Die nicht aufzuhaltenden Migrationsströme werden unsere im Überfluss lebenden Gesellschaften verändern, ärmer machen. Eine Chance.

» […] Wenn heute noch ein Politiker von Vollbeschäftigung spricht, dann läuft er dem Zug weit hinterher. Wir müssen ganz neue Ideen finden.
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Heute müssen wir die neuen sozialen Bewegungen noch schaffen. Das Establishment betreibt immer noch Politik fürs 20. Jahrhundert und trägt den Problemen des 21. Jahrhunderts keine Rechnung.
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Wenn man, wie ich, alt werden, gesund bleiben und nicht mitten in der Nacht von der Geheimpolizei aus dem Bett gerissen werden will, dann sind westliche Werte die besten. Da gibt es Studien darüber: Wir leben länger, sind höher gebildet. Aber man kann fragen: Wie wichtig sind Ideen wie Männlichkeit, Weiblichkeit, Stolz oder Glaube? Das kann zu radikal anderen Werten führen. Und darüber ist sehr schwer zu urteilen.
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Es geht darum, konstruktiv zu reagieren. Zum Beispiel durch kleine Einschränkungen unserer enorm viel Müll produzierenden Leben.
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es gibt Probleme, die haben keine Lösung.
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Wir wollen uns umgeben mit Selbstschussanlagen und Minenfeldern und weiter bei Cartier einkaufen. Das wäre der moralische Bankrott des Westens.
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Die Nettomigration aus Mexiko in die USA lag in den letzten zehn Jahren bei null. Die meisten illegalen Einwanderer schleichen nicht über die Grenze, sondern nehmen ein Flugzeug und lassen ihr Visum auslaufen.
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Dabei kontrollieren Staaten heute nicht einmal mehr den Wert ihrer eigenen Währung. Unsere Pensionsfonds in 30 Jahren? Wir wissen nicht, was unser Land und unser Geld dann wert sein werden. Wir haben als Einzelstaat keine Möglichkeit, Terrorismus, Migration, Klimawandel oder internationale Finanzströme zu kontrollieren. Nur Länder wie die USA oder China können ernsthaft von nationaler Souveränität sprechen. Deswegen brauchen wir eine europäische Gemeinschaft. Ob sie so aussehen muss wie die EU heute, weiss ich nicht. Sie sollte demokratischer sein, transparenter. Aber nationale Grenzen sind illusorisch.
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Schauen Sie Russland an: Es geht dem Land wirtschaftlich schlecht. Aber wenn man spirituell stolz darauf sein kann, jemand zu sein, so ist das vielleicht nicht mehr so wichtig.
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Der autoritäre Traum ist eine Antwort auf ein grundlegendes Dilemma des modernen Denkens. Die Moderne gibt uns enorme Freiheiten, Gestaltungsmöglichkeiten, doch sie entwurzelt uns damit auch. Sie mutet uns zu, uns selbst zu konstruieren. Und das ist schwierig, unbefriedigend, weil wir dann immer aus Kompromissen und Versatzstücken bestehen, wie ein kubistisches Gemälde. Wir haben nie diese tiefe metaphysische Ganzheit, nach der wir uns alle zu sehnen scheinen. Von dieser Anstrengung erlöst der autoritäre Traum. Jemand sagt: Du bist so. Vergiss es nie.
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Ich stelle nur fest, dass sich der Mensch als Spezies kaum geändert hat. Er reagiert auf Gefahr wie andere Tiere auch. Traumatisierung führt eben nicht dazu, dass wir Dinge besser machen, sondern dass wir sie anders machen.
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Heute wird wieder gefragt: «Was soll eigentlich Demokratie? Brauchen wir Menschenrechte wirklich? Sind Menschen anderer Rasse wirklich so wertvoll wie wir?»
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Das Trauma des Krieges hält ungefähr zwei Generationen an.
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«Menschenrechte sind genauso fiktiv wie jede Religion.» Es gibt Gesellschaften wie China, die hervorragend ohne Menschenrechte leben. Hunderte von Millionen Menschen wurden in China von der Armut befreit. Wir sind aufgewachsen mit der Idee von Freiheit und Menschenrechten und meinen, die Menschenrechte gehörten zur Natur wie die Schwerkraft. Aber sie sind ein Luxus, ein Traum, der nur so lange besteht, wie wir ihn auch verteidigen. Als Grundlage politischen Handelns ist dieser Traum bloss 80 Jahre alt.
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Die Verlierer und diejenigen, die sich fürchten vor Verlust. Die Anhänger der AfD sind ja keine armen Menschen. Das sind die Lehrer und Ingenieure, die ihre Pension haben und nichts abgeben wollen.
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Die Produktivität wird verbessert, indem man weniger Menschen einstellt. Dabei sind wir immer noch von der zutiefst protestantischen Idee geprägt, dass wir nur einen Wert haben, wenn wir unseren eigenen Lebensunterhalt verdienen.
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ln 30 Jahren wird die Hälfte der Menschen keinen Job mehr haben. Die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen in der Schweiz ist eine intelligente Antwort darauf. Bereits heute hat die Wirtschaft für viele keinen Bedarf mehr. Das ist «menschlicher Überschuss».
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Die Migrationsströme sind aber nicht aufzuhalten. Unsere Gesellschaften werden sich dadurch verändern. Sie werden wohl ärmer werden. Was nicht unbedingt schlecht ist; wir haben viel zu viel.
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Angela Merkels ursprünglicher Ansatz in der Flüchtlingspolitik war intelligent: Sie hat erkannt, dass es darum geht, das Flüchtlingsproblem anzupacken. Als sie keinen politischen Rückhalt fand, begann sie den türkischen Präsidenten Erdogan dafür zu bezahlen, dass er uns die Flüchtlinge vom Leib hält – egal wie.
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Grosse Gebiete werden versteppen, Städte im Ozean verschwinden, und die Migration Richtung Norden wird zunehmen. Die Flüchtlinge sind ein Symptom dieser Veränderung. Ich glaube nicht, dass wir schon genug darüber nachdenken.
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Das ist in der Kleinen Eiszeit passiert: Europa hat sich verändert, den Kapitalismus erfunden. Diese Veränderung hat einen Ausweg aus der Krise gezeigt. Heute sind wir auch in einer Periode des Klimawandels. Aber mit Wirtschaftswachstum wird man die Krise nicht mehr bewältigen können. […] «

