Die Entfremdung zwischen Produktion und Konsum. Diese Distanz ist mitverantwortlich für die furchtbaren Verhältnisse in den Mastanlagen und Schlachthäusern.

»[…] Für eine Ernährung ohne tierische Produkte interessieren sich immer mehr Leute, in deutschen Großstädten eröffnen regelmäßig vegane Supermärkte. Es gibt gute Argumente dafür, rein pflanzlich zu essen, sowohl ethische als auch pragmatische. Wir haben uns mit zwei Menschen an einen Tisch gesetzt, die für eine Welt streiten, in der keine Tiere mehr genutzt oder geschlachtet werden. In ihrem Ziel sind sie sich einig, im Weg dorthin nicht.
… | …
Es genügt eben nicht zu sagen: Esst weniger Fleisch. Wir sollten die Menschen auch dazu auffordern, sich mit der Grundsatzfrage auseinanderzusetzen: Wollen wir Tiere weiterhin ausnutzen und als bloße Ware betrachten?
… | …
Ich glaube, dass viele von denen, die sich jetzt als Flexitarier bezeichnen, irgendwann den nächsten Schritt gehen und ganz von Tierprodukten absehen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese Leute feststellen, dass es einfacher und leckerer ist, sich fleischlos zu ernähren, als sie zunächst dachten.
… | …
Dass Tiere leiden, damit wir sie essen können, ist doch die Wahrheit.
… | …
[wir] sollten […] uns vorher im politischen Prozess darauf einigen, dass wir Tierleid überhaupt nicht wollen.
… | …
Das ist eine Reaktion auf die wahrgenommene Entfremdung zwischen Produktion und Konsum. Meiner Meinung nach ist diese Distanz mitverantwortlich für die furchtbaren Verhältnisse in den Mastanlagen und Schlachthäusern.
… | …
Wenn Menschen selbst schlachten müssten, würden sie sehen, was damit alles zusammenhängt. Und vielleicht würden dann viele lieber ganz auf Fleisch verzichten.
… | …
Studien haben gezeigt, dass viele für eine fleischlose Ernährung offen sind, es aber an der Umsetzung hapert. Die wissen teilweise einfach nicht, wo sie die Produkte bekommen und was man daraus alles machen kann.
… | …
die heutige Art der Tiernutzung ist ganz stark kapitalistisch geprägt: Industrialisierung, Intensivtierhaltung, Preisdruck, Wachstumszwang, globale Konkurrenz, billige Futtermittel durch Ausbeutung von Menschen anderswo. Dazu kommt die Verantwortungsverschiebung. Es gibt verschiedene Akteure: Produzenten, Konsumenten, Regierung und jeder dieser Akteure sagt, er sei nicht verantwortlich. Die Produzenten verweisen auf die Nachfrage und darauf, dass legal ist, was sie tun. Die Konsumenten sagen, das steht doch im Supermarktregal. Und die Regierung sagt, sie könne doch unsere Industrie nicht schwächen und subventioniert die Fleisch- und Milchindustrie noch.
… | …
meine Vision ist eine Gesellschaft, in der wir gemeinsam darüber entscheiden, was und wie wir produzieren wollen, und das nicht den Großkonzernen überlassen. Ich denke, dann kämen wir nicht auf die Idee, 40.000 Hühner in einen Stall zu stopfen und in vier Wochen auf Schlachtgewicht zu mästen. Wir würden auch nicht sagen: Lasst uns doch einfach alle männlichen Küken schreddern, weil die nicht so fett werden und keine Eier legen können. Niemand will, dass Tiere leiden, trotzdem gibt es die gigantische Grausamkeit der modernen Tierhaltung. Das lässt sich nur strukturell erklären. Diese Strukturen müssen wir ändern.
… | …
Es gibt nämlich auch große Molkereien, die vegane Produkte herstellen, aber unter einem anderen Namen ins Geschäft bringen. Die wollen die konsequent vegan lebenden Menschen nicht verprellen.
… | …
Sollte man die Agrarwende wirklich mit den Großkonzernen machen? Drei Gründe sprechen aus meiner Sicht gegen Kooperationen wie die mit Rügenwalder. Erstens sind einige der Produkte gar nicht vegan, sondern nur vegetarisch. Dafür werden Eier und Milch benötigt, es leiden und sterben also weiterhin Tiere. Zweitens ist der Umsatz von Fleischprodukten bei Rügenwalder oder Wiesenhof nicht in dem Maß zurückgegangen, wie das vegane Angebot gewachsen ist. Für die ist das also einfach ein Zusatzgeschäft. Und drittens könnten die Großen langfristig kleine Hersteller wie Lord of Tofu oder Taifun verdrängen und damit jene, die es wirklich ernst meinen.
… | …
Das macht den Wechsel doch viel leichter. Die Leute haben sich eben an bestimmte Geschmacks- und Konsistenzmuster gewöhnt – neu ist, dass wir die heute nachhaltig und ethisch korrekt nachbilden können. Warum sollte man ein veganes Schnitzel nicht Schnitzel nennen? Ich finde es sogar noch radikaler, wenn man erkennt, dass Schnitzel oder Wurst nicht mehr aus Fleisch sein müssen.
… | …
Das Schöne ist ja, dass man sowohl egoistisch als auch altruistisch argumentieren kann. Sei es, dass man gesünder lebt und fitter ist. Oder, dass es einfach gut schmeckt. Man kann aber auch gesellschaftlich argumentieren und globale Probleme des Fleischkonsums adressieren, vom Klimawandel über Welthunger bis hin zur Massentierhaltung.
… | …
Ich glaube, dass wir eine vegane Lebensweise auch ohne Revolution hinkriegen.
… | …
Weil Ernährung jeden angeht, man trifft ja mindestens dreimal am Tag die Entscheidung, was man isst. Viele Leute fühlen sich angegriffen, weil sie zumindest ahnen, dass es besser wäre, auf Fleisch zu verzichten. Allein dadurch, dass die vegane Lebensweise thematisiert wird, wird den Fleischessern eine Alternative vor Augen geführt. Man wird also daran erinnert, dass man nicht ganz im Einklang mit seinen Werten lebt, und das führt zu Reibung und eventuell auch zu Frust. […] «

