„Wie, um Himmels Willen, kann jemand wirkliche Reife erreichen, wenn man ihm zuvor nicht erlaubt hat, wirklich jung zu sein?“

»Sie werden gefürchtet und verachtet, beneidet und schamlos ausgenutzt: Jugendliche sind für Erwachsene noch immer weitgehend unverstandene, fremdartige Wesen. Angestachelt durch medial aufbereitete Gewalttaten, hat sich in den letzten Jahren eine regelrechte Jugendphobie herausgebildet, die diskriminierende Züge annimmt. Dies ist kein Widerspruch zum allgegenwärtigen „Jugendwahn“. Beide sind nur zwei Seiten ein- und derselben Medaille.
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Schon immer gehörte es zum Verhaltensrepertoire des deutschen Spießbürgers, über Jugendliche herzuziehen. Zu laut, zu respektlos, zu freizügig, lauten einige der üblichen Vorwürfe.
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Ultraschall gegen Jugendliche
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Vor Jahren etwa gingen Nachrichten über so genannte Mosquito-Boxen durch die Presse, Geräte, die Jugendliche durch einen schrillen Piepton von Orten vertreiben sollen, wo sie unerwünscht sind.
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Der Name „Mosquito“ sagt unverblümt, wie man den zu vertreibenden „Feind“ einschätzt: als Ungeziefer.
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Die akustische Waffe gegen Jugendliche ist ageistisch und diskriminierend. Sie stellt junge Menschen unter Generalverdacht und ist eine sanfte Form der Körperverletzung.
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Behörden im Kontrollwahn
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Kaum eine Einschränkung der Freiheitsrechte, die heute nicht mit dem Verweis auf Jugendliche begründet wird. Diesbezüglich sind die unter 25-jährigen derzeit sogar im Begriff, den Terroristen den Rang abzulaufen.
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Zur Ursachensuche gehört auch das Eingeständnis der Mitverantwortung der älteren Generationen. Sie hat ja jene Regeln geschaffen, mit denen jüngere Menschen heute leben müssen oder an denen sie manchmal scheitern. Bertold Brecht sagte: „Der reißende Fluss wird gewalttätig genannt. Aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig“.
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Das wirklich gefährliche Alter
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Sie [die Süddeutsche Zeitung] wies nach, dass das gefährlichste Alter eigentlich jenes zwischen 40 und 50 Jahren ist. Begründung: Fast alle großen Menschheitsverbrecher wie Hitler, Mussolini, Stalin, Franco, Pol Pot, Saddam Hussein und Idi Amin hätten mit Mitte 40 nach der Macht gegriffen und ihr Zerstörungswerk begonnen.
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Bis zu seinem 25. Lebensjahr bekommen junge Erwachsene, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, in Deutschland kein Wohngeld, sofern sie die Möglichkeit haben, bei ihren Eltern zu wohnen. Dies kann für reife junge Menschen im Einzelfall mit einer Zwangsumsiedlung ins Elternhaus verbunden sein – eine staatlich verordnete Regression ins Kindliche, die Eltern mitunter überfordert, junge Menschen demütigt.
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Pränatal versklavt
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Eine weitere krasse Form von Benachteiligung stellt die wachsende Staatsverschuldung dar. Je jünger jemand ist, in desto größerem Ausmaß wird er die Zeche für eine „Mahlzeit“ bezahlen müssen, die er selbst gar nicht verzehrt hat.
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„Keine Generation darf Schulden anhäufen, die höher sind als das, was sie im Laufe ihres eigenen Daseins zurückzahlen kann.“
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Profiteure einer eskalierenden Verschuldung sind stets die Groß-Gläubiger, die sich damit das Erstzugriffsrecht auf einen wachsenden Anteil der Arbeitserträge künftiger Generationen erkaufen.
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Eine mindestens ebenso große Katastrophe stellt aber die allgegenwärtige Entmutigung und Ausbeutung junger Menschen auf dem Arbeitsmarkt dar.
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Firmen verheizen Jugendliche und junge Menschen mit Vorliebe für unbezahlte Praktika.
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Die Bezeichnung „Sklaverei“ ist dafür noch untertrieben.
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Offline-Opas gegen Spielkinder
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So kommt es, dass die Generationen einander heute nicht weniger fremd sind, als dies in den späten 60ern der Fall war (als die Kriegsgeneration auf rebellische „68er“ prallte). Die beiderseitigen Vorurteile haben sich längst verfestigt: Technisch inkompetente „Offline-Opas“ treffen auf technikbegeisterte, aber humanistisch unterbelichtete Spielkinder.
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„Warum einen Kompromiss zwischen den Generationen aushandeln? Wir sind mehr und wir sind mächtiger. Die sollen parieren!“ So kommt es zu einer Kriminalisierung wesentlicher Teile der Jugendkultur. Jemand sitzt mit Bierdose und Döner auf dem Marktplatz und hat ein bisschen Spaß mit Freunden – in manchen Städten illegal. Jemand kifft und schaut sich dazu am Computer einen „downgeloadeten“ Spielfilm an – illegal. Oder er brennt sich eine CD, ohne mit seinem spärlichen Taschengeld auch noch das Millionenvermögen einer Lady Gaga zu alimentieren – illegal. Ein Volk von jungen „Verbrechern“. Durch die frühe Erfahrung mit der Kriminalisierung der eigenen Hobbys werden Verhaltensweisen eines „Doppellebens“ eingeübt. Jugendliche flüchten ins innere Exil, umzingelt von einer Welt der Spaßbremsen, der verständnislosen, inkompetenten Mahner und Strafer.
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Wir beschimpfen, was wir beneiden
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Das kann Neid schüren, den sich nicht jeder „Grufti“ eingestehen mag. Unter „Neid“ verstehe ich hier einen fantasierten Rollentausch. Die unzähligen Liftings, Faltencremes und Gesichtsoperationen, die Älteren eine schier unendlich verlängerte Adoleszenz versprechen, sind ja nichts anderes als ein hilfloser Versuch, mit der verachteten Jugend auf ihrem ureigensten Gebiet zu konkurrieren.
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Diesen wird ihre Jugend buchstäblich geraubt: durch verfrühte und überhöhte Leistungsanforderungen, die schon in den unteren Schulklassen beginnen. Im Grunde sind sowohl alte als auch junge Menschen in unserer Gesellschaft unerwünschte Personen, die mit Misstrauen beäugt werden. Alles läuft auf eine Verleugnung des natürlichen Entwicklungszyklus des Menschen hinaus. Gemäß der kapitalistischen Menschenverwertungslogik wird eher ein Einheitstyp angestrebt: der beruflich voll funktionstüchtige, in seinem emotionalen Ausdruck auf ein vernünftiges Maß beschnittene Mensch mittleren Alters.
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Der Schatten des Verdrängten aber wächst und bricht sich Bahn in scheinbar unmotivierten Gewaltakten, in Pöbeleien und Respektlosigkeit, in Rückzug und Medienverwahrlosung – alles Symptome eines mehr gefühlten als artikulierten Unbehagens an einer selbstgerechten Erwachsenenwelt. […]«