Philipp Blom, David Hesse, Bernhard Ott | Tages Anzeiger | 06.05.2016 | «Wir werden ärmer werden» – Der Historiker Philipp Blom hat sich mit den Jahren vor den beiden Weltkriegen befasst. Heute, sagt er, stünden Europa grosse Umwälzungen bevor. | http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/wir-werden-aermer-werden/story/19957381

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2 Antworten zu Die nicht aufzuhaltenden Migrationsströme werden unsere im Überfluss lebenden Gesellschaften verändern, ärmer machen. Eine Chance.

  1. nandalya schreibt:

    „Die Migrationsströme sind aber nicht aufzuhalten.“ Doch. Wenn die Finanzeliten damit aufhörten z. B. Afrika auszubluten und dort wirkliche Hilfe leisteten, es gäbe kaum Migranten.

    „Unsere Gesellschaften werden sich dadurch verändern. Sie werden wohl ärmer werden. Was nicht unbedingt schlecht ist; wir haben viel zu viel.“ Falsch. Primär wird es die Ärmsten der Armen treffen, die dann entweder auf der Strecke bleiben oder aufbegehren. Die Finanzeliten interessiert das nicht, die sind dann längst weg.

    „Angela Merkels ursprünglicher Ansatz in der Flüchtlingspolitik war intelligent:“ Nein.

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