„Das Gelaber von der vollen Härte des Rechtsstaats oder wahlweise des Gesetzes, ist nicht anderes als wohlfeiles, populistisches Gequatsche zur Besänftigung der aufgrund des staatlichen Versagens um die eigene Sicherheit besorgten Bürgers.“

»Von der Bundesregierung tun es die Kanzlerin, der Justiz- und natürlich der Innenminister, NRW-Ministerpräsidentin Kraft tut es und gefühlt jeder zweite Politiker tut es ebenfalls. Sie fordern mal wieder, dass der Rechtsstaat mit „voller Härte“ auf die Ereignisse in Köln reagieren müsse.
… | …
Die geforderte Härte wird im Fall der Kölner Vorfälle vermutlich genauso ein Schlag in die Luft werden, wie in manch anderen Verfahren, in denen ebenfalls reflexartig Härte gefordert wurde.
*
Bevor der Rechtsstaat hart „zuschlagen“ könnte, müsste er erst einmal nicht nur die Tatverdächtigen identifizieren, sondern auch deren jeweiligen individuellen Tatbeitrag ermitteln, handfeste Beweise finden, Anklage erheben und dann abwarten, was von alledem sich in einer Hauptverhandlung beweisen lässt.
… | …
Die Zeuginnen und Zeugen, die vermutlich keine stresserprobten MEK-Mitglieder waren, befanden sich zum Zeitpunkt der Taten in einem Ausnahmezustand. Wenn es so sein sollte, dass selbst erfahrene Polizeibeamte an diesem Abend Tote und Verletzte fürchteten, dann wird das für die normalen Menschen nicht viel anders gewesen sein. Hin und her geschubst, geschlagen, angefasst, beklaut, sexuellen Übergriffen ausgesetzt, da bleibt kein Mensch cool. Da steigt Panik hoch, da rennt man um sein Leben, da ist der Körper vollgepumpt mit Adrenalin. Das hilft zwar unbedingt dabei aus der Notsituation heraus zu fliehen, es beeinträchtigt aber auch die Wahrnehmung und insbesondere auch die spätere Erinnerung an die ursprüngliche Wahrnehmung.
*
Dass dazu auch noch alle Zeuginnen und Zeugen – bis auf die Polizeibeamten – ausgerechnet in der Silvesternacht keinen Alkohol getrunken haben, ist auch nicht sehr wahrscheinlich. Auch der Alkohol beeinflusst sowohl die ursprüngliche Wahrnehmung als auch die spätere Erinnerung.
… | …
Was soll man tun, wenn man die Tat dem Einzelnen nicht nachweisen kann? Unschuldige verurteilen? Das wäre dann die Härte des Unrechtsstaats.
… | …
Wenn es stimmt, dass im Kölner Fall viele Frauen in den Gesprächen erst auf ausdrückliche Nachfrage der Beamten hin angaben, dass sie auch “angefasst” worden seien, dann sollte das durchaus skeptisch machen.
… | …
Tut sie das aber erst, nachdem ein Polizeibeamter sie gefragt hat, ob der Täter sie auch sexuell belästigt hat, könnte es sich durchaus auch um eine unbewusst verfälschte Erinnerung der Zeugin handeln.
… | …
Dieses blöde Phänomen, eine Erinnerung im Gehirn – auch von Seiten des Polizeibeamten unbeabsichtigt – erst durch eine vielleicht ganz harmlose Frage erst zu erzeugen, ist unter Fachleuten seit langem bekannt. Das Gehirn will gefallen, es bemüht sich, die Frage wie erwünscht zu beantworten und angesichts der Frage vermutet es, dass er nur etwas vergessen hat, dass es nun aus seinem Fundus „auffüllt“. Zu diesem Fundus kann auch etwas selbst gar nicht erlebtes gehören. Diese Erinnerung wird dann vom Gehirn aber blöderweise so behandelt wie eine „echte“ Erinnerung, d.h. die Zeugen sagen aus ihrer Sicht die reine Wahrheit, obwohl ihre Aussage nicht mit dem tatsächlichen Geschehen übereinstimmt. Das ist dann der False-Memory-Effekt.
… | …
Das bedeutet nun keineswegs, dass es in Köln keine Opfer gegeben haben soll. Die gab es ganz sicher. Und gerade deshalb ist eine sorgfältige Vernehmung der Opfer unter Berücksichtigung der ganzen Risiken und Nebenwirkungen des Mediengetöses auch so wichtig, um später verwertbare Aussagen zu haben.
*
Ein weiteres Problem ist in diesem Zusammenhang nämlich die breite Berichterstattung über die Ereignisse, die nahezu zwangsläufig zu einer Ab- und Angleichung der einzelnen Erinnerungen im Sinne einer Kollektiverinnerung führen werden. Hier wäre es ganz wichtig, die Aussagen der Zeuginnen und Zeugen nicht nur schnell von erfahrenen Vernehmungsbeamten aufnehmen zu lassen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes – am besten durch Videoaufzeichnung.
… | …
Erinnerungen verändern sich jedes Mal, wenn sie abgerufen werden. Das ist eben kein Film, der irgendwo im Gehirn abgespeichert wird und höchstens an Brillianz und Tonqualität verliert, bezüglich des Inhalts aber gleich bleibt, sondern bei jedem Erinnern ein kreativer Akt des Gehirns, das sich die Bestandteile der Erinnerung aus den unterschiedlichsten Ecken des Gehirns zusammenklaubt, einen neuen „Film“ schneidet und dann auch jeweils wieder in einzelnen Schnippseln abspeichert.
… | …
Ob die von einem Beamten kolportierten Sätze: “Ich bin Syrer, ihr müsst mich freundlich behandeln! Frau Merkel hat mich eingeladen.” tatsächlich so von einem Syrer geäußert worden sind, darf man bezweifeln. Der Satz kommt einem so wahnsinnig bekannt vor.
… | …
Unterm Strich kann es also sehr schwierig werden, die Täter die Härte des Rechtsstaats spüren zu lassen.
… | …
Mir wäre nämlich lieber, wenn man die geforderte Härte im Nachhinein gar nicht bräuchte, indem man solche Taten künftig mal ernsthaft zu verhindern versucht.
… | …
Nach Angaben der GdP fehlen alleine im Verantwortungsbreich des Bundesinnenministers rund 3600 Beamte. Vielleicht wird er uns aber lieber erneut erklären, Teile seiner Antwort könnten die Bevölkerung verunsichern.
*
Aus dem dem NRW-Innenministerium unterstehenden Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD) wurde der Kölner Polizei die bereits im Vorfeld angeforderte Unterstützung versagt.
… | …
Hat der Innenminster so gar keine Schuld an dem Desaster?
*
Die Forderung nach einer besseren personellen und materiellen Ausstattung der Polizei und der Justiz, die seit Jahren verweigert oder nur unzureichend umgesetzt wird, werde ich jetzt so lange wiederholen, bis es da eine befriedigende Antwort gibt. […]«

