„Wer immer sich durch die Härte und Kälte der Zeitläufe hindurch ein Gewissen gerettet hat, sollte niemals den Betroffenen das als Schuld anrechnen, was ohne die falsche Einrichtung der Gesellschaft nicht möglich wäre.“

» […] Eine menschliche Gesellschaft würde ihr Hauptaugenmerk auf die Schaffung verlässlicher Räume richten, in denen es Kindern möglich wäre, unter Bedingungen raum-zeitlicher Konstanz und leiblicher Anwesenheit ihrer Bezugspersonen ihre „psychische Geburt“ zu vollenden und sich zu Menschen in einer menschlichen Gesellschaft zu entwickeln.
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Vernünftig und im Sinne einer „Ökonomie des ganzen Hauses“ (Oskar Negt) letztlich auch rentabler wäre es, das aberwitzige Tempo der Produktion und des Alltagslebens zu drosseln, allen Menschen anständige, menschenförmige Arbeitsbedingungen zu bieten und ihnen nicht länger zuzumuten, ihr Leben in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression fristen zu müssen.
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So sediert man Babys und Kleinkinder, erstickt ihr Schreien und stellt sie ruhig. Ein paar Jahre später dämpft man ihre motorische Unruhe mit Ritalin und Psychopharmaka. Man bekommt auf diesem Weg ein „braves“, funktionstüchtiges Kind, das aber den Kontakt zu seiner Gefühlswelt verliert und ein „falsches Selbst“ (Winnicott) entwickelt. Die aus dieser Selbstentfremdung resultierenden Gefühle innerer Leere und Sinnlosigkeit werden sodann als „Depression“ diagnostiziert und durch Verschreibung von Antidepressiva bekämpft. Mitunter nehmen mit Medikamenten groß gewordene Menschen die Medikation in eigene Regie und greifen zu harten Drogen oder Alkohol. Sie geraten in einen Teufelskreis, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint.
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Stressbewältigung und Stimmungsaufhellung durch Einnahme psychoaktiver Substanzen ist gang und gäbe.
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Ein Kind muss sich auf seinem Weg in die Welt gestützt und gehalten fühlen, und ein solches Gefühl stellt sich nur unter Bedingungen verlässlicher, leiblicher Anwesenheit der Erziehungspersonen ein. Fehlt es an dieser, wird ein Kind von Angst überschwemmt. Und Angst macht unruhig, raubt den Schlaf und lässt Kinder schreien.
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Erziehen ist strapaziös und fordert die Erwachsenen mit Haut und Haaren. Eltern haben oft nicht den Nerv, sich dem auszusetzen, und ziehen sich aus dem Feld der Erziehung zurück. Sie überlassen ihre Kinder sich selbst und der medialen Dauerbeeinflussung. Man sperrt sie in Kinderzimmer, die überquellen von Spielzeug und elektronischem Gerät. Die Kinder sitzen so lange vor Bildschirmen, bis die Welt für sie einen rechteckigen Rahmen hat und ihre Innenwelt von fragwürdigen Computerspiel-Figuren bevölkert ist. Die wild gewordene Weltzeit dringt in die Kinderzimmer ein und überlagert und zerstört die Zeitmaße, in denen ein Kind heranwächst, also den Zeitrhythmus, der erforderlich ist, um das Sprachvermögen eines Kindes, seine moralische Urteilsbildung und seine sozialen Fähigkeiten zu entwickeln.
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Eltern, die ihren Smartphones mehr Aufmerksamkeit widmen als ihren Kindern, dürfen sich nicht wundern, wenn diese sich aus Verlassenheitsangst und Einsamkeit nächtelang die Seele aus dem Leib schreien.
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„Medikamente sind der Weg des geringsten Aufwands. Für die Mütter ist es ein praktischer Weg. Für die Babys ein brutaler. Es gäbe andere Wege.“
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„Ich bin davon überzeugt, dass der Mensch immer etwas aus dem machen kann, was man aus ihm gemacht hat. Heute würde ich den Begriff der Freiheit folgendermaßen definieren: Freiheit ist jene kleine Bewegung, die aus einem völlig gesellschaftlich bedingten Wesen einen Menschen macht, der nicht in allem das darstellt, was von seinem Bedingtsein herrührt.“
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Mit der Geburt beginnt ein gnadenloses Rattenrennen um Markt- und Lebenschancen, das Eltern veranlasst, ihren Kindern – meist ohne böse Absichten – Sedativa und andere psychoaktive Substanzen zu verabreichen.
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Man geht auf Partys ja nicht, um wirklich Spaß zu haben, sondern um per geposteten Selfies und Nachrichten zu dokumentieren, dass man Spaß hat.
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Der „flexible Mensch“ der sogenannten Informationsgesellschaft kann sein inneres Gleichgewicht und seine Funktionsfähigkeit oft nur mit Hilfe psychoaktiver Substanzen aufrechterhalten. Den Markt, in dessen Zwänge die Menschen eingespannt sind, hat man ihnen so lange als alternativloses Steuerungsinstrument von Wirtschaft und Gesellschaft angepriesen, dass er inzwischen den Status einer zivilen Religion besitzt. Die Dreifaltigkeit, die in der neoliberalen Marktreligion angebetet wird, heißt: Rationalisierung, Privatisierung und Deregulierung. […] «

Götz Eisenberg | NachDenkSeiten | 28.10.2016 | Pharmakologischer Seelenmord | http://www.nachdenkseiten.de/?p=35590

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