Humanität ist eine Kampfansage!

»[…] Die Flüchtlinge nehmen uns tatsächlich etwas weg.
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Das gute Gewissen. Das Gefühl der Selbstverständlichkeit im eigenen Leben. (Der Krieg nimmt immer die Selbstverständlichkeit. So ist es heute dort. Und so war es früher auch hier.) Ja, das nehmen sie uns – die Flüchtlinge.
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Plötzlich fühlt sie sich bedroht an, die Zufriedenheit. Diese nehmen sie uns. Das lässt sich nicht aufklären. Da helfen keine Zahlen.
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Das lässt sich nicht argumentieren. Denn sie haben bereits die dünne Schicht, die Membrane angebohrt, in der wir unser glückliches, zufriedenes, selbstverständliches Leben gelebt haben. In aller Weltvergessenheit.
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Denn die Welt, die ist da. Und nicht nur in den homöopathischen Dosen, in denen wir sie mundgerecht genießen möchten. Sie ist da – die Welt jenseits der Membrane. Sie wurde mitgebracht – mit diesen Körpern, mit diesen Menschen. Mit ihrer Angst, ihrem Leid, ihrem Ausgesetzt-Sein. Sie, die jenseits der Schutzmembrane leben, sie sind da.
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Sie haben ihn wirklich durchbrochen, den Schutz. Jenen Schutz, der unsere Selbstverständlichkeit herstellt. Und dann liegen sie da, die toten Körper. Im Kühl-Lkw. Oder am Strand. Wie das süße, kleine Kind.
*
Und wir retten uns in das, was unsere Membrane noch schützen kann. Manche möchten sie befestigen, die Grenzen, den Schutz – aber sie lässt sich nicht befestigen, die Membrane. Da hilft kein noch so stacheliger Draht. Manche aber flüchten sich in das Einzige, was bleibt – in die Humanität, in die Solidarität. Diese rettet auch uns. Sie ist das Refugium für unser Sein in der Welt, für unseren Schutz. Wenn die Membrane bricht, dann ist Humanität die letzte Zuflucht für uns alle.
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Humanität […] ist ein politischer Begriff, ein politisches Handeln – also etwas, das nicht von allen geteilt wird. Sie ist eine Kampfansage.«

Isolde Charim | Wiener Zeitung | 04.09.2015 | Was nehmen sie uns weg, die Flüchtlinge? | http://www.wienerzeitung.at/meinungen/glossen/772621_Was-nehmen-sie-uns-weg-die-Fluechtlinge.html

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8 Gedanken zu “Humanität ist eine Kampfansage!

  1. Ich hatte heute wieder dieses Lamento einer Arbeitskollegin. „denen geht es so gut, die heizen wie blöd und lassen das Fenster auf, und wir können das zahlen!Als ich vor 20 jahren kam (aus Usbekistan) hab ich nichts bekommen,da musste ich um alles kämpfen! Und es traut sich jetzt keine Frau mehr auf die Strasse,wegen denen, die wollen sich doch gar nicht integrieren,…usw.usw….“ mir bleib wieder nur der Satz: Niemand verlässt seine Heimat ohne Not. Zuflucht in die Solidarität? Ich werde einfach nur wütend, bei diesen platten Vorverurteilungen.Grüsse Kat.

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    • Ach, trotzdem! Man! Es geht uns GUT! Arrgh, ich werde jetzt gerade ganz sauer, wenn ich an den Wortlaut des Lamentos denke, und meine Müdigkeit, schon wieder zu erklären, wie es aussieht in Kriegsgebieten, das in Afrika Folter und Verfolgung vorherrschen, das niemand freiwillig übers Mittelmeer kommt, usw. Dass die Geflohenen, die ich kenne, Heimweh haben und ihre Familien verstreut sind, und wie schwer es ist, immer wieder diese Abneigung zu spüren, nur weil man dunkle Augen hat. und dann immer diese angst vor Abschiebung. Aber wem erzähl ich das. Kat.

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