bindungsfördernd – stimmungsaufhellend – wiederstandsfähig – entzündungshemmend – sättigend – lindernd – dämpfend – kreativitätsfördernd – durchblutungsfördernd – regenerationsfördernd

»[…] Sex wird zur Frage: Was darf ich hoffen?
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Sexout heißt vielmehr, keinen Sex zu haben und darin ein Problem zu sehen. Häufig ist es das Problem desjenigen in einer Beziehung, der sich Sex wünscht, während der andere sich keinen wünscht.
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Oft ist es so, dass einer der Beteiligten einige Male versucht, dem anderen näherzukommen, und zurückgewiesen wird. Sehr bald führt dies dazu, dass der Betroffene sich die Demütigung erspart und sich Alternativen zuwendet: Auch Sport ist eine Form von Sex. Die Vertiefung in den Beruf ist es, auch unfreiwillig.
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Weil es in der Beziehung keinen Sex mehr gibt, entsteht Stress. Weil Stress entsteht, gibt es keinen Sex mehr. Die Spirale wäre leicht zu stoppen, wenn auf die immer zaghafteren Anfragen des einen nicht immer wieder Abweisungen des anderen folgen würden. Die Voraussetzung dafür wäre jedoch das Wohlwollen füreinander.
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Das Wohlwollen des einen könnte darin bestehen, die Lustlast zu übernehmen, sich also etwas einfallen zu lassen, um dem anderen Lust zu machen, sodass es ihm leichtfällt, zuzustimmen. Die Erotik könnte dabei ihre Wiederkehr erleben, das Spiel mit Möglichkeiten, mit Blicken, Gerüchen, Gesten, Worten, um den anderen in Stimmung zu bringen. Der andere könnte sein Wohlwollen zeigen, indem er es dem, der die Initiative ergreift, nicht zu schwer macht und ihn gewähren lässt: „Ja heißt ja!“
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Eine weitere Möglichkeit wäre, aus dem Sex ein Ritual zu machen, über das nicht jedes Mal mühsam neu entschieden werden muss. So wie keiner lange darüber nachdenkt, ein Frühstück zu sich zu nehmen, könnte auch ein Spätstück eingerichtet werden oder ein frühes Frühstück der anderen Art.
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Die Zuwendung zu einem anderen muss glaubhaft und wahrhaftig sein.
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Erotik und auch Sex wollen gelernt sein.
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Kommt es zum Sex, ist er bindungsfördernd, denn das Hormon Oxytocin wird freigesetzt. Sex wirkt stimmungsaufhellend, Dopamin sorgt dafür. Er stärkt das Immunsystem, Immunglobuline sind dafür verantwortlich. Entzündungshemmend ist er auch, das ist dem endogenen Cortisol zu verdanken. Er wirkt sogar sättigend, das liegt am Prolaktin. Er lindert und dämpft Schmerzen jeder Art, das resultiert aus der Ausschüttung von Opioiden. Er fördert die Kreativität, das machen die Endorphine. Er fördert die Durchblutung und die Regenerationsfähigkeit der Haut, hebelt Ängste und Depressionen aus und trägt zum Entstehen von Resilienz bei, also zur Widerstandsfähigkeit mit dem Gefühl: Alle Probleme kann ich bewältigen. Jeder Ärger perlt an mir ab.
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Ein paar unbekümmerte Jahrzehnte brachten Sex im Überfluss. Das war ein Teil des modernen Glücksversprechens, rückblickend gesehen auch ein Indikator für die Sinnleere der modernen Welt.
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Dass der Sex aussetzt und Pause macht, fällt umso mehr auf, je präsenter er zuvor war.
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Eine neue Prüderie aber könnte die Wiederkehr der Erotik befördern.
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Gestärkt werden könnte die Erotik durch Experimente mit Beziehungsformen, etwa mit einer Erweiterung dessen, was unter Freundschaft verstanden wird. Darf in ihr noch etwas anderes mitschwingen, kann sie zur erotischen Freundschaft werden, die mehr ist als die Beziehung bloßer friends with benefits. Zwei Varianten sind möglich: die erotische Akzentuierung in einer freundschaftlichen Beziehung, deren Verlässlichkeit durch lustvolle Momente an Intensität gewinnt. Oder die stärkere Betonung der Freundschaft in einer erotischen Beziehung, die damit über lustvolle Momente hinaus an Verlässlichkeit gewinnt. Es muss nicht immer eine Zusatzbeziehung sein, auch eine bestehende kann, wenn die Beteiligten es wollen, zur erotischen Freundschaft werden.
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Für eine Kunst der Erotik wäre es hilfreich, sich von Neuem mit dem Verhältnis von Ekstase und Askese zu befassen. Im Gegensatz zu einem weitverbreiteten Gerücht ist die Askese nicht lustfeindlich: Sie steigert die Lust und bereitet die Ekstase vor. Viele kennen die Erfahrung, dass ausgerechnet auf eine Weile der asketischen Abstinenz, freiwillig oder unfreiwillig, eine ekstatische Intensität folgt, die ihresgleichen sucht. Und asketische Fähigkeiten machen es leichter, Auszeiten des Eros, erst recht einen Sexout, zu überstehen, sich in solchen Zeiten zu erholen und auf den anderen zu warten, bis er von selbst wieder nach größerer Nähe sucht. Gefahrlos kann der andere sagen: „Heute nicht“, ohne dass für den Bedürftigen die Welt zusammenbricht. […]«

Wilhelm Schmid | DIE ZEIT | 10.11.2016 | Sexualität – Einfach machen – In vielen Beziehungen geht irgendwann der Sex verloren. Der Philosoph Wilhelm Schmid hat einen Vorschlag, wie sich das ändern ließe. | http://www.zeit.de/2016/45/sexualitaet-beziehungen-stress-erotik-therapie/komplettansicht

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2 Antworten zu bindungsfördernd – stimmungsaufhellend – wiederstandsfähig – entzündungshemmend – sättigend – lindernd – dämpfend – kreativitätsfördernd – durchblutungsfördernd – regenerationsfördernd

  1. nandalya schreibt:

    Philosophen reden nur über Sex. :D

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