Alexander Krex, Sebastian Joy, Friederike Schmitz | DIE ZEIT | 07.01.2017 | Veganismus: „Man darf sich nicht für Grausamkeit entscheiden können“ | http://www.zeit.de/entdecken/2016-12/veganismus-vegetarische-ernaehrung-lobby-tierrechte-tierhaltung

Sollte sich der Urheber des hier verlinkten und zitierten Artikels durch das Posten dieser Verlinkung oder dem ganz oder teilweisen Zitieren aus dem verlinkten Artikel in seinem Urheberrecht verletzt fühlen, bitte ich um einen kurzen Kommentar und einen Beleg der Urheberschaft. Das Beanstandete wird dann unverzüglich entfernt. | Eventuelle Werbung in optischer Nähe zu diesem Artikel stammt nicht von mir, sondern vom Social-Media-Hoster. Ich sehe diese Werbung nicht und bin nicht am Verdienst oder Gewinn beteiligt.

Advertisements

4 Gedanken zu “Die Entfremdung zwischen Produktion und Konsum. Diese Distanz ist mitverantwortlich für die furchtbaren Verhältnisse in den Mastanlagen und Schlachthäusern.

  1. Wie auch immer, wir als Oberprimaten leben von anderen Lebewesen (pflanzlich oder tierlich), es geht gar nicht anders. Nur Pflanzen sind in der Lage sich selbst zu versorgen durch Photosynthese (quasi von Luft und Liebe, plus Nährstoffe aus dem Boden). Und auch Pflanzen haben ein Bewußtsein und Intelligenz, denn sie leben schon ein paar Millionen Jahre länger wie wir Humanoiden auf diesem Planeten, und wir könnten auch viel von ihnen lernen. Dazu empfehle ich folgendes Buch „Die Intelligenz der Pflanzen von Stefano Mancuso / Alessandro Viola“.

    Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.