gefragt wird. Jeder kann nun seine eigene Thinspiration werden (englischer Begriff, der für Nacktfotos von extrem dünnen Frauen verwendet wird, die auf bspw. Instagram veröffentlicht werden. Das Wort ‚Thinspiration‘ setzt sich aus den englischen Wörtern ‚thin‘ und ‚inspiration‘ zusammen und soll (meist) junge Frauen dazu motivieren, sich auf unerreichbare Magergewichte herunter zu hungern => Thinspiration [1]). Willkommen in der post-hobbesianischen Dystopie: Ein Krieg, in dem jeder sich selbst bekämpft.

Ist es da noch verwunderlich, dass in diesen Welten der inneren Leere, in denen Berührendes mit Retuschieren übertüncht wird, junge Frauen in psychischen Störungen versinken? Eine kürzlich veröffentlichte Studie aus England zeigt auf, dass sich ein Viertel aller Frauen zwischen 16 und 24 Jahren schon einmal selbst verletzt haben. Jede Achte leidet an posttraumatischer Belastungsstörung. In dieser Altersgruppe leiden 26% unter  Angststörungen, Depressionen, Phobien oder Zwangsstörungen. Genau so sieht eine Krise im öffentlichen Gesundheitswesen aus.

Wenn Risse in der Seele nicht genauso gewissenhaft behandelt werden wie Knochenbrüche, dann liegt das daran, dass man sie nicht sehen kann. Aber Neurologen können sie sehen. Einige beeindruckende Abhandlungen zeigen, dass psychischer und physischer Schmerz von denselben neurologischen Schaltkreisen verarbeitet wird. Das könnte erklären, warum es in vielen Sprachen nicht möglich ist, die seelische Pein zu beschreiben, die durch den Verlust des sozialen Netzes entsteht, ohne dass man dabei Worte für körperliche Schmerzen verwendet. Sowohl beim Menschen als auch bei anderen sozialen Säugetieren wird physischer Schmerz durch soziale Kontakte verringert. Deshalb nehmen wir unsere Kinder in den Arm, wenn sie sich verletzt haben: Zuneigung ist ein sehr wirksames Schmerzmittel. Opiate lindern zum einen große Schmerzen und zum anderen seelische Nöte. Das könnte auch den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Isolation und Drogenabhängigkeit erklären.

Das Magazin „Physiology & Behaviour“ berichtete letzten Monat über Experimente, bei denen festgestellt wurde, dass sich soziale Säugetiere bei der Wahl zwischen körperlichen Schmerzen und Isolation für Ersteres entscheiden. Kapuzineraffen, die 22 Stunden nichts zu essen bekamen und zeitgleich von ihrer Gruppe isoliert wurden, suchten zuerst ihre Artgenossen auf, bevor sie wieder fraßen. Einigen Untersuchungsergebnissen zufolge erleiden Kinder schlimmere psychische Erkrankungen aufgrund emotionaler Vernachlässigung, als wenn sie zusätzlich dazu noch physisch misshandelt werden. So abscheulich die Vorstellung auch sein mag, aber Gewalttätigkeit bedeutet trotzdem Aufmerksamkeit und Berührung. Selbstverstümmelung ist oft der Versuch, das Leid erträglicher zu machen: Ein weiteres Indiz dafür, dass physischer Schmerz nicht so schlimm ist wie seelischer. Wie das Justizsystem sehr genau weiß, ist die Einzelhaft ein wirksames Foltermi.

Man erkennt schnell, wofür die Evolution seelischen Schmerz hervor gebracht haben könnte. Die Überlebenschancen von sozialen Säugetieren sind deutlich höher, wenn sie gut in die Gruppe von Artgenossen integriert sind. Meist sind es die ausgegrenzten oder an den Rand gedrängten Tiere, die Raubtieren zum Opfer fallen oder verhungern. So wie uns Schmerzen davor schützen, dass wir uns weh tun, verhindert die Aussicht auf seelisches Leid soziale Verletzungen. Das bringt uns dazu, dass wir wieder den Kontakt zu anderen suchen. Allerdings ist dies für viele Menschen eine unüberwindbare Hürde.

Es überrascht nicht, dass soziale Isolation mit Depressionen, Suizid, Angstzuständen, Schlafstörungen, Furcht und Wahnvorstellungen in Verbindung gebracht wird. Erstaunlicher ist die Entdeckung, dass dadurch eine Vielzahl von physischen Erkrankungen verursacht oder verschlimmert werden. Demenz, Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Schlaganfälle, Anfälligkeit für Virusinfektionen und sogar Unfälle betreffen häufiger chronisch einsame Menschen. Einsamkeit hat einen ähnlichen Effekt auf die Gesundheit wie das Rauchen von 15 Zigaretten täglich: Sie erhöht das Risiko eines frühzeitigen Todes um 26%. Das lässt sich zum Teil auf die vermehrte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol zurückführen, welches die Immunabwehr unterdrückt.

Studien bei Menschen und Tieren liefern Erklärungen für Frustfressen: Isolation verringert den eigenen Kontrollmechanismus, was zu Fettleibigkeit führt. Vielleicht ist das auch der Grund für die Korrelation zwischen geringem wirtschaftlichem Status und Übergewicht, denn Menschen der unteren Gesellschaftsschichten werden ausgegrenzt und sind daher einsamer.

Jeder weiß, dass etwas viel Wichtigeres aus dem Ruder läuft als all die Dinge, die  wir normalerweise fürchten. Also warum beteiligen wir uns an diesem weltfressenden, sich selbst verzehrenden Wahnsinn, der die Umwelt zerstört und soziale Entwurzelung vorantreibt, wenn er doch nichts als unerträglichen Schmerz verursacht? Sollte diese Frage nicht jedem in unserer Gesellschaft auf der Seele brennen?

Es gibt ein paar tolle Wohltätigkeitsorganisationen, die alles dafür tun, um gegen diese Welle anzukämpfen und mit einigen werde ich im Rahmen meines loneliness projects zusammen arbeiten. Aber für jeden, den sie erreichen, gibt es noch mehr, die durch das Netz fallen.

Um das Problem zu lösen reicht keine Antwort der Politik. Etwas viel Größeres muss geschehen: Eine komplette Neuausrichtung einer ganzen Weltanschauung. Von allen Vorstellungen, die der Mensch hat, ist die Idee, alles allein tun zu können, die absurdeste und die vielleicht gefährlichste. Entweder wir halten zusammen oder wir werden drauf gehen.«

George Monbiot | theguardian | 12.10.2016 | Neoliberalism is creating loneliness. That’s what’s wrenching society apart | https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/oct/12/neoliberalism-creating-loneliness-wrenching-society-apart

[1] http://www.gofeminin.de/make-up/thinspiration-der-magerwahn-auf-instagram-s1179108.html

Vielen Dank an N. für die Übersetzung ins Deutsche!

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