Heinrich Schmitz | DIE KOLUMNISTEN
| 09.01.2016 | Mit voller Härte in die Luft | http://diekolumnisten.de/2016/01/09/mit-voller-haerte-in-die-luft/

Sollte sich der Urheber des hier verlinkten und zitierten Artikels durch das Posten dieser Verlinkung oder dem ganz oder teilweisen Zitieren aus dem verlinkten Artikel in seinem Urheberrecht verletzt fühlen, bitte ich um einen kurzen Kommentar und einen Beleg der Urheberschaft. Das Beanstandete wird dann unverzüglich entfernt. | Eventuelle Werbung in optischer Nähe zu diesem Artikel stammt nicht von mir, sondern vom Social-Media-Hoster. Ich sehe diese Werbung nicht und bin nicht am Verdienst oder Gewinn beteiligt.

Advertisements

3 Gedanken zu “„Das Gelaber von der vollen Härte des Rechtsstaats oder wahlweise des Gesetzes, ist nicht anderes als wohlfeiles, populistisches Gequatsche zur Besänftigung der aufgrund des staatlichen Versagens um die eigene Sicherheit besorgten Bürgers.“

  1. Diesen Teil über den Zusammenhang von Wahrheit und Erinnerung finde ich so frappirrendcund interessant.

    Ich hatte immer gedacht mich …noch.. auf mein Gedächtnis verlassen zu können. Bis ich in einem Buch darübr gelesen habe. Das ist iwie verunsichernd
    Dir wünsche ich einen schönen entspannten 4. Adventssonntag

    Gefällt 2 Personen

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.