„Auch Armut und Ausgrenzung sind Gewalt!“

»[…] Die Menschen sind im Kalkül des Kapitals und seiner politischen Repräsentanten eine zu vernachlässigende Größe. Sie spielen einfach keine Rolle. Sie haben keine Rechte und keine Gefühle. Ihr Leben, das Leben von Millionen, taucht in keiner strategischen Planung als relevantes Entscheidungskriterium auf. Konsequenterweise wird an die Überlebenden bevorzugt in Kategorien ihrer Beherrschbarkeit und Ausbeutbarkeit gedacht. Während es jedem einleuchtet, dass eine Gemeinschaft langfristig nur auf der Basis von Gleichheit, Empathie und Solidarität funktionieren kann, ist diese Einsicht der Politik in einem neoliberal organisierten Land fremd, sie ist sogar kontraproduktiv.
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Und offensichtlich lässt sich jeder Anschlag, jeder Amoklauf gut für politische Ziele oder zur Ablenkung von gravierenden gesellschaftlichen Problemen nutzen.
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Als hasserfüllte Jugendliche unter johlender Zustimmung von Zuschauern in Hoyerswerda und Rostock Jagd auf Asylbewerber machten und ihre Heime in Brand setzten, reagierte die Politik rasch: nicht mit der Bekämpfung von Rassismus, sondern mit der faktischen Abschaffung des Grundrechts auf Asyl.
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Die Energie, die Attentäter antreibt, ist ein menschenverachtender Hass, der stärker ist als der Lebenswille. Hass erwächst aus dem Gefühl von Ausgeliefertsein und Demütigung. Als Gewalt entlädt er sich, wenn damit Handlungsfähigkeit und Bedeutsamkeit erlangt werden können und wenn Gewalt als Problemlösung – auch Armut und Ausgrenzung sind Gewalt! – politisch und kulturell hoch in Kurs stehen. Je weniger gangbare Wege und legitime Möglichkeiten für Problembewältigung bestehen, desto irrationaler und destruktiver wird die Gegenwehr ausfallen.
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Was Terror ist, definiert die herrschende Elite.
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Ein Wechsel der Perspektive zeigt: Wir, die „westliche Wertegemeinschaft“, reagieren nicht auf Terror, wir produzieren ihn.
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Lügen zur Begründung der Kriege gegenüber der Bevölkerung, rabiate Durchsetzung wirtschaftlicher und strategischer Interessen der „westlichen Wertegemeinschaft“ und die entsetzliche Zerstörung der Länder mit Bergen von Toten. Was tut das alles den Lebenden an?
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Zum Menschsein gehört existenziell das Bedürfnis nach Anerkennung, Wertschätzung, Selbstbestimmung. Deshalb ist jede Form von Ausbeutung, Unterdrückung, Besatzung fremder Territorien Gewalt. Sie führt zwar nicht unmittelbar zu Auflehnung oder zu organisiertem Widerstand. Viel häufiger folgt Resignation und Apathie, oder aber eine irrationale Reaktion, die nicht die Ursachen bekämpft, sondern Projektionsflächen etwa religiöser Art oder Sündenböcke sucht.
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Sie verkünden den „totalen Krieg“ gegen den IS und für Sicherheit und treiben damit die Eskalation voran.
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Die Angst nach den Attentaten wird vielmehr genutzt, um gesetzliche Grundlagen für das Aushebeln demokratischer Rechte zu schaffen: Ein „Integrationsgesetz“ wird verabschiedet, das nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Menschenrechte grund- und menschenrechtswidrig ist. Bundesinnenminister de Maizière legt Pläne für weitere Sicherheitsgesetze vor, die ganz gewiss nicht Attentate und Amokläufe verhindern, sondern den autoritären Staat befördern. All die hektischen Aktivitäten richten sich übrigens nicht gegen die Zunahme von Gewalt und Terror deutscher Rassisten gegen Flüchtlinge.
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Egoismus und Gewalt (oder Ausbeutung und militärische Expansion) schaffen Hass und müssen verhindert werden. Menschen sind nicht von Natur aus gut oder schlecht; was sie denken und fühlen und tun, zu welchen Mitteln sie dabei greifen, ist sehr stark dadurch geprägt, ob sie Mitgefühl und Respekt erfahren.«

Georg Rammer | Lebenshaus Schwäbische Alb | 20.09.2016 | Die Produktion von Hass | http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/009989.html

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3 Antworten zu „Auch Armut und Ausgrenzung sind Gewalt!“

  1. Sabrina schreibt:

    Ja… viele Punkte sind unumstößlich. Leider. Mutig, dass zu schreiben. Anstatt mit Mitgefühl und Lebensbejahung ( oder Liebe) zu reagieren, füttern sie weiter den Teufelskreis… Schade. Kluge Köpfe machen sich kluge Gedanken, die so lebensfeindlich sind, dass sie noch mehr Katastrophen hervorrufen. Naja. Das kann man wirklich nicht mehr genug ausdiskutieren. Reden hilft anscheinend nicht. Gegen Dummheit kann man nichts entgegen bringen!

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  2. sunnymoeller schreibt:

    Auf den Punkt!

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  3. Dao Humanyu schreibt:

    Sehr gut analysiert!

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