„Das Bild des blauen Tropfens vor der Schwärze des scheinbar leeren Weltraums macht zum einen die globalen wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen begreifbar und bedeutet zum anderen einen Appell an global-gemeinschaftliche Verantwortung.“

»[…] Die Besiedlung des Mars wäre so Ausdruck des menschlichen Wesens, welches sich stets neu erfindet, nie mit dem Erreichten zufrieden gibt und dessen Rastlosigkeit sich nur in den unendlichen Weiten des Alls verwirklichen lässt. Doch wenn dies zum Preis eines zerstörten Heimatplaneten geschähe, welcher ausgebeutet, verseucht und im ökologischen Chaos zurückgelassen würde; als auch dem weniger privilegierten Teil der Menschheit aufgrund von militärischen Konflikten, existenzbedrohender Armut und Hunger sowie systematischer Ausgrenzung der Zugang zu den Sternen strukturell verwehrt bliebe, dann wäre dieser kosmische Schritt keiner zu einem höheren Dasein, sondern würde nur eine tragische Selbsterniedrigung der menschlichen Spezies bedeuten.
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Die Menschheit drängt es aus der Begrenztheit irdischen Daseins hinaus in die Weite des Alls, wobei ihr nachhaltiges Ausgreifen nach dem roten Planeten, wohl die erste Etappe auf dem Weg in eine interplanetare Zukunft des homo sapiens wäre.
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So stellen Muskelatrophie, verminderte Knochendichte, Durchblutungsstörungen und erhöhte Strahlenbelastung nur einige der physischen Probleme bei längeren Aufenthalten im All dar, wobei die sensorische Deprivation auf beengtem Raum auch zu Stimmungsschwankungen, Angst, Depression, Misstrauen und Schlafproblemen als psychische Begleiterscheinungen von Langzeitmissionen führen können.
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Die eigene Zukunft nur auf den roten Planeten zu setzen und sich die Rückkehr zum Heimatplaneten zu versagen, ist aus einem erdgebundenen Alltagsverständnis heraus nicht nachvollziehbar.
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Tatsächlich gibt es sowohl im Wesen des Menschen selbst eine Disposition, die Grenzen der Erde zu überwinden, als auch dominierende gesellschaftliche Rahmenfaktoren, die diese Veranlagung noch befördern:
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Dem Menschen ist schon immer das Moment der Selbstüberwindung und Grenzüberschreitung zu Eigen gewesen. Aufgrund seines strukturell unstillbaren Verlangens nach „mehr…“, welches seiner überbordenden Triebstruktur entspringt, bedarf der Mensch immer neuer Projektionsflächen, auf die sich sein Sehnen richten kann.
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Neben wirtschaftlichen Aspekten könnte das All aber auch aus politischem Gesichtspunkten interessant werden.
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Angesichts exponentiell wachsender Bevölkerungsentwicklungen und der Überschreitung der 10 Mrd. Grenze für die 2050er wird die Frage nach irdischer Grenzauslastung und Überlastung immer drängender. Wenn der gegenwärtigen Entwicklung nicht Einhalt geboten wird, erscheint die Besiedlung anderer Planeten zur Vermeidung des globalen Kollapses unabdingbar. Aber auch um anderen Umwelt-, pandemischen oder atomaren Katastrophen vorzubeugen, wird eine langfristige Verbreitung der menschlichen Spezies im Sinne der Arterhaltung diskutiert.
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Die Urbanisierung einst lebensfeindlicher Regionen liegt in der Natur des Menschen und die Kolonialisierung des Weltraums sowie anderer Himmelskörper ist dabei nur die strukturlogische Ausweitung menschlichen Kultivierungsvermögens.
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Die Utopie, ganze Planeten oder Monde erdähnlich umzugestalten, stellt dabei die Spitze menschlicher Schöpfungsmacht dar.
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Im Sinne menschlicher Evolution wäre ein Verlassen der Erde und die Anpassung an sowie die Veränderung von kosmischer Umwelt vielleicht der nächste notwendige Entwicklungsschritt der Spezies homo sapiens.
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Das Vordringen in den Weltraum ist aber auch stets von einer Ungewissheit begleitet: Sind wir die Einzigen da draußen?
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Die gefundenen Planeten, welche in der habitablen Zone angesiedelt sind, also in einem Bereich in welchem flüssiges Wasser existieren könnte und somit erdähnliches Leben möglich wäre, nimmt dabei ständig zu.
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Doch was dem Aufbruch ins All unmittelbar vorausgeht, ist immer die Vorstellung davon.
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Der astronautischen Abnabelung von seinem Heimatplaneten geht eine geistige Abnabelung voraus.
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Und nicht selten erweisen sich diese Ideen menschlichen Kontakts mit dem „maximal Fremden“ als tragische self-fulfilling-prophecy, wie die interkulturellen Kontakte in der irdischen Vergangenheit aufgezeigt haben (z.B. das Zusammentreffen zwischen europäischen Siedlern und der ursprünglichen amerikanischen Bevölkerung).
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In der Absage an die rein irdische Existenz zeigt sich auch die Neigung, die Sicherheit gewohnter Daseinsstrukturen aufzugeben und der Drang, die eigenen (planetaren) Grenzen stets neu zu ziehen.
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Das Riskieren der eigenen Existenz, das Leben selbst aufs Spiel zu setzen, ist eine der grundlegendsten Differenzen zu den anderen Lebensformen des Planeten.
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In der Raumfahrt manifestiert sich die Veranlagung, selbst grundlegendste Gewissheiten zu hinterfragen, Mensch und Erde zur Disposition zu stellen und sich selbst im a-topischen Weltraum neu zu definieren.«

Justus Pötzsch | Telepolis | 20.11.2016 | Wettlauf zum Mars | https://www.heise.de/tp/features/Wettlauf-zum-Mars-3485544.html?view=print

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6 Gedanken zu “„Das Bild des blauen Tropfens vor der Schwärze des scheinbar leeren Weltraums macht zum einen die globalen wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen begreifbar und bedeutet zum anderen einen Appell an global-gemeinschaftliche Verantwortung.“

  1. Leider investiert die Menschheit lieber in die Rüstung, um sich gegenseitig den Garaus zu machen. Auf dem Mars, oder anderswo, wäre das kaum besser. Dort würden sich dann vermutlich Nord- gegen Südmarsianer erheben.

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