Wir brauchen eine Ökonmie des Glücks.

»[…] Dagegen müssen wir einen anderen, einen wirklichen »Wärmestrom« setzen. Kälte- und Wärmeströme entspringen dem Zentrum der Gesellschaft; was an den Rändern passiert, ist davon abgeleitet. Deswegen benötigen wir eine solidarische Ökonomie, eine »Ökonomie des Glücks« (Pierre Bourdieu), deren Ziel nicht der Profit, sondern die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse ist. Auf ihrer Basis könnte eine Gesellschaft entstehen, die ihre soziale Integration und den zwischenmenschlichen Verkehr auf Formen solidarischer Kooperation und gelebter Mitmenschlichkeit gründet, statt auf einer letztlich a-sozialen Vergesellschaftung durch Markt und Geld. Wir sind noch keine vollständigen Menschen, wir sind von der Klassengesellschaft niedergedrückte und verstümmelte Noch-nicht-Menschen. Im besten Fall sind wir Wesen, die sich mühen, zu menschlichen Beziehungen zu gelangen. Wenn eine zur Vernunft gekommene Menschheit eines Tages Warenproduktion und Geld abgeschafft und eine Ökonomie eingeführt haben wird, die sich an sinnlichen Bedürfnissen und ökologischen Verträglichkeitskriterien orientiert, könnte es sein, dass Menschen wahrhaft menschliche Züge annehmen und sich füreinander interessieren. Niemand müsste dann einen einsamen Tod zwischen Geldautomaten sterben.
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Ein krasser Fall von unterlassener Hilfeleistung: Mehrere Bankkunden ignorierten einen am Nachmittag des 3. Oktober im Vorraum einer Essener Bank ­zusammengebrochenen 82jährigen Mann
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Der Stand des moralischen Bewusstseins zeigt sich im Verhältnis zum anderen, zu den Mitmenschen. Im Foyer der Essener Bank traten eine zwischenmenschliche Gleichgültigkeit und Mitleidlosigkeit in Erscheinung, die auf einen rapiden Schwund an Moral schließen lassen.
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Ihre Mitleidlosigkeit ist die Mitleidlosigkeit aller – die Mitleidlosigkeit einer Gesellschaft, deren einziger kategorischer Imperativ die private Nutzenmaximierung und Bereicherung ist. Alles andere ist bloß Gerede und Vernebelung.
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In den vom Neoliberalismus beherrschten zurückliegenden Jahrzehnten haben wir uns offenbar an den Anblick von auf der Straße, auf Parkbänken und in Hauseingängen liegenden Menschen gewöhnt. Man steigt beim Champagnerkauf über Bettler hinweg. Die Jahre im arktischen Klima des entfesselten Marktes haben die Menschen selbst eisig werden lassen und abgestumpft. Der Anblick eines am Boden liegenden Menschen löst kein Mitgefühl mehr aus, und schon gar keinen Impuls, tätig zu werden und zu helfen. Mitleid und Hilfeleistung gelten als Eigenschaften von »Gutmenschen« und als »Sozialklimbim«.
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Niemand will Verantwortung übernehmen, jeder verlässt sich darauf, dass irgendein anderer schon etwas unternehmen wird. Niemand will etwas falsch machen. Selber in die Bresche zu springen und Hilfe zu leisten, ist aus unserem Verhaltensrepertoire offenbar verschwunden.
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Die Abstraktion vom Gebrauchswert und die Reduktion auf den Tauschwert verwandelt auch die Tauschenden selbst in einander gleich geltende und gegeneinander gleichgültige Waren- und Geldsubjekte. Die Menschen werden zynisch-pragmatische Tauschmaschinen, deren Verkehr untereinander von störenden Gefühlsbeimengungen gereinigt wird. Sie sind »abgehärtet« im physischen und im psychologischen Sinn. Ihre Kälte ist eines ihrer prägnantesten Merkmale – kalt fremdem Leiden, aber auch sich selbst gegenüber. Aus der Härte gegen sich selbst leiten sie die Berechtigung ab, hart gegen andere sein zu dürfen.
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Mit der Universalisierung der Warenform, die sich in der Gegenwart vollzieht, fressen sich Indifferenz und Kälte durch alle Schichten des Gesellschaftsbaus und dringen bis in die letzten Poren des Alltagslebens und die intimen Binnenwelten vor. Unter unseren Augen entsteht ein durch und durch kapitalistischer Menschentyp, der zur Einfühlung in andere unfähig und dessen Innenwelt eine einzige Gletscherlandschaft ist. Was heute noch als »Psychopathie« diagnostiziert und pathologisiert wird, droht, wenn sich die Verhältnisse nicht grundlegend ändern, in einer nicht allzu fernen Zukunft zur Normalität und zum hegemonialen Sozialcharakter zu werden.
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Gegenwärtig werden im Namen von Mobilität und Flexibilität die Bedingungen der Sozialisation der Neugeborenen und Heranwachsenden radikal verändert und zerstört. Die Kinder sind von Apparaten und Bildmaschinen umgeben, eine Gerätesozialisation löst die Erziehung durch lebendige und leiblich anwesende Bezugspersonen ab. Die Kinder stürzen aus dem Mutterleib direkt in die Gesellschaft des losgelassenen Marktes, ohne dass ein familiärer Airbag den Aufprall abfedert. Was nach außen noch wie eine Familie aussieht, ist im Innern oft bereits eine einzige Szenerie von Indifferenz und Kälte, das bloße Nebeneinander von Einsamkeiten. Was für psychische Strukturen bilden sich unter diesen Bedingungen aus, woran soll sich das Selbstwertgefühl der Kinder entwickeln?
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Noch sind die Herzen vieler Menschen nicht komplett versteinert, noch existieren Mitgefühl und Solidarität, wie zum Beispiel das Engagement für die Geflüchteten und in anderen gesellschaftlichen Feldern zeigt.
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Die Eigenschaften und Fähigkeiten, die wir für die eigentlich menschlichen halten, bedürfen der äußeren Stützung. Auch und gerade aus diesem Grund brauchen wir, solange wir unter kapitalistischen Bedingungen leben, einen voll entfalteten und handlungsfähigen Sozialstaat.
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Es macht einen nicht zu unterschätzenden Unterschied, ob man in einer Gesellschaft aufwächst und lebt, in der Schwachen und weniger Leistungsfähigen solidarisch beigesprungen und unter die Arme gegriffen wird, oder in einer, in der sie der Verelendung preisgegeben und als sogenannte Loser zu Objekten von Hohn und Spott werden. Der Andere, der Mitmensch, wird unter solchen Bedingungen zum feindlichen Konkurrenten, zum Überzähligen, schließlich zum Gegen- oder Nicht-Mensch, dem jede Einfühlung verweigert und Unterstützung aufgekündigt wird. Man gewöhnt sich daran, dass das Glück der einen mit dem Leid der anderen zusammen existiert: Glück ist, wenn der Pfeil den Nebenmann trifft.
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Es geht darum, die gebrauchswertorientierten Prozesse, die das Kapital niemals wirklich unter sich hat begraben können, zu stärken. Wir müssen uns auf das beziehen, was das Kapitalprinzip den Menschen antut, und verhindern, dass die noch verbliebenen menschlichen Regungen den Kältetod sterben. In Krisenzeiten wachsen Gleichgültigkeit und Kälte umso nachdrücklicher, je verdunkelter die Perspektiven der Krisenlösung sind.«
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Götz Eisenberg | junge Welt | 12.11.2016 | Die Versteinerung der Herzen – Die sich in immer mehr Lebensbereiche ausbreitende Logik des Kapitalismus schafft einen psychopathischen Sozialcharakter. Über den Ursprung und die Ausbreitung sozialer Kälte | https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/artikel/297195.die-versteinerung-der-herzen.html
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