„Da finde ich es illegitim, dann auch noch zu erben.“

»[…] Götz Werner verwechselt Liebe nicht mit Geld. Er hat auch verstanden, dass Eigentum verpflichtet, so wie es in unserem Grundgesetz steht. Und er hat verstanden, dass Erben kein Schicksal ist, das der Mensch auf sich nimmt. Es ist bloß Geld, und der Reiche kann es – nicht nur durch staatlichen Zwang, sondern vor allem durch eigene Einsicht – für die Zukunft vieler sinnvoll verwenden. Wenn er bloß will. Es wird Zeit, das Schweigen zu brechen. Lasst uns über das Erben streiten! Alle gemeinsam.
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Sie vermuten zwischen 63 und 74 Prozent des Privatvermögens bei den reichsten zehn Prozent.
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„Alle um mich herum kaufen Wohnungen oder Häuser“, staunte einer meiner besten Freunde. „Für 400.000 Euro. Für 600.000. Wie machen sie das?“ Mein Freund hat eine gute Stelle. Oft arbeitet er sechzig Stunden in der Woche. Doch jetzt ahnt er: Wenn man wie er – und wie ich auch – keine große Erbschaft erwarten kann, wird man nie gleichziehen. „Egal, wie viel wir arbeiten“, sagt er.
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Seit die Vermögensteuer nicht mehr erhoben wird, hat auch der Staat keine verlässlichen Daten mehr zum Reichtum seiner Bürger.
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„Ich finde erben ungerecht und undemokratisch“, sagt sie. „Man wird, wie ich, in eine Familie hineingeboren, in der sowieso schon viel Geld da ist. Man kriegt, wie ich, ein Studium finanziert und hat dann alle Möglichkeiten. Da finde ich es illegitim, dann auch noch zu erben.“
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Arbeit und Konsum werden hoch besteuert. Das heißt, dass vor allem die Menschen für die Gemeinschaft bezahlen, die etwas ersinnen und erschaffen. Nicht diejenigen, die viel besitzen. 1998 wurde die Vermögensteuer ausgesetzt. 2009 wurden dann die Abgaben auf Kapitalerträge bei 25 Prozent gedeckelt. Mit Folgen: Das Kräfteverhältnis zwischen Arbeit und Vermögen verschiebt sich. Im Jahr 1975 machten Kapitalerträge in Deutschland nur 18 Prozent des Volkseinkommens aus. Das allermeiste wurde erarbeitet.
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Die Hälfte der Deutschen besitzt weniger als 16.000 Euro.
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Elf Milliarden Euro Steuereinnahmen seien dem Staat durch die Verschonung der Firmenerben im Jahr 2013 entgangen. Nur fünf Prozent aller Erben zahlten überhaupt Steuern.
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Demnach hält Deutschland weltweit den zweiten Platz als Standort für Multimillionäre. Deren Vermögen stieg binnen eines Jahres um zehn Prozent, und unter ihnen sind überdurchschnittlich viele Erben.
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Ab welcher Summe verdirbt Geld den Charakter eines Kindes?
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Der Erbe, der von frühester Kindheit an wisse, dass er einmal genug bekommen werde, um davon zu leben, drohe „ein Müßiggänger, Verschwender und Taugenichts zu werden“
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„Die Eltern, die ihrem Sohn enorme Reichtümer hinterlassen“, schrieb er, „töten seine Talente und seine Energie und verführen ihn dazu, ein weniger nützliches und weniger wertvolles Leben zu führen, als er es sonst tun könnte.“
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Wer Vermögen von seinen Eltern hat, kümmert sich in erster Linie darum, wie er es erhalten kann. Und nicht darum, wie er damit produktiv tätig wird. Schon jetzt, sagt Bönke, sei die Hälfte des Vermögens der 40- bis 45-Jährigen ererbt.
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Früher, in vormodernen Gesellschaften, sei jedem klar gewesen, dass der, der reich sein will, erben oder vermögend heiraten muss. Und heute? Sei es wieder so, sagt Piketty.
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Den Erben selbst erscheinen diese Aussichten auch düster. Noch die zutiefst Dankbaren, die ich traf, betonen, dass sie ihr Leben lieber aus eigener Kraft bestritten. Manche Erben erzählen, wie schwer es sein kann, als Erbe weiter unter Nichterben zu leben, und dass das Vermögen die Reichen zueinandertreibe: in Ghettos und Parallelwelten. Andere berichten, wie aus Geschwistern unversöhnliche Prozessparteien wurden. Und wie schwer es für einen Erben sein kann, aus dem Schatten der Alten zu treten.
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Wird die Masse der Nichterben revoltieren, wenn sie begriffen hat, worauf der Reichtum der anderen gründet?
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Je tiefer die Kluft zwischen Arm und Reich ist, desto unzufriedener sind die Bürger mit der Demokratie, desto weniger vertrauen sie den politischen Institutionen, desto niedriger ist die Wahlbeteiligung.
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Stets nehme der Hass auf Fremde zu und die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Die Zahl der Frustrierten und Wütenden wird steigen, wenn das Aufstiegsversprechen unglaubwürdig geworden ist. Wird also die Erbengesellschaft eines Tages im großen Knall einer Revolte auseinanderbrechen?
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Die wachsende Ungleichheit wirke wie ein „geruchloses Gas“, das das Fundament des Zusammenlebens zersetze.
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„In ungleichen Gesellschaften herrscht weniger Vertrauen, weniger sozialer Zusammenhalt.“ Die Mehrheit sei getrieben von Statusangst. Möglicherweise also werden die Abgehängten in der Erbengesellschaft gar nicht auf die Straße gehen, sondern sich – wie in den Hungerspielen von Panem – noch verbissener in den Konkurrenzkampf stürzen, die Ellenbogen ausfahren und ihr Dasein als Dauerwettbewerb begreifen.
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Es ist die traurigste Vision einer Erbengesellschaft: eine Jugend, die von den Alten geliebt und ernährt wird, aber ohne die schützende und fütternde Hand lebensunfähig ist. Ist das auch unsere Zukunft?
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„Mir ist klar geworden, dass Erbschaft für eine Familie auch Tragik sein kann, wenn sie das Leben der Erben determiniert.“ Die Firma, sagt er, sei seine Berufung gewesen, nicht die seiner Kinder. „Ich wollte ihnen nicht eine Bürde hinterlassen, die verhindert, dass sie ihren eigenen Weg finden und beschreiten können.“ […]«

Julia Friedrichs | DIE ZEIT | 18.03.2015 | Erben – Eine Klasse für sich | http://www.zeit.de/zeit-magazin/2015/11/erben-erbschaftssteuer-demokratie-gerechtigkeit/komplettansicht

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