Roland Rottenfußer | Hinter den Schlagzeilen | 26.10.2016 | Feindbild Jugend | http://hinter-den-schlagzeilen.de/2016/10/26/feindbild-jugend-2/

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4 Gedanken zu “„Wie, um Himmels Willen, kann jemand wirkliche Reife erreichen, wenn man ihm zuvor nicht erlaubt hat, wirklich jung zu sein?“

  1. Wer Verachtung sät, wird Verachtung ernten … uralte Problematik und so traurig, dass dieses Problem nicht durch einfachen Respekt gelöst werden kann. Was ich ehrlich nicht verstehe ist die Tatsache, dass doch alle mal jung waren (allerdings nicht alle alt werden ….). Aber da herrscht wohl eher das „Na, warum soll’s denen besser geh’n als mir damals?“. Oder was weiß ich …

    http://www.bildungswissenschaftler.de/5000-jahre-kritik-an-jugendlichen-eine-sichere-konstante-in-der-gesellschaft-und-arbeitswelt/

    trotzdem oder eigentlich gerade deshalb, einen herzlichen Gruß!

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    • Ich erlebe, dass so ab einer Altersdifferenz von 25 bis 30 Jahren der Umgang miteinander schwierig wird. Ich erlebe junge Kolleg*en, die einfach zu großen Respekt vor älteren Kolleg*en haben und diesen sehr distanziert und wenig offen gegenübertreten. Andererseits merken die älteren Kolleg*en, dass die jungen flott und unbekümmert unterwegs sind, eine Geschwindigkeit, die die Älteren nicht mithalten können. Das erzeugt Angst. Die Unbekümmertheit der Jungen stößt auf den reichen Erfahrungsschatz der Alten, die hinter jeder Ecke Gefahr wittern. Es sind die Alten, die auf die Jungen zugehen müssen und es in der Hand haben den Graben zu überwinden. Die Alten müssen auch bereit sein, in die zweite Reihe zurückzutreten und den Jungen den Vortritt lassen. Und diesen dann mit ihrer Erfahrung beratend zur Seite stehen und nicht hämisch über die Fehler des jugendlichen Leichtsinns zu lästern. Das gelingt nur den Alten, die schon immer geistig rege und in der Lage waren, die Dinge von mehreren Seiten zu betrachten. Die, die schon immer geistig eindimensional unterwegs waren werden im Alter daran kaum etwas ändern, im Gegenteil, sie werden verbohrter.

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      • Wenn man sich zu kurz gekommen glaubt, fällt es schwer, jemanden anderen was zu gönnen. Is‘ da nicht anders als mit anderen Phobien …. leider.
        Gottseidank gibt es auf beiden Seiten – sowohl bei den Jungen als auch bei den Alten – immer welche, die tatsächlich den ersten Schritt tun. Hallelujah, und auf DIESE SPEZIES, eine ganz besondere ( :o) ) trinke ich jetzt ein Gläschen und froi mich! Noch einen wunder-wunder-wunderschönen Abend!

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