Bewusst konsumieren UND politisch einmischen!

»[…] das Formen des eigenen Lebensstils [ist] wichtig, wenn es darum geht, Alternativen zu suchen, zu entwickeln, auszuprobieren und vorzuleben. Zu zeigen wie es anders gehen kann. Genau das machen die Menschen in den Bio-Läden, auf den Lastenfahrrädern und in den Stadtgärten. Aufzeigen, wie Mobilität ohne Auto geht. Aufzeigen, wie (solidarische) Landwirtschaft ohne Wachstumszwang geht. Aufzeigen, wie regionale und saisonale Ernährung geht. Und das Alles drei Freude bereitet. Nur wenn wir zeigen, wie das Andere aussehen kann, und dass dieses Andere vielleicht sogar die attraktivere Variante ist, werden wir Menschen für neue Konzepte und Ideen gewinnen.
… | …
der bewusste Konsum [bietet] einen niederschwelligen Einstieg zur Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit. Die Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des eigenen Lebensstils ist deutlich anschaulicher und einprägsamer als die Befassung mit ökologischer Steuerreform, Wachstumszwängen und Machtkonzentration.
… | …
Das Nachhaltigkeits-Engagement im Privaten darf nie zum Selbstzweck werden, sondern muss immer das höhere Ziel im Auge haben, dass wir uns als Gesellschaft auf den Weg in die Nachhaltige Moderne machen. Dazu brauchen wir die Menschen in ihrer Rolle als bewusste Konsumenten, aber auch in ihrer Rolle als Bürger, in der sie sich für die entsprechenden Rahmenbedingungen einsetzen, die den Konsum allgemeinverbindlich in die richtige Richtung lenken. Der Einsatz für den ökologischen Wandel muss im Bioladen und im politischen Diskurs erfolgen. Das bewusste Konsumieren ist eine Suche nach Alternativen, aber noch nicht die Alternative. Es ist die Suche nach neuen Strukturen, aber noch nicht deren Schaffung. Eine Ökologiebewegung, die wirklich etwas ändern will, muss beide Schritte gehen.
==============================
Problematisch wird es, wenn Menschen den bewussten Konsum für ihren zentralen Beitrag auf dem Weg aus der ökologischen Krise halten. Denn er stellt eine unterkomplexe Antwort auf ein Problem dar, das nur auf struktureller und systematischer Ebene, niemals aber auf individueller Ebene gelöst werden kann.
… | …
Zu Beginn steht die schmerzhafte Tatsache, dass ein ökologisches Bewusstsein nicht in positiver Korrelation zu einem verringerten ökologischen Fußabdruck steht.
… | …
Menschen, die eine ökologisch orientierte Einstellung haben, sind keineswegs nachhaltiger als Menschen, die sich nicht dafür interessieren. Der einzige Bereich, in dem die Öko-Bewussten einen geringeren Ressourcenverbrauch haben, ist die Ernährung.
… | …
Mit Blick auf die nackten Zahlen leistet der bewusste Konsument keinen effektiven Beitrag zur Überwindung der ökologischen Krise.
… | …
Der ökologisch bewusste Konsument entscheidet sich dann gegen ein Produkt, wenn das schlechte Gefühl, dass er mit dem Produkt verbindet, dominiert.
… | …
Würden die Flugzeuge mit den Pestiziden nicht über Sojafelder in Brasilien, sondern neben dem Garten fliegen, in dem unsere Kinder spielen, läge der Marktanteil für Bio-Fleisch nicht unter 2%.
… | …
Unsere Wirkwelt hat sich globalisiert, unsere Merkwelt ist lokalisiert geblieben. Wir haben eine faktische Lücke zwischen Wirken und Fühlen.
… | …
Vor diesem Hintergrund wird auch klar, wie begrenzt die Wirkung von moralischen Appellen ist.
… | …
Die Strukturen, die unser Produzieren und Konsumieren maßgeblich leiten, wirken der Intention eines ökologischen Lebensstils entgegen.
… | …
Die Intention eines nachhaltigen Lebensstils scheitert an den Strukturen einer auf fossilen Brennstoffen basierenden, hyperglobalisierten Wachstumswirtschaft, die für Produzenten und Konsumenten völlig falsche Anreize setzt.
… | …
Jede siebte in Deutschland verkaufte Bio-Kartoffel kommt aus Ägypten oder Israel, fast jede dritte Bio-Paprika aus Israel. In beiden Ländern ist Wasser absoluter Konfliktstoff, der Transport verschleudert CO2.
… | …
Die komplette Angebotsstruktur im Supermarkt bekämpft mein Vorhaben, nachhaltig einzukaufen.
… | …
zu erwerbende Produkte [werden] immer kurzlebiger und fehleranfälliger.
… | …
In den westlichen Gesellschaften wächst der Möbelkonsum alle zehn Jahre um 150%!
… | …
Ein System, das Unternehmen dazu zwingt, im Sinne des eigenen Umsatzes immer mehr, immer kurzlebigere Produkte (durch immer aufwendigeres Marketing) an den Mann (und die Frau) zu bringen, scheint nicht die beste Voraussetzung für nachhaltige Lebensstile zu sein.
… | …
Es ist offensichtlich, dass ein solch ausufernder Einfluss von Unternehmensinteressen (gerade solcher Konzerne, für die eine Nachhaltigkeitswende nicht unbedingt vielversprechend klingt) für eine ökologische Neuausrichtung der Wirtschaft hinderlich ist.
… | …
Wir müssen begreifen, dass es keinen ökologischen Lebensstil gibt, solange diese Strukturen so sind. Nicht für das Öko-bewusste Individuum, und schon gar nicht für uns als Gesellschaft. Natürlich kann ich diese Hindernisse ein Stück weit umgehen. Man geht in den Bio-Laden nebenan, beteiligt sich an einer Solidarischen Landwirtschaft oder baut selber etwas an.
… | …
Zum einen muss man sich immer wieder klarmachen, dass man zu einer verschwindend kleinen Elite gehört, die sich aus einer gehobenen Mittelschicht in den reichen Industrienationen speist (Der Bio-Anteil der Lebensmittelausgaben in Deutschland liegt bei 3,3%).
… | …
Der Kauf einer Bio-Gurke ist eben noch kein Statement zum Machteinfluss großer Konzerne. Durch Selbstproduktion oder Einstig in eine Solidarische Landwirtschaft kann ich zwar wie einige Gleichgesinnte ein Stück weit aus dem globalen Lebensmittelmarkt aussteigen, allgemeinverbindlich ändern tut sich dadurch nichts. Die Frage, ob diese systemischen Zwänge abgebaut werden oder nicht, wird im politischen Diskurs entschieden. Nur wenn ich mich daran beteilige, mache ich meine Meinung in diesen Fragen geltend.
… | …
Eine andere Preisgestaltung wird es nur geben, wenn sich Menschen für eine ambitionierte ökologische Steuerreform stark machen, die Ressourcen und Emissionen zunehmend verteuert und die Besteuerung menschlicher Arbeit entsprechend senkt.
… | …
Für diese Regeländerungen muss sich jemand einsetzen.
… | …
Der Machtkonzentration in einzelnen Unternehmen wird nur Einhalt geboten, wenn für ein schärferes Kartellrecht gekämpft wird, so dass solche Marktoligopole gar nicht entstehen können. Außerdem braucht es Menschen, die sich für eine Abänderung des Patentrechts stark machen, mit dessen Hilfe sich Großkonzerne wie Monsanto oder Apple lästige Konkurrenten vom Hals schaffen. Wir müssen härtere Regeln für den Zugang von Lobbyisten zu Parlamenten und Ministerien einfordern.
… | …
Auf all diese Fragen geben wir keine Antworten, in dem wir bewusst konsumieren.
… | …
Aber mit meiner Produktwahl sage ich noch nicht, in welchem Wirtschaftssystem bzw. in welcher Gesellschaft ich leben will. Umso problematischer ist es, wenn wir durch unseren Fokus auf das bewusste Konsumieren den Blick für die übergeordneten Strukturen und deren Gestaltung verlieren. Wenn immer mehr Menschen ihren Beitrag im bewussten Konsumieren sehen, dann wird dieser zu einer Art Opium fürs Öko-Volk: Jeder hat das Gefühl etwas zu tun, aber nichts verändert sich. Dann wirkt der bewusste Konsum entpolitisierend. Der Gang in den Bio-Supermarkt kann das Eintreten für strukturellen Wandel nicht ersetzen.
… | …
Bewusster Konsum ist noch keine politische Einmischung. Wir müssen verstehen, das wir als Individuen nicht nur eine Verantwortung für die eigenen Konsumentscheidungen, sondern auch als Bürger in einem demokratischen Gemeinwesen haben. Wir sind auch mitverantwortlich für die Strukturen, die unser Produzieren und Konsumieren allgemeinverbindlich steuern. Anders gesagt: Es geht nicht nur darum, sich in den bestehenden Strukturen möglichst korrekt zu bewegen, sondern auch darum, für möglichst korrekte Strukturen zu kämpfen. Nur mit strukturellen Veränderungen bleibt ein nachhaltiger Konsumstil nicht (unerfüllter) Wunsch einer Bildungselite, sondern wird zum Standard für alle. […]«

André Rathfelder | der spiegelfechter | 11.10.2016 | Möglichkeiten und Grenzen des bewussten Konsums | http://www.spiegelfechter.com/wordpress/133916/moeglichkeiten-und-grenzen-des-bewussten-konsums

Sollte sich der Urheber des hier verlinkten und zitierten Artikels durch das Posten dieser Verlinkung oder dem ganz oder teilweisen Zitieren aus dem verlinkten Artikel in seinem Urheberrecht verletzt fühlen, bitte ich um einen kurzen Kommentar und einen Beleg der Urheberschaft. Das Beanstandete wird dann unverzüglich entfernt. | Eventuelle Werbung in optischer Nähe zu diesem Artikel stammt nicht von mir, sondern vom Social-Media-Hoster. Ich sehe diese Werbung nicht und bin nicht am Verdienst oder Gewinn beteiligt.

Advertisements

2 Gedanken zu “Bewusst konsumieren UND politisch einmischen!

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.