„Eine Demokratie wird nur funktionieren, wenn sie informierte Bürger hat.“

»[…] Schauen Sie, in Deutschland ist es wahrscheinlicher, von einem Blitz getroffen als von einem Terroristen erschossen zu werden. In den USA ist es in den meisten Jahren wahrscheinlicher, von einem Kleinkind erschossen zu werden, das mit der Waffe der Eltern herumspielt, als durch einen Terroristen. In Deutschland hatten wir durch den Terror der RAF in den siebziger und frühen achtziger Jahren viel mehr Terroranschläge und Tote als heute. Das heißt, in unserem Land ist die Gefahr, durch einen Terroristen ums Leben zu kommen, in den letzten 40 Jahren deutlich zurückgegangen.
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Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sind viele Amerikaner nicht mehr geflogen, sondern haben lieber das Auto benutzt. Die im Auto zurückgelegten Kilometer nahmen beträchtlich zu. Doch das hatte schreckliche Folgen: In jedem der zwölf Monate nach dem 11. September lag die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle deutlich über dem Durchschnitt und meist sogar noch höher als alle Werte aus den vorangegangenen fünf Jahren. Normalerweise liest man, dass durch Nine Eleven rund 3.000 Menschen ums Leben kamen. Aber es kamen noch mal geschätzte 1.600 dazu, die dann aus Angst nicht mehr geflogen sind und ihr Leben auf der Straße verloren haben. Das ist vielleicht einer der wichtigsten Punkte, den man verstehen sollte: Terroristen schlagen zweimal zu. Zuerst mit physischer Gewalt und dann mithilfe unserer Gehirne, unserer Angst. Ihr eigentliches Ziel ist es, eine Gesellschaft zu destabilisieren.
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Welche psychologische Regel unseres Gehirns machen sich Terroristen dabei zunutze?
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Sie lautet: „Wenn viele Menschen gleichzeitig sterben, reagiere mit Furcht und vermeide die Situation.“ Paradoxerweise haben wir kaum Angst davor, bei einem Unfall zu sterben, sondern eher davor, zusammen mit vielen anderen umzukommen. Wir fürchten den seltenen Kernkraftwerksunfall, nicht aber die ständige Luftverschmutzung durch Kohlekraftwerke. Wir hatten Angst vor einer Schweinegrippepandemie, nachdem mehrere Zehntausend mögliche Todesfälle angekündigt wurden – zu denen es dann nie kam –, aber wir haben wenig Angst vor der normalen Grippe, der jedes Jahr tatsächlich Zehntausende zum Opfer fallen.
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Ich habe viel mehr Angst davor, dass mir beim Autofahren ein anderer ins Auto rast, weil er während der Fahrt telefoniert oder Nachrichten auf dem Smartphone schreibt. Laut Umfragen sagen in Deutschland 30 Prozent der Autofahrer, dass sie am Steuer Nachrichten auf ihrem Smartphone lesen, und 20 Prozent sagen, dass sie am Steuer Nachrichten schreiben. Man schätzt, dass in den USA jedes Jahr 3.000 Menschen durch abgelenkte Fahrer getötet werden, und das halte ich für eine realistischere Gefahr, als dass ich mir jetzt Sorgen mache über einen terroristischen Anschlag.
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Wie viele Menschen aber durch abgelenkte Autofahrer sterben, geht selten durch die Presse. Die Medien berichten ständig über Terror und die Möglichkeit von Anschlägen, also über Kollektivgefahren. Aber über die individuellen Gefahren, denen die Menschen ausgesetzt sind, berichten sie fast nicht.
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Der frühere Chef des US-Heimatschutzministeriums hat vor einigen Jahren eingestanden, dass er die Angst vor Terrorismus übertrieben habe, um George W. Bush die Wiederwahl zu ermöglichen. Ich glaube, wir brauchten mehr Skepsis in unserer Gesellschaft. In den USA wird die Angst gerade wieder angeheizt. Und das dient Donald Trump.
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Wie groß ist die Bedrohung, gemessen an anderen Gefahren? Was hat sich durch das Entdecken der Terrorzelle wirklich verändert? Es ist doch so: Je mehr über Terrorgefahren berichtet wird, desto mehr ist das im Sinne der Terroristen. Das Kernziel des IS ist die Destabilisierung unserer Gesellschaft, es geht ihm nicht um einzelne Opfer. Das ist der große Unterschied zum Terror der RAF damals in Deutschland. Diese Terroristen hatten bestimmte Personen im Visier. Der IS geht anders vor, willkürlicher. Der IS könnte ja zum Beispiel die Parlamente angreifen oder Polizeistationen oder andere staatliche Institutionen. Aber das macht er nicht. Weil er so willkürlich vorgeht, könnte jedem von uns etwas passieren. Und das erzeugt Angst.
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Wenn Sie mit dem Auto fahren müssen, ist das die viel größere Gefahr. In Deutschland sterben jedes Jahr ungefähr 3.500 Menschen auf den Straßen, und noch viel mehr werden schwer verletzt.
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Wir sollten versuchen, die Deutschen risikokompetent zu machen, indem wir sie informieren. Mit der eigenen Angst umgehen zu lernen, sich nicht verunsichern oder einschüchtern zu lassen: Das halte ich in einer Demokratie für wichtig.
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Wir brauchen mehr Aufklärung, weniger Menschen, die wie Schafe dorthin gelenkt werden, wo man annimmt, da möchten sie sowieso sein. Das ist für mich der falsche Weg. Eine Demokratie wird nur funktionieren, wenn sie informierte Bürger hat. […]«

Gerd Gigerenzer, Marc Brost, Tina Hildebrandt | DIE ZEIT | 14.07.2016 | Terror – Die Angst ist das Ziel – Terroristen wollen, dass wir uns unsicher fühlen. Aber wir können lernen, die Gefahr richtig einzuschätzen. Ein Interview mit dem Risikoforscher Gerd Gigerenzer. | http://www.zeit.de/2016/30/terror-gefahr-gerd-gigerenzer/komplettansicht

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2 Gedanken zu “„Eine Demokratie wird nur funktionieren, wenn sie informierte Bürger hat.“

  1. Denken wir einen Schritt weiter: sind es wirklich „die Terroristen“, die uns in Angst versetzen? Oder sind es nicht doch vielleicht die Medien, die (im Auftrag) über Terrorstaaten und Gewalt schreiben. Ist diese Angst vielleicht nur Teil des weltweiten Meinungsmanagements, um die Massen zu kontrollieren? Richtig ist, dass vor allem die USA massiv manipulieren, um ihre Ziele und den Eliten genehme Marionetten durchzusetzen. George W. Bush war eine davon.

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    • Ja klar, ist das so, wie du es beschreibst. | Wie das Bangemachen funktioniert, modellhaft, ist u.a. im Film „The village“ von M. Night Shyamalan zu beobachten. | Die Menschen, die die Systematik nicht erkennen (können oder wollen), haben aber konkrete Angst vor Terroristen. Noch nicht einmal davor, selbst Opfer zu werden, es ist schon die Angst, dass Mitglieder ihrer Gruppe (Bürger Deutschlands oder Europas) durch Terror sterben könnten.

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