„Zu mir kommen die Leute mit ihrem Ehemüll und bitten mich, den zu trennen. Das mache ich, so gut es geht. Ich habe das Gefühl, einer sehr sinnvollen Tätigkeit nachzugehen.“

»Als renommierte Scheidungsanwältin blickt Helene Klaar regelmäßig in Abgründe ehelicher Gemeinheit – und klagt über einen Verhaltenszug, der sie vor allem bei den Frauen frustriert.
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Ich habe ja selbst zwei Kinder. Das erste Kind war schwierig und anstrengend. Wenn Besuch kam, hat einer von uns das brüllende Kind herumgetragen, der andere hat die Gäste charmant unterhalten. Als wir zwei Kinder hatten, ist jeder in einem Zimmer verschwunden, und die Gäste haben nicht mehr gewusst, warum sie da sind. Nach kurzer Zeit hatten wir einen neuen Freundeskreis: Leute, die auch brüllende Bälger hatten. Mit anderen Menschen kann man nicht verkehren in dieser Phase.
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Ich bin überzeugt, dass die 40-Stunden-Woche viel dazu beiträgt, dass die Menschen unzufrieden sind. Man kann nicht 40 Stunden arbeiten und daneben einen Haushalt führen und die Kinder unterhalten.
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Man ist am Abend müde und geschafft, kocht das Nötigste und lässt die Unordnung Unordnung sein. Wer das nicht aushält, sondern aufräumt und bügelt, ist danach zu müde für Sex.
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Meistens war die Ehe schon lange nicht gut, und sie fürchten sich davor, zusammen allein zu sein.
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Für Frauen ist die Scheidung meistens ein existenzielles Problem, für einen Mann ein finanzielles.
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Wenn man wirklich wollte, dass Frauen dem Arbeitsmarkt erhalten bleiben, müsste man die Unterhaltsansprüche erhöhen und nicht abschaffen. Wenn es für den Mann nach der Trennung teuer wird, weil sie nicht erwerbstätig ist, wird er sagen, ich bringe die Kinder in den Kindergarten, und du arbeitest weiter.
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Der Wunsch, den Widrigkeiten des Lebens zu zweit zu begegnen, einen Menschen zu haben, der zu einem hält und einen nie verlässt. Das ist verständlich und dem Menschen eingepflanzt. Außerdem ist die Ehe eine ökonomische Angelegenheit. Man braucht nur eine Wohnung, eine Waschmaschine, ein Auto.
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Wenn man hungert und friert, finde ich nicht so wichtig, ob die Liebe noch so ist wie am ersten Tag. Ich bekenne mich dazu, nicht der Meinung zu sein, dass nur eine Ehe erhaltenswert ist, die perfekt glücklich ist. Ich wehre mehr Scheidungen ab, als ich aktiv betreibe. Viele der Frauen, die zu mir kommen, denken, wenn er mich nicht mehr will, was bleibt mir anderes übrig als die Scheidung? Sie freuen sich, wenn ich sage, sie müssen das nicht wollen.
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Sie schrieb der Geliebten des Mannes: Wissen Sie, dass mein Mann jederzeit die Scheidung beantragen könnte? Wollen Sie ihm nicht Dampf machen?
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Die meisten Eheverträge werden auf Wunsch des gut verdienenden Mannes geschlossen und sind Verzichtserklärungen von Frauen.
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Es ist keine Voraussetzung, dass Menschen sich in Liebe verbinden müssen. Man hat doch nicht geheiratet, weil man sich liebt.
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Aber Geschäftsgrundlage der Ehe ist die Liebe nicht.
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Die umfassende Lebensgemeinschaft impliziert den Anspruch »auf den wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtsorgane«.
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Einmal Nein zu sagen ist sicher kein Scheidungsgrund. Aber die regelmäßige und grundlose Verweigerung des ehelichen Verkehrs ist einer.
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Aber ich habe Klienten, die zehn, zwölf Jahre keinen ehelichen Verkehr hatten.
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Gerade die, die sehr verliebt waren und eine sehr innige sexuelle Beziehung hatten, sind nachher besonders bösartig zueinander.
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Das ist schrecklich, weil man damit die ganze Vergangenheit entwertet.
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Die Menschen sind hormongesteuert und blicken in Richtung Fortpflanzung. Da gefallen ihnen Dinge am anderen Geschlecht, die ihnen nicht mehr gefallen, wenn die Fortpflanzung abgeschlossen ist.«

Helene Klaar , Gabriela Herpell | Süddeutsche Zeitung Magazin | 18.03.2017 | »Im Gesetz steht von Liebe kein Wort« | http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/44191/Im-Gesetz-steht-von-Liebe-kein-Wort

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