„Mit jedem verifizierten Bewegungsmuster und jedem Schritt mit dem Smartphone in der Hand wissen sie mehr über uns.“

»[…] So wundert es kaum, dass auch in der Welt des Digitalen die Ausspähung des Standorts und der Bewegungsmuster allerhöchste Priorität genießt. Zum Beispiel auf dem Smartphone mit dem dominierenden Betriebssystem Android. Nachdem der arglose Besitzer sein Handy beiseitegelegt hat, baut es Datenverbindungen im Hintergrund zu Dritten auf. Das Smartphone ist für die meisten Menschen der wichtigste Datenspeicher. Auf ihm befinden sich E-Mails, Adressen, Telefonnummern, es enthält sämtliche Kommunikation, den Kalender, die Fotos und eine Historie der Standorte. Bereits durch die Verknüpfung weniger Informationen lassen sich detaillierte Profile seines Besitzers erstellen.
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Demnach steuerten die Programme heimlich insgesamt 250.000 verschiedene Web-Adressen an und gaben Daten weiter. Hinweise auf diese Spionage im Nebenjob gibt es nicht, auch nicht vom Shop-Betreiber Google. Das wundert kaum, denn, wie die Forscher weiter ermittelten, werden die am häufigsten kontaktierten Adressen unter anderem von Google betrieben, es sind Werbenetzwerke sowie Analysedienste, und die App-Programmierer erhalten höhere Einnahmen, je mehr Daten sie über ihre Nutzer verraten.
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In unserer nicht repräsentativen Auswertung war es Facebook, das gleichsam im Minutentakt den eigenen Aufenthaltsort nach Amerika sendet.
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Zum einen, dies verschweigt Google geflissentlich, hat jede App, die aus dem Play Store geladen wird, uneingeschränkten Internetzugriff. Sie darf ständig senden und empfangen.
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Zum anderen scannt Google den Standort, selbst wenn der Nutzer glaubt, dass er GPS und W-Lan als wichtigste Ortungsdienste ausgeschaltet hat. Neu hinzugekommen ist in Android 6, dass auch Bluetooth heimlich nach Geräten in der Nähe sucht, um die eigene Position zu ermitteln. Wer das alles deaktivieren will, findet das entsprechende Menü nicht etwa in den Funkeinstellungen, sondern gut versteckt unter Standort.
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sind die Bewegungsprofile nicht ohne weiteres zu verhindern.
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Im BMW i3 gar speichert das Auto nahezu lückenlos den Standortverlauf mitsamt der letzten Abstellpostionen. Die Parkpositionen und die zuletzt ins Navi eingegebenen Adressen werden zudem laut FIA fortwährend an BMW gesendet.
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Das Auto kenne den Arbeitsweg und den Fahrstil, die Termine und den Musikgeschmack, sagte Mercedes-Chef Zetsche im vergangenen Jahr auf der IAA.
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Mit der Erfassung der alltäglichen Strecken und Wege des privaten Umfelds haben sich seit Jahren die Berliner Verkehrsbetriebe hervorgetan, die auf elektronischen Fahrkarten Bewegungsprofile ihrer Kunden speicherten
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Nur sollte man selbst ein simples Handy ohne Smartphone-Funktionalität ausschalten, denn der Mobilfunk an sich ist unabhängig von den verwendeten Geräten oder des Betriebssystems das Medium der Überwachung schlechthin. Kaum jemand weiß, dass zum Beispiel die Telekom die Bewegungsströme der eigenen Vertragskunden ermittelt und die generierten Positionsdaten an das Unternehmen Motionlogic verkauft. Denn bereits das Einbuchen in eine Funkzelle erlaubt die Ortung. Jedes Telefon ist eine Ortungswanze.
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Ähnlich verfährt O2 Telefónica mit seinen 43 Millionen Kunden, die allein durch den Wechsel von einer Funkzelle zur nächsten täglich vier Milliarden Datenpunkte generieren. Diese werden über das Produkt Mobility Insights verkauft.
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dass die Betreiber selbst sowie andere Dritte wie das amerikanische Unternehmen Geofeedia an die Schnittstellen der sozialen Netze andocken, um standortbasierte Bewegungsprofile zu generieren und zu verkaufen.
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Mit der im Oktober vergangenen Jahres neu beschlossenen Vorratsdatenspeicherung und der „stillen SMS“ können Polizei, Staatsanwaltschaften und Behörden detaillierte Bewegungsprofile aller Deutschen anfertigen.
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In einem halben Jahr wurden demnach 35 000 Informationen von seinem Telefon preisgegeben. Jede einzelne davon ist harmlos. In der Summe ergeben jedoch die Daten ein Profil, das präzise zeigt, wann und wo die Person läuft, Auto oder Bahn fährt, in welchen Straßen sie sich aufhält, zu welchen Zeiten sie schläft oder arbeitet, wann sie und wo ihre Freizeit verbringt und mit wem wie oft und wann kommuniziert wird. Vorratsdatenspeicherung ist Datenaggregation zur Totalüberwachung, sie erlaubt es, ein Leben minutengenau zu rekonstruieren.
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Es sind der Standort und der Standortverlauf als wichtigste und teuerste Digitaldaten, als Objekte der Begierde für alle Datenkraken. Bewegungsdaten verraten am meisten über die Person und ihre Gewohnheiten, und sie haben gegenüber allen anderen ausspähbaren Informationen den immensen Vorteil, dass sie valide sind.
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Schon sprechen viele Banken davon, dass Bewegungsprofile und soziale Verflechtungen die traditionellen Scoring-Verfahren zur Beurteilung des Kreditverhaltens ablösen.
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Prädiktive Analysen setzen auf aktuelle Daten aus dem Netz und vom Smartphone. Wer sich fortwährend im falschen Viertel aufhält, mit Bus und Bahn fährt und selten im Restaurant essen geht, gefährdet seine Kreditwürdigkeit. Und nicht nur das. […]«

Michael Spehr | Frankfurter Allgemeine | 28.10.2016 | Datenschutz und Privatsphäre – Jeder Schritt zählt – Was die Datenkraken interessiert: nicht die Adressen, nicht die E-Mails. Zu wissen, wie wir uns in der Welt bewegen, das ist die neue Digitalwährung der Netzspione. | http://www.faz.net/aktuell/technik-motor/computer-internet/datenschutz-und-privatsphaere-jeder-schritt-zaehlt-14494871.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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