„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

»Es ist wahr, das Jahr 2014 war kein leichtes. Kein rosiges, kein kuscheliges. Es war ein tosendes, Angst machendes, in Teilen der Welt ein grausames Jahr. Kriege umzingeln Europa. In Israel und Palästina, im Osten der Ukraine, im Irak und in Syrien, an der Grenze zur Türkei, wenige Flugstunden von Berlin, wurde gekämpft. Hunderte junge Deutsche verließen ihre Heimat, um mit den Truppen des „Islamischen Staates“ im Mittleren Osten Gräueltaten zu begehen. 6.000 Kilometer südwestlich davon tötete das Ebola-Virus Tausende Afrikaner und versetzte Millionen Menschen auf der Welt in Schrecken.
*
Wer wollte in einem Jahr wie diesem nicht ab und zu die Augen verschließen, sich die Ohren zuhalten, die Sinne in Watte packen und der Welt entfliehen? Wir wissen aber, dass alles Verdrängen nichts hilft. Dass wir am Ende doch zurückkehren müssen in die raue, graue, banale, brutale Nachrichten-Wirklichkeit. Oder etwa nicht?
… | …
„Die Sehnsucht nach einem Rückzugsort, nach Halt, ist ein Charakteristikum der jüngeren Generation. Die jungen Menschen sind einerseits hypermodern, flexibel und leistungsbereit. Gleichzeitig hat eine Mehrheit dieser Generation den tiefen Wunsch nach Erdung.“ Der Bausparvertrag, sagt Hurrelmann, sei unter Jüngeren wieder extrem beliebt. „Wenn wir nach dem Grund fragen, hören wir: Ich möchte später ein Häuschen mit Garten, eine Familie, einen kleinen Hund. Alles sehr biedere Sehnsüchte.“
… | …
„Angesichts einer als zerrissen und brüchig erlebten Lebenswirklichkeit sehnt sich die Jugend nach Stabilität. Sicherheit und Kontrolle findet sie in der Flucht in eine abgesteckte, verlässliche Biedermeier-Welt.“
… | …
„All das, was die Jugendlichen der siebziger Jahre noch aufbrachte, was ihnen Symbol einer bornierten, betonierten Welt war, wirkt in den Augen der Jungen heute begehrenswert.“
… | …
„Das Lebensgefühl, mit dem die Jüngeren aufgewachsen sind, ist ein ganz anderes: Früher wirkte die Welt vernagelt, heute ist sie instabil.“
*
Nicht nur die Jugend, auch die Älteren zwischen 40 und 60 Jahren fühlen sich bedrängt von den globalen Schrecken.
… | …
„Bei den Wertvorstellungen findet ein Rückzug aus dem öffentlichen Leben statt. Die Mentalitäten des neuen Jahrhunderts weisen mehr Ähnlichkeiten mit der Moral der fünfziger und sechziger Jahre auf als mit der postmodernen Vielfalt der achtziger Jahre.“
… | …
Vor allem das Berufsleben der Jungen sei komplizierter und unsicherer als das ihrer Eltern, konstatiert der Soziologe Hurrelmann. Die jüngere Generation habe es heute schwerer, sich zu etablieren. Egal, ob zu Beginn der Ausbildung, im Studium, beim Einstieg in den Beruf oder wenn sie Eltern werden, bei jedem Übergang müssten junge Menschen erhebliche Kräfte mobilisieren, um die Chance auf eine Karriere zu wahren.
… | …
Heute sind die Bedrohungen weltumspannend und nicht mehr überschaubar: Islamismus, Menschen auf der Flucht, NSA-Lauschaffären, diffuse Netzempörungen, Klimawandel. Bei globalen Themen spielen derart viele Player mit, dass der Einzelne untergeht. Im Osten erhebt sich das gewaltige China, Russland baut sich vor Europa auf. Der US-Geheimdienst NSA hockt wie ein Krake auf der Welt. Was soll Frau X oder Herr Y hier noch erreichen? Wie sollen sie sich wehren? Wo sich engagieren?
… | …
Ist das der Weg, etwas Neues zu schaffen? Handgemachte Brillen? Vegane Hosen? Die mehr kosten, als die Menschen draußen vor dem Kongresszentrum im Monat zum Leben haben? Ist das „Slow“- und „Mindful“-Programm nichts als ein elitäres Projekt?
… | …
Für ihre Abschlussarbeit im Fach Wirtschaftpsychologie hat sie 600 Menschen befragt, ob sie unter Zeitnot litten. 80 Prozent sagten: „Ja“, die Hälfte der Befragten wollte das eigene Leben dringend verlangsamen. „Viele Leute merken durchaus, dass etwas nicht stimmt“, sagt Laura Roschewitz. „Es gibt eine Sehnsucht danach, Urbedürfnisse ernst zu nehmen, danach, mit sich selber klarzukommen.“
… | …
Sie arbeitet 20 Stunden in der Woche in einer Schule, muss deshalb mit 1.100 Euro im Monat auskommen. Sie hat ihr Smartphone abgeschafft. Sie geht nicht shoppen. Sie schläft viel. Und wenn sie Urlaub macht, fliegt sie nicht mehr nach Marokko oder Portugal wie früher, sie fährt zum Camping an die Ostsee.
… | …
Was machen wir hier eigentlich?“, sagt sie. „Wie Ameisen sausen wir von A nach B, um Arbeit, Kinder, Konsum zu timen, wir sind auf Trab, um bloß nicht zur Ruhe zu kommen, sind ständig entertaint. Wenn man sich das von außen anschaut, erscheint es absurd.“ Das moderne Leben kommt ihr vor wie eine gigantische Beschäftigungsmaßnahme, die die dröhnende Leere im Inneren der einzelnen Individuen überbrüllen soll.
… | …
„Die Klamotten, die wir tragen, die Autos, die wir fahren, die Dinge, die wir essen, die Berufe, die wir erschaffen haben, Berufe, in denen man 50 bis 60 Stunden pro Woche arbeitet und dann kein normales Leben mehr meistert. Weshalb man die Wäsche in die Wäscherei bringt, das Essen nur noch to go holt, die Wohnung von der Putzfrau sauber machen lässt.“ Wer diese Welt verändern will, findet Laura, muss sich zwangsläufig von ihr entfernen.
… | …
Was ihre geistigen und zeitlichen Rückzugsräume angeht, gleichen gerade junge Leute oft jenen kongolesischen Berggorillas, deren Lebensraum sich immer mehr auf einen Stehplatz reduziert. Immer erreichbar, immer im Dienst. Die Sonntage kaum mehr Tage der Ruhe, gerade vor Weihnachten herrscht Ausverkauf rund um die Uhr. Den Buß- und Bettag, den klassischen Tag der inneren Einkehr, hat die evangelische Kirche 1994 zur Finanzierung der Pflegeversicherung an die Arbeitgeber verschenkt. Wohin soll der Ruhebedürftige sich heute flüchten vor den um sich greifenden Händen des Marktes?
… | …
So wie Slow Food eine Reaktion auf Fast Food sei, sei auch seine selbst verordnete Verlangsamung eine Art Gegenwehr angesichts einer Nachrichten-Industrie, die immer hektischer, immer überhitzter geworden sei und rund um die Uhr mit hochgekochten Skandalen und aufgeblasenen Gerüchten um die Aufmerksamkeit der Menschen kämpfe.
… | …
Das Bedrohliche wird seinen Weg auch in das Leben der Abgeschotteten finden: Die Verzweifelten kommen mit Booten übers Meer, die Panzer formieren sich im Osten, der Wasserspiegel steigt auch an der Nordseeküste. Und wer sich weigert hinzusehen, könnte dereinst selbst zu denen gehören, die in Lumpen auf der Flucht sind.
*
Edgar Allan Poe erzählt in seiner Novelle Die Maske des Roten Todes von der Vergeblichkeit des Eskapismus […]«

Julia Friedrichs | DIE ZEIT | 02.01.2015 | Entschleunigung – Die Welt ist mir zu viel | http://www.zeit.de/zeit-magazin/2015/01/entschleunigung-biedermeier-handarbeit-stressabbau

Sollte sich der Urheber des hier verlinkten und zitierten Artikels durch das Posten dieser Verlinkung oder dem ganz oder teilweisen Zitieren aus dem verlinkten Artikel in seinem Urheberrecht verletzt fühlen, bitte ich um einen kurzen Kommentar und einen Beleg der Urheberschaft. Das Beanstandete wird dann unverzüglich entfernt. | Eventuelle Werbung in optischer Nähe zu diesem Artikel stammt nicht von mir, sondern vom Social-Media-Hoster. Ich sehe diese Werbung nicht und bin nicht am Verdienst oder Gewinn beteiligt.

Advertisements

Ein Gedanke zu “